Stalingrad vor 80 Jahren nach 14 Monaten Krieg in der Ukraine – völlig vergessen? Tat- und Opferspuren der 16. Panzer-Division aus Münster, Speerspitze im Vernichtungskrieg, vernichtet in Stalingrad

Zum 19. November vor 80 Jahren, Wendepunkt im 2. Weltkrieg im Osten, hierzulande verdrängt

 

Stalingrad vor 80 Jahren nach 14 Monaten Krieg in der Ukraine – völlig vergessen?  Tat- und Opfer-Spuren der 16. Panzer-Division aus Münster, Speerspitze im Vernichtungskrieg, vernichtet in Stalingrad, (Teil I bis 19. November 42) zusammengestellt von Winfried Nachtwei, MdB a.D., (11/2022)

In diesen Wochen vor 80 Jahren tobte und brannte die Hölle von Stalingrad, verbluteten, verbrannten, erfroren, verreckten Hunderttausende deutsche, rumänische, sowjetische Soldaten und eine unbekannte hohe Zahl an Zivilbevölkerung . Im Norden des Kessels ging eine Division zugrunde, die aus Westfalen stammte: die 16. Panzer-Division (PzDiv) aus Münster, der „Stadt des Westfälischen Friedens“.

Im August 1942 lagen hinter der Division 14 Monate den Angriffskrieg gegen die Sowjetunion auf dem Boden der Ukraine.

„Am frühen Morgen des 23. August 1942 rollte die 16. Panzer-Division durch die Steppe vom Don nach Osten. Am Abend standen ihre Truppen am Ufer der Wolga“ nördlich Stalingrad. So beginnt der Klappentext des SPIEGEL-Bestsellers „Stalingrad“ des britischen Militär-historikers Anthony Beevor. Die 16. Panzer-Division galt als „Speerspitze“ und „Rammbock“ der 6. Armee. Die 16. PzDiv ist diejenige von insgesamt 21 Wehrmachts-divisionen in Stalingrad, die bei Beevor bei weitem am häufigsten zur Sprache kommt.

Nachdem die Masse der 6. Armee nachgerückt war, begann am 13. September 1942 der deutsche Großangriff zur Eroberung der ganzen Stadt. Mitte November lagen die Leichen von über 4.000 Männern der 16. PzDiv auf dem Divisionsfriedhof an der Bahnstrecke Nord-Stalingrad – Frolow. Am 19. November begann die sowjetische “Operation Uranus“. Vier Tage später war die 6. Armee mit mehr 250.000 Mann eingekesselt. Von der 16. PzDiv kehrten nach Jahren der Gefangenschaft nur 128 in die Heimat zurück.

Das Denkmal der 16. PzDiv steht – wenig wahrgenommen – in Münster an der  Nordseite des Schloss-platzes am Kalkmarkt hinter „Zigarren Lammerding“ und in Sichtweite des Stabs-gebäudes des Deutsch-Niederländischen Corps. Zur Kriegszeit befand sich dort das Generalkommando des VI. Armeekorps der Wehrmacht und der Befehlshaber des Wehrkreises VI (Rheinland und Westfalen). Aus dem Wehrkreis wurden insgesamt 14 Divisionen in den Krieg gegen die europäischen Nachbarn entsandt. Dass in diesem Gebäude seit 27 Jahren ehemalige Kriegsgegner auf der Basis der UN-Charta integriert für kollektive Sicherheit zusammenarbeiten, ist ein positiver Kontinuitätsbruch sondergleichen.

Über Jahrzehnte trafen sich am „Stalingrad-Denkmal“ ehemalige Soldaten der 16. Panzer- und Infanterie-Division. In den 90er Jahren versäumte ich, ihre letzten Zeitzeugen zu befragen.

Mit dem Tod der letzten Divisionsangehörigen scheint die Erinnerung an diese Division und ihre furchtbare wie mahnende Kriegsgeschichte zu verwehen. Die monströse Horrorschlacht scheint 80 Jahr danach auch in der vielfältigen und engagierten bundesdeutschen Erinnerungskultur kein Thema zu sein.

Erinnern an Soldaten, die – gezwungen oder überzeugt – Mitmarschierer und Mittäter waren und Opfer wurden, ist zwiespältig, fällt schwer. Der seit neun Monaten wütende russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Missbrauch der Kollektiverinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“ für die Kriegspropaganda des Putin-Regimes lässt die Erinnerung an den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg vor 80 Jahren noch mehr in den Hintergrund treten. (Dabei könnte  d i e s e  Erinnerung Verständnis für den Wider-standswillen der Ukraine gegen jede weitere Okkupation und Bereitschaft zum Beistand für die Überfallenen fördern.)

Mit den folgenden Materialien will ich einige Anstöße gegen das Vergessen geben. Sie knüpfen an frühere Beiträge an.

In Stalingrad fiel der deutsche Angriffs- und Vernichtungskrieg auf seine militärischen Mitmarschierer, Wegbereiter, Macher, vor allem auf die einfachen Soldaten zurück. Es war eine in jeder Hinsicht verlorene Armee, sich auflösend im Strudel des Untergangs. In ihrem absoluten, blinden Gehorsam und ihrer Realitätsverleugnung wurden Generale, eine ganze militärische Führung zum Henker der eigenen Soldaten.

Zum Zeitpunkt der Schlacht von Stalingrad war die Sowjetunion der Hauptträger der militärischen Verteidigung gegen den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg. Lange vor der alliierten Invasion in Italien im September 1943 und in der Normandie im Juni 1944 trugen die Völker der Sowjetunion bei weitem die blutige Hauptlast dieser Verteidigung. Die Gegenoffensive vom 19. November 1942, die Einkesselung und Vernichtung der 6. Armee war ein strategischer und nicht nur psychologischer Wendepunkt im Krieg der Überfallenen gegen Nazi-Deutschland.

(1) Erste Jahre:

1939 lagen Verbände der 16. Infanterie-Division in Münster (Stab, Teile Inf.Rgt. 79, Teile Art.Rgt. 52), Rheine, Hamm, Soest, Lüdenscheid, Arnsberg, Dortmund, Minden. Im Mai 1940 nahm die Division teil am Kriegszug durch Luxemburg, Belgien nach Frankreich. Im Juli wurden ihre rückkehrenden Verbände in den Heimatgarnisonen (in Münster auf dem Prinzipalmarkt) bei Paraden bejubelt. Danach erfolgte die Teilung der Division: Aus der Masse der 16. I.D. entstand zusammen mit dem Panzerregiment 2 der 1. Pz.Div. die 16. Panzer-Division.; als „Panzer-Lehr-Division“ in Rumänien, im März 1941 im Kontext des Balkankriegszuges nach Bulgarien.

(2) Angriff auf die Sowjetunion, Kriegsspur in der Ukraine

Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion mit 81 Infanterie-Divisionen, 17 Panzer- und 15 motorisierte Divisionen, 9 Polizei- und Sicherungsdivisionen, mit 3.350 Panzern und über 2.000 Flugzeugen, insgesamt 3.050.000 deutsche Soldaten (mit verbündeten Armeen sogar vier Millionen). Es war die größte Angriffsstreitmacht der Weltgeschichte.

Die 16. Panzer-Division aus dem Wehrkreis VI/Münster gehörte zur Heeresgruppe Süd, die  998.000 Soldaten, 962 Panzer und 969 Flugzeuge umfasste. Ihr Angriff führte südlich der Pripjet-Sümpfe durch den Großraum der heutigen Ukraine mit den strategischen Zielen Dnjepr, Kiew, Donezbecken. Zur HG Süd gehörten die 6., 17. und 11. Armee sowie der Panzergruppe 1, die 16. Panzerdivision bis Juni 1942 zur 1. Panzergruppe bzw. –armee, danach zur 6. Armee. (Eine Armee umfasste um 100.000 Mann, eine Division 10.-20.000 Mann)

Den Fronttruppen der Wehrmacht folgten unmittelbar als mobile Massenmordkommandos die Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und SD: Die Einsatzgruppe C mit den Sonder-kommandos 4a, 4b und den Einsatzkommandos 5 und 6 (insgesamt rund 700 Mann) der Heeresgruppe Süd in der nördlichen und mittleren Ukraine, die Einsatzgruppe D (10a, 10b, 11, a, 11b, 12, insgesamt rund 600) der 11. Armee der Heeresgruppe Süd in die südliche Ukraine.

Am 24. Juni 1941 überschritt die 16. PzDiv (III. Pz.Korps) die sowjetische Grenze bei Sokal-Krystinopol am Bug.

Stationen der 16. PzDiv

Viele der Städte/Gebiete, wo damals Kesselschlachten, Kämpfe und Massenerschießungen stattfanden, tauchen seit Monaten in der Kriegsberichterstattung aus der Ukraine wieder auf.

Uman-Kessel August 1941: 15 sowjetische Divisionen vernichtet, 100.000 Gefangene.

– Am 16./17. August 1941 eroberte die 16. PzDiv Nikolajew am Schwarzen Meer, Allein von den 2.400 Soldaten des Regiments 64 waren inzwischen 269 gefallen und 714 verwundet.

Kesselschlacht bei Kiew im September 1941: „Das XI. Korps trieb die Russen von Südwesten her der 16. PzDiv vor die Rohre. (…) Die Kompanien umgingen keine Ortschaften mehr; sie säuberten Dorf für Dorf.“ Nach der Schließung des Kessels am 24. 9.: „Insgesamt wurden 51 russische Divisionen vernichtet, 665.000 Gefangene eingebracht.“ (Werthen 1958, S. 65 ff.)

– Schlacht am Asowschen Meer September/Oktober 1941: 100.000 Gefangene.

– Schlacht um Rostow im November 1941, erstmaliger Rückzug auf breiter Front.

Mius-Stellung: Kompanien der Division umfassen durchschnittlich noch 40 Mann, 50% der Gefechtsfahrzeuge ausgefallen. Das Regiment 64 hatte seit 22.6. 1.662 Ausfälle, 406 Tote, 1.232 Verwundete, 34 Vermisste.

Aus den Briefen des Truppenarztes Helmut Machemer, Aufklärungsabteilung der 16. Panzerdivision, Fronterfahrungen Herbst 1941 bis Frühjahr 1942 in der Ukraine

Er schildert die verbissenen, opferreichen Kämpfe, wo bei der ersten Schneeschmelze das Schmelzwasser rot war, „die Erde ist hier buchstäblich mit Blut gedüngt.“ Ein Assistenzarzt aus einer Infanterie-Division berichtet ihm im Februar 1942: „Mehr als 2.000 km sind die Leute zu Fuß gewetzt bis hierher, täglich 30, 40 km und dann zwischendurch gekämpft. Dann wieder gewetzt in den Dreck und Schlamm. Die Wagen noch geschoben, weil die Pferde schlapp machten. Krankmeldungen durfte es so gut wie nicht geben, die Leute mussten immer wieder ran. Und sie haben es auch gemacht. Aber jetzt ist es mit Ihnen zu Ende.“ (Machemer S. 272) Mehr als die Hälfte der übrig gebliebenen Mannschaft sei untauglich geworden. „Ich habe da einen schönen Anschiss bekommen vom Divisionsarzt, der das einfach nicht glauben wollte.“

Ende April 1942 aus der Winterstellung am Mius in den Raum Stalino (Donezk) / Makejewka

– Im Mai Gefechte bei Isjum, Oblast Charkow, am Ufer Slwersky Donez 125 km südöstlich Charkow; (23. Juni 1942 bis 5. Februar 1943 von der Wehrmacht besetzt) bei Berwenkowo und Losowaja; Ende der Kesselschlacht von Charkow mit 20 Schützendivisionen, 7 Kaval-leriedivisionen und 14 Panzerbrigaden auf Seiten der Roten Armee; laut Wehrmachtsbericht angeblich 240.000 sowjetische Gefangene, durch die 16. PzDiv 31.500 Gefangene, 700 Mann eigene Verluste.

– Im Juni nach Norden Skripai, Buluk, Kessel von Woltschansk – Tschujujew – Kubjansk („Unternehmen Wilhelm“), angeblich 24.000 sowjetische Gefangene, davon 2.200 bei der 16. Pz.Div.

– 22. Juni Angriff auf Kupjansk am Oskol („Unternehmen Friederikus“, Gewinnung eines Brückenkopfes), Ablösung, zurück nach Makejewka; Wechsel vom III. Panzerkorps zum XIV. Panzerkorps der 6. Armee. (mit 3. und 60. mot. Infanterie-Division)

– Im Juli Beginn der Sommeroffensive, Ziel: die Wolga in 400 km Breite von Saratow bis Stalingrad, die Ölfelder des Kaukasus, Vereinigung mit dem Afrikakorps in Persien und Angriff längs der Wolga in den Rücken Moskaus. An der Front von Kursk bis Taganrog Aufmarsch von fünf deutschen Armeen, hinter ihnen je eine rumänische, ungarische und italienische Armee.

„Bis zum Februar 1942 waren von den etwa 3,3 Millionen sowjetische Soldaten, die bis dahin  in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, rund zwei Millionen gestorben – verhungert, erfroren, von Seuchen hingerafft und erschossen.“ Reinhard Rürup (Hrsg.): Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1945, Berlin 1991, S. 108) Von den insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg starben bis 1945 über drei Millionen.

– 8. Juli Ein Major befiehlt Angriff über ein erkanntes Minenfeld, „Die Panzer hatten starke Verluste. (…) Das Unternehmen blieb liegen.“ (Werthen S. 97) Eine Gruppe der Division erreicht den Donez südlich Lissitschansk (Lyssytschansk). Die Masse der Division erreicht den Raum Artemowsk (Bachmut) am 14. Juli.

– Vormarsch nach Osten, fast kampflos; Wechsel zur 4. Panzerarmee, die zusammen mit der 2. und 6. Armee (Paulus) die Heeresgruppe B bilden; Donsteppe

„Am 22. Juli stand die 16. Pz.Div. bei Bobowskaja am Tschir. In zehn Tagen hatte sie die   Zone überwunden. Vor ihr lag nun der Große Donbogen; 150 km Luftlinie bis zur Don-Wolga-Enge, 200  km Luftlinie bis Stalingrad!“ (S. 99)

Kämpfe am Großen Donbogen, Höhepunkt am 29.-31. Juli:

  1. Juli -11. August Panzerschlacht von Kalatsch: 8.300 sowjetische Gefangene, 275 Panzer zerstört. Von 13.000 Soldaten der sowjetischen 181. Schützendivision können nur 105 über den Don entkommen.

„1.000 Panzer waren der Division seit dem 22. VI. 41 zum Opfer gefallen.“ (Werthen S. 104)

(3) Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg, „Holocaust durch Kugeln“

Orte der größten Massenerschießungen auf dem Gebiet der Ukraine (Auswahl) (Reichskommissariat Ukraine, Distrikt Galizien, Transnistrien, Ostukraine unter dt. Militärverwaltung; von 26 Oblasten mit ihren Gebietshauptstädten und rund 100 Bezirken, insgesamt weit mehr als 600 Orte der Vernichtung)

1941, 5.Juli, Gebietshauptstadt Lemberg (Lwiw): Erschießung von etwa 2.000 männlichen Juden in einem Waldgebiet außerhalb der Stadt durch die Einsatzkommandos 5 und 6. Am 25.-27. Juli ermordeten pro-deutsch-ukrainische Nationalisten etwa 2.000 bis 3.000 Juden (Petljura-Pogrom). Bei der Umsiedlung von 80.000 Juden in das Ghetto der Stadt im Dezem-ber Ermordung von 5.000 alten und kranken Menschen. Ab 19. März Deportation von etwa 15.000 Juden in das Vernichtungslager Belzec, im August von weiteren 40.000 Juden nach Belzec. Nach der Umwandlung des Ghettos im Januar 1943 in ein sog. „Judenlager“ Erschießung von 15.000 bis 20.000 Juden in den Sandgruben Piaski.

Im September 1941 war auf einem Fabrikgelände das sog. Janowskalager errichtet worden. Im Mai 1943 wurden 2.000 Gefangene ermordet, um Platz für die Deportierten des „Judenlagers“ zu schaffen. Insgesamt dürften im Janowskalager 35.000-40.000 Juden ermordet worden sein.

Im Gebiet (Oblast) Lemberg lebten zur Zeit des deutschen Überfalls etwa 260.000 Juden.

Die direkt am Bug liegende Stadt Sokal wurde am 22. Juni von Truppen der Panzergruppe 1 (darin der 16. Panzer-Division), besetzt. Die Hälfte der Einwohnerschaft waren Juden. „Schon am 22. Juni wählten Offiziere der ersten deutschen Truppen , die nach Sokal kamen, unter den Juden elf Personen aus, misshandelten sie und erschossen sie anschließend an der Wand der römisch-katholischen Kirche. Dies waren die ersten Opfer der Shoah in der Ukraine. In 12 Städten des Gebiets wurden Ghettos errichtet.“ (S. 73)

Während der deutschen Besatzung in der Zeit von 1941 bis 1944 wurden im Gebiet Lemberg insgesamt 215.000 einheimische Juden ermordet. Ungefähr 117.000 Juden wurden in die Vernichtungslager, hauptsächlich Belzec, deportiert und dort ermordet.“ (Zabarko S. 73).

1941, 9. Juli Beginn der Judenerschießungen im Gebiet (Oblast) Shitomir: im Juli 3.000, im August 10.000, im September ungefähr 27.000, im Oktober 5.500 und im November 3.000. Von 1941-1944 wurden insgesamt 55.000 Juden aus 135 Städten, Siedlungen und Dörfern erschossen.  5.000 Juden erschossen. In der Gebietshauptstadt Shitomir wurden im Juli und August etwa 2.000 Juden durch das Sonderkommando 4a unter SS-Standartenführer Paul Blobel ermordet, laut anderen Quellen 5.000.  Am 19. September erschoss das Sonderkommando 4a im Bogun Wald außerhalb der Stadt 3.145 Juden, (S. 282)

(Bis Januar 1942 ermordete das Sonderkommando 4a unter Blobel ca. 60.000 Menschen. Ab Juni 1942 führte Blobel die „Sonderaktion 1005“, mit der sämtliche Spuren der Massenmorde der Einsatzgruppen restlos beseitigt werden sollten. Vgl. Andrej Angrick, „Aktion 1005“, Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942-1945, Göttingen 2018; zur Ukraine S. 341 ff.) )

1941, August  in Kamenez-Podolski 23.600 Juden erschossen durch ein Kommando des Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF) Russland Süd Friedrich Jeckeln unter Mithilfe des Polizeibataillons 320 (erstes Blutbad solchen Ausmaßes)

  1. September in Berditschew 18.600 Juden erschossen durch das Polizeiregiment Süd, Reservepolizeibataillon 45 und die Stabskompanie Friedrich Jeckelns

19./20. September in der Gebietshauptstadt Winniza 15.000 Juden durch eine Einheit des EK 6 zusammen mit den Polizeibataillonen 45 und 314 erschossen. „Am 16. April 1942 wurde in Winniza die letzte große „Aktion“ durchgeführt. (…) 5.000 Alte, Frauen und Kinder wurden (…) zu Fuß oder per Lastwagen zu der Gärtnerei gebracht, auf deren Gelände (…) sieben Monate zuvor bereits 10.000 Menschen ermordet worden waren. (…):

21.-23. September in Nikolajew (ukr. Mykolajiw) 7.000 Juden erschossen durch das Sonderkommando 11a (Nikolajew wurde am 16. August von der 16. PzDiv besetzt, am  17./18.  August rückte das Sonderkommando 11a ein; im Gebiet (Oblast) Nikolajew wurden von Juni bis Dezember 1941 insgesamt 31.100 Juden ermordet, 1942 weitere 8.700.

24./25. September in Cherson 5.000 Juden durch das Sonderkommando 11a erschossen mit Unterstützung des Sonderkommandos 10a und Soldaten der 72. Infanteriedivision

29./30. September bei Kiew (s.u.)

  1. Oktober in Uman durch das Polizeibataillon 304 5.400 jüdische Zivilisten und 400 jüdische Kriegsgefangene erschossen, laut anderen Quellen 6.000 oder 9.000.
  2. Oktober in Dnjepropetrowsk 10.000 Juden erschossen durch Angehörige der Stabskompanie von Friedrich Jeckeln und des Polizeibataillon 314

20./21. Oktober in Mariupol 8.000 Juden erschossen durch SD (S. 1008)

05./06. November in Rowno 15.000 Juden erschossen durch Ordnungspolizei und das Außenkommando Rowno des Einsatzkommandos 5

  1. Dezember ff. in Charkow (Charkiw), Schlucht von Drobyzkyi Jar etwa 16.000 Juden erschossen durch das Sonderkommando 4a unter Paul Blobel mit Unterstützung des Polizeibataillons 314.

1942, Januar Artemowsk (Bachmut): In den Stollen des ehemaligen Kalkbergwerks begingen Wehrmachtsangehörige Erschießungen an der Bevölkerung. Am 9.-12. Januar ermordeten  Angehörige der Einsatzgruppe C etwa 3.000 Juden, indem sie diese in den Stollen 50-70 m unter der Erde bei lebendigem Leib einmauerten. Die Wände wurden abgesprengt, um die Tat zu vertuschen. Die 17. Armee leistete logistische Unterstützung.

(vgl. W.N., Bachmut, Ostukraine – Drei Kriege: seit Mai bis heute, 2014/15 und 1941/42, 14.09.2022,. https://domainhafen.org/2022/09/14/bachmut-ostukraine-drei-kriege-seit-mai-bis-heute-2014-15-1941-42/

Beevor, S. 33: Das Hauptquartier der 6. Armee arbeitete „beinahe auf dem gesamten Vormarsch von der Westgrenze der Ukraine bis nach Stalingrad mit dem SS-Sonderkommando 4a zusammen, das im Rücken dieser Verbände sein Unwesen trieb. Und die Stabsoffiziere waren sich der Aktivitäten dieser SS-Einheiten nicht nur sehr wohl bewusst, sondern sie stellten auch Einheiten zur Verfügung, die dabei halfen, Juden in Kiew zusammenzutreiben und sie in die Todesschlucht von Babij Yar zu transportieren.“ Bei diesem größten Massaker in der besetzten Sowjetunion am 29./30. September 1941 wurden mehr als 33.000 Menschen ermordet. (Verantwortlicher Planer war der Höhere SS- und Polizeiführer Russland Süd Friedrich Jeckeln, vormals HSSPF West in Düsseldorf, ab Oktober 1941 HSSPF Ostland und Russland Nord in Riga. Hier organisierte er die Ermordung von 27.000 Rigaer Juden am 30.11. und 8.12.1941.) Die Propagandakompanie 637 der 6. Armee „druckte die Plakate für einen Sammlungsaufruf an die Juden von Kiew. (..) Das Pionierbataillon 113 sprengte nach dem Massaker die Wände der Schlucht, um die Leichen zu begraben.“ (Jens Wehner/MHM-Katalog S. 18)

Am 10. Oktober 1941 erließ von Reichenau den Befehl über das „Verhalten der Truppe im Ostraum“. Der Soldat habe zweierlei zu erfüllen:

die völlige Vernichtung der bolschewistischen Irrlehre, des Sowjet-Staates und seiner Wehrmacht; die erbarmungslose Ausrottung artfremder Heimtücke und Grausamkeit und damit die Sicherung des Lebens der deutschen Wehrmacht in Russland. Nur so werden wir unserer geschichtlichen Aufgabe gerecht, das deutsche Volk von der asiatisch-jüdischen Gefahr ein für allemal zu befreien.“ Dadurch „entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte einseitige Soldatentum hinausgehen. Der Soldat ist im Ostraum nicht nur Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden. Deshalb muss der Soldat für die Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben.“ Der Befehlshaber der Heeresgruppe Süd, Feldmarschall von Rundstedt, unterstütze den Befehl voll und ganz.

Den deutschen Erschießungskommandos fielen allein in der Ukraine 1,6 Millionen jüdische Menschen zum Opfer.

  1. Schlacht um Stalingrad 23. August bis 19. November
  2. November 1942 bis zur Kapitulation 2. Februar 1943

(4) Vorstoß zur Wolga / Stalingrad und Luftüberfall

Werthen (1958, S. 106

Erste Wehrmachtsdivision an der Wolga: „In der Nacht zum Sonntag, dem 23. VIII., überschritt die 16. PzDiv an der Spitze des XIV. Pz.Korps die 140 m lange Pontonbrücke über den Don. Um 4.30 Uhr brachen die Panzer der KG Sieckenius wie auf dem Exerzierfeld in breitem Keil aus dem Brückenkopf heraus, dicht gefolgt von KG Krumpen und v. Arenstorff. Links rollte die 3., rechts die 60. I.D. (mot.) nach Osten. (…) Nach hartem Gefecht überwand die 16. Pz.Div. den Tatarengraben und überquerte südlich Kotluban die Bahnlinie Frolow-Stalingrad. Eisenbahnzüge gingen in Flammen auf. (…)

Am frühen Nachmittag erblickten die Kommandanten der Panzer am Horizont rechts drüben die imposante Silhouette der Stadt Stalingrad, die sich 40 km lang an der Wolga hinstreckte. Fördertürme und Schlote, Hochhäuser und Türme sahen aus den Qualmwolken der Brände hervor. (…) Gegen 15.00 Uhr kam feindliches Feuer auf. Von den nördlichen Vorstädten, Spartakowka mit seinem Traktorenwerk, Rynok und Lataschinka stand russische Flak, von Frauen bedient. Sie empfingen die Angreifer mit ihren Granaten. Geschütz für Geschütz mussten 37 Feuerstellungen von PzAbt. v. Strachwitz und II/64 niedergekämpft werden. Und dann standen die ersten dieersten Panzer an dem überragenden Westufer der Wolga. (…) Zur Nacht igelte die Division am Nordrand der stadt nahe am Strum. (…) Die Stellung an der Wolga war besonders gefährdet. Noch waren 3. Und 60. I.D. (mot.) nicht heran.“

 

Beevor, S. 129 ff.

„Am 21. August 1942 überquerten Infanteriekompanien bei Einbruch der Dämmerung in aufblasbaren „Floßsäcken“ und Sturmbooten den Don.“ Sie erreichten und befestigten einen Brückenkopf, Pionierbataillone schlugen darauf eine Pontonbrücke. „Kurz nach der Mittagsstunde des 22.August war die erste Brücke fertig, und General Hubes 16. Panzer-division, „der Rammbock des Korps“, begann mit der Überquerung. (…)“

Am 23. August begann bei beginnender Dämmerung der Vormarsch. Am Nachmittag wurden die Panzertruppen von Wellen von Junkers-88- und Heinkel-Bombern und Stukas (angeblich um 1.200 Flugzeuge) überflogen.

Der 23. August wird für die Musterstadt Stalingrad und ihre Bewohner zum Inferno. Dem Angriff der 6. Armee voraus geht der Angriff der Luftflotte 4 unter Generaloberst Wolfram von Richthofen. Seine Flieger „begannen staffelartig mit dem Abwurf von Bombenteppichen nicht nur auf industrielle Ziele, sondern auf alles. (…) Brandbomben gingen auf die Holzbauten im Südwesten der Stadt nieder. Die Häuser dort verbrannten vollständig. (…) Die großen Öltanks an der Wolga wurden ebenfalls getroffen. Ein Flammenball schoss etwa 500 m hoch in den Himmel, und während der folgenden Tage konnte man aus einer Entfernung von mehreren hundert Kilometern die schwarze Rauchsäule sehen. Bomben zerstörten das Telefonamt sowie das Wasserwerk, und selbst das Hauptkrankenhaus von Stalingrad wurde von einer Reihe von Bomben getroffen. (..) Der Luftüberfall auf Stalingrad war der konzentrierteste an der Ostfront überhaupt. (..) Die Staffeln der Luftflotte 4 flogen an jenem Tag insgesamt 1.600 Einsätze und warfen 1.000 to Bomben ab, wobei sie nur drei Maschinen verloren. Einigen Schätzungen zufolge haben sich in Stalingrad zu diesem Zeitpunkt fast 600.000 Menschen aufgehalten, 40.000 wurden in der ersten Woche der Bombenangriffe getötet.“

(General von Richthofen war Befehlshaber der Legion Condor, die 1937 die spanische Stadt Guernica zerstörte. Hier erprobte er die Taktik der direkten Luftunterstützung für Boden-truppen und entwickelte sie bei der Eroberung der Niederlande und Frankreichs weiter. (vgl. Macgregor S. 140 f.)  Sein VIII. Fliegerkorps zerstörte im April 1941 Belgrad und tötete 17.000 Zivilisten. Die MHM-Ausstellung zeigt auch die 1921 geb. Jagdfliegerin Lidja W. Litwjak, die im September 1942 den ersten deutschen Bomber über Stalingrad abschoss. „Als sie Mitte 1943 tödlich abgeschossen wurde, war sie mit mindestens elf Luftsiegen die erfolgreichste Jagdfliegerin der Roten Armee.“ MHM-Katalog S. 296. Insgesamt gab es in der Roten Armee drei rein weibliche Flugregimenter.)

Nachdem die 16. PzDiv, die „Speerspitze“ der 6. Armee, am 23. August nahezu ungehindert fast 40 km über die Steppe vorgestoßen war, empfing sie an der Nordwestecke Stalingrads wildes Flakfeuer.

Der Widerstand erfolgte von jenen Batterien, die von jungen weiblichen Freiwilligen bedient wurden, die kaum die höhere Schule verlassen hatten.“ Nur wenige hatten das vorher geübt, keine war darin ausgebildet. (Ergänzender Hinweis bei der MHM-Ausstellung: Arbeiter des Traktorenwerkes hätten mit 60 neuen T 34 verhindert, dass die 16. PzDiv handstreichartig in die Stadt eindringen konnte. MHM-Katalog S. 41)

„Die Mannschaften der Flakbatterien erwiesen sich als erstaunlich widerstandsfähig. Laut Hauptmann Sarkisjan „weigerten sich die Mädels, in den Bunker herunterzugehen.“ Der Bericht der 16. „ließ keinen Zweifel an der Tapferkeit dieser jungen Frauen: ´Bis in den späten Abend hinein müssen 37 feindliche Flakstellungen, die vielfach von zäh und verbissen kämpfenden Frauen bedient wurden, Geschütz für Geschütz niedergekämpft werden.` Die deutschen Panzertruppen waren entsetzt, als sie herausfanden, dass sie auf Frauen geschossen hatten. Die Russen finden diese Art von Zimperlichkeit (…) unverständlich, wenn man in Betracht zieht, dass Richthofens Bomber in Stalingrad am selben Nachmittag viele Tausende Frauen und Kinder getötet hatten.“ (S. 135)

„Jene Arbeiter die nicht direkt mit der Waffenproduktion für den unmittelbaren Bedarf beschäftigt waren, wurden für „Spezialbrigaden“ der Miliz mobilisiert. (…) Es wurden Munition und Gewehre verteilt. Aber viele der Männer erhielten erst eine Waffe, nachdem ein Kamerad gefallen war. Im nördlichen Industrievorort Spartakowka wurden schlecht bewaffnete Bataillone der Arbeitermiliz mit vorhersehbaren Ergebnissen gegen die 16. PzDiv in den Kampf geschickt. Studenten der Technischen Universität, die an der nördlichen Flanke der Stadt Gräben aushoben, fuhren auch dann mit ihrer Arbeit fort, als sie bereits von der 16. Panzerdivision unter Feuer genommen wurden.“ Das Lehrpersonal „beteiligte sich beim Aufbau eines „Zerstörer-Bataillons“ der örtlichen Verteidigung. (…) Als Bataillonskommis-sarin fungierte eine junge Mechanikerin aus der Traktorenfabrik, die auf den Bau von T 34 umgestellt worden war. Dort sprangen die Freiwilligen bereits in die Panzer, bevor diese ihren Anstrich erhalten hatten. Sobald Munition (….) aufgeladen war, fuhren sie die Fahrzeuge vom Fließband weg direkt in die Schlacht, obwohl sie bezüglich der Feuerkraft noch über erhebliche Mängel verfügten.“

Durch den schnellen Vormarsch war die Verbindung der 16. PzDiv zu den nachrückenden Infanterie-Divisionen abgerissen. Die Verluste bei den Einheiten der Division erreichten 300 Mann pro Tag. Die Division verfügte nur noch über 75 einsatzfähige Kampfpanzer. Da die Flanken der Division von Rotarmisten der  35. Schützen-Division eingeschlossen waren, erließ Divisionskommandeur General Hube folgenden Befehl:

„Die Knappheit an Munition und Treibstoff führt dazu, dass unsere einzige Chance darin liegt, nach Westen durchzubrechen. Ich weigere mich strikt, eine sinnlose Schlacht zu führen, die mit der Vernichtung meiner Truppen enden muss und erwarte daher den Befehl, nach Westen ausbrechen zu dürfen. Ich werde die volle persönliche Verantwortung für diesen Befehl übernehmen und werde ihn bei den zuständigen Stellen zu rechtfertigen wissen. Meine Herren, ich entbinde Sie hiermit von Ihrem Treueeid und überlasse Ihnen oder den Männern, denen Sie das Kommando übertragen, die Entscheidung. Es ist unmöglich unsere Stellungen ohne Munition zu halten. Ich handle hiermit gegen den Führerbefehl.“ (Zitiert bei David M. Glantz: Armageddon in Stalingrad: September–November 1942 (The Stalingrad Trilogy, Volume 2). University of Kansas Press, Lawrence 2009, S. 3)

Die 60. (mot.) Infanteriedivision erreichte am 30. August ihr Ziel und unterstützte die eingeschlossene 16. Panzerdivision. Wikipedia-Eintrag zur 16. Panzerdivision),

An der Nordflanke erbeutete ein Kradbataillon „Lent-and-lease-Material, das aus Lieferungen aus dem ´Pachtleihvertrag` mir den Amerikanern stammte“ und sich bald großer Beliebtheit erfreute. „Die Offiziere der 16. Panzer-Division hielten insbesondere die amerikanischen Jeeps mit ihren frisch aufgemalten sowjetischen Emblemen für weit bessere Fahrzeuge als ihre eigenen Kübelwagen.“ (S. 137)

„Die deutschen Bombardierungen der Stadt wurden mit einem ´großen Luftangriff` am Nachmittag des 25. August fortgesetzt.“ Die Luftwaffengeschwader fuhren „fort, die Stadt in ihrer ganzen Länge zu zertrümmern.“

(5) Evakuierung von Frauen und Kindern über die Wolga

Beevor S. 138  ff.

„Schließlich gestattete man den Frauen und Kindern von Stalingrad, auf den vom NKWD beschlagnahmten Booten zum Ostufer überzusetzen. (…) Die Überfahrt war gewiss ebenso gefährlich wie das Verbleiben auf dem Westufer, weil die Luftwaffe ständig Boote angriff, welche die Wolga überquerten. (…) Die Familien, die übersetzten, sahen schwärzliche Leichen, die verkohlten Klötzen glichen, vorbeitreiben, und Teile des Flusses standen immer noch wegen aus den Vorratstanks ausgelaufenen Öls in Flammen. (…)

Die Geschütze der 16. Panzerdivision waren ebenfalls seit diesem ersten Sonntagabend im Einsatz und machten ihre Anwesenheit an der Wolga durch Versenkung eines Frachtdampfers und Beschießung eines Kanonenboots deutlich. Außerdem nahmen sie die Eisenbahnfähre unter Feuer, hinterließen ein Wirrwarr von verbrannten und zerschossenen Waggons und versenkten im Laufe der nächsten Tage sieben Flussschiffe. Die Panzermannschaften bezeichnete diese als „Kanonenboote“  und schienen nicht zu erkennen, dass sie auch zur Evakuierung von Zivilisten dienen konnten.

Am dritten Abend  beschossen deutsche Panzer einen Raddampfer, der Frauen und Kinder von der Stadt zum Ostufer brachte. Als sie Hilfeschreie und Weinen hörten, baten die Soldaten ihre Kommandeure, einige er Schlauchboote der Pioniere benutzen zu dürfen, um diese Menschen zu retten. Aber der zuständige Leutnant weigerte sich mit dem Argument:

„Wir kennen die Art, wie der Gegner Krieg führt.““ (S. 139)

„Bei der ersten Gelegenheit schrieben die Soldaten von der Wolga nach Hause, dass sie stolz seien, zu den ersten zu gehören, die an der neuen Ostgrenze des ´Großdeutschen Reiches` standen.“

(6) Septemberkämpfe und „Rattenkrieg“

Ab 3. September greifen deutsche Truppen die Außenbezirke von Stalingrad an, Am 13. September beginnt die Schlacht um das Zentrum von Stalingrad, das am 26. September fast ganz in deutscher Hand ist.

Beevor S. 165 ff.

Kämpfe um den Mamai-Hügel, das Getreidesilo an der Wolga, den Hauptbahnhof, der in fünf Tagen fünfzehnmal den Besitzer wechselte. „Rattenkrieg“: Die Schlacht von Stalingrad brachte „eine vollkommen neue Art der Kriegführung, die sich in den Ruinen des Zivillebens konzentrierte. Der Schutt des Krieges (..) mischte sich mit den Trümmern menschlicher Wohnstätten.“ Ein Lagerhaus an der Wolga ähnelte einem „Schichtkuchen mit Deutschen im Obergeschoss, Russen darunter, und weiteren Deutschen unter diesen. Der Feind war oft nicht auszumachen, da jede Uniform vom gleichen dunklen Staub bedeckt war.“

Das Kämpfen in Stalingrad war „noch furchterregender als die unpersönliche Metzelei in Verdun. Der Nahkampf in Ruinen, Bunkern, Kellern und Kanälen wurde von deutschen Soldaten sehr bald als „Rattenkrieg“ bezeichnet. „ Wenige deutsche Kommandeure gaben zu, „dass es die eigenen Flugzeuge waren, die ideale Voraussetzungen für die Verteidiger geschaffen hatten. „Im Nordteil von Stalingrad“, so ein Leutnant, „steht kein Haus mehr, eine ausgebrannte Steinwüste, eine Wildnis von Schutt und Trümmern, nahezu unwegsam.“ (179)

„Ein erheblicher Teil der Kämpfe bestand nicht aus Hauptangriffen, sondern aus unaufhörlichen, tödlichen, kleinen Auseinandersetzungen. Die Schlacht wurde geschlagen durch Angriffstrupps, die im allgemeinen sechs bis acht Soldaten umfassten, die aus der „Stalingrader Akademie für Straßenkämpfe“ hervorgegangen waren. Sie rüsteten sich selber mit Messern und geschärften Spaten aus, um ganz leise töten zu können.

Werthen, 1958

Ende Oktober „trat an der Front Ruhe ein. Ein Vierteljahr harter, pausenloser Kämpfe lag hinter der Division. (…) Nun waren die Kompanien ausgeblutet, die Überlebenden abgespannt und übermüdet, Waffen und Material abgenutzt. Auffrischung war das Gebot der Stunde. Im Dontal warteten vorbereitete Quartiere, Verpflegungs- und Materiallager auf die erschöpften Grabenkämpfer. Aber die Lage ließ es nicht zu. Der Der Kampf in Stalingrad war noch nicht siegreich beendet.“ (116) Zu dem Zeitpunkt war die Division auf 4.000 Mann zusammengeschmolzen.

Am 17. November griff die 16. PzDiv Rynok an, den letzten sowjetischen Stützpunkt auf dem Westufer im Norden. Zwei Tage später: „Das Unternehmen der Division gegen Rynok war gescheitert. Die schweren Verluste hatten erneut ihre Kampfkraft geschwächt. Schon lagen 4000 ihrer tapfersten Männer auf dem Divisionsfriedhof an der Bahnstrecke Frolow – Stalingrad. Ein weites Feld von weißen Kreuzen stand in der weißen Steppe.“ (119)

(7) Gegenoffensive „Operation Uranus“

Am 19. November begann der sowjetische Zangenangriff im Süden und Westen. „Die ausgebluteten Kompanien (der 16. PzDiv) wurden zu einer Kampfgruppe zusammengefasst; sie marschierte am 20. XI. im Morgengrauen nach Westen“ – 60 km zum Don. Im Raum Kalatsch wurden die Kräfte der Division gespalten, Kampftruppe von Unterstützungsein-heiten abgeschnitten. Binnen drei Tagen gelang der Roten Armee die Umfassung der Wehrmachtsverbände. „Am 23. XI., am Vorabend zum Totensonntag, waren nahezu 300.000 Mann im Kessel. Ein Vorstoß von 120 Panzern in den Kessel hinein wurde schnell zum Stehen gebracht.“ („Die Grabenstärke der Division betrug etwa 1.000, die Gesamtstärke 7.000 Mann.“ (122)

Quellen

– Antony Beevor: Stalingrad, (1998), München 4. Aufl. 2022 (auch ausführlich zur Seite der Roten Armee und Zivilbevölkerung)

Thorsten Diedrich, Stalingrad 1942/43, Stuttgart (Reclam) 2018

https://www.bundeswehr.de/resource/blob/4303262/44a97bef86306c37c569f4ebde1cd0b8/inhaltsverzeichnis-diedrich-stalingrad-data.pdf

– Jochen Hellbeck: Die Stalingrad-Protokolle – Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht, Frankfurt/M. (Fischer) 2012

– Hans Machemer & Christian Hardinghaus,  (Hrg.), Wofür es lohnte, das Leben zu wagen, Briefe, Fotos und Dokumente eines Truppenarztes von der Ostfront 1941/42, Berlin München Zürich Wien 2018, (Helmut Machemer war Facharzt für Augenheilkunde in Stadtlohn/Münsterland. Er meldete sich freiwillig zur Wehrmacht, um durch Frontbewährung und Tapferkeitsauszeichnungen die „Arisierung“ seiner Familie zu erreichen. Seine Frau Erna war „Halbjüdin“)

– Iain Mcgregor, Der Leuchtturm von Stalingrad, München 2022

– Gorch Pieken/Matthias Rogg/Sven Wehner (Hrsg.): Stalingrad – eine Ausstellung des Militär-historischen Museums der Bundeswehr in Dresden, Begleitband und Katalog, Sandstein Verlag Dresden 2012, hier: Autor/MHM-Katalog (Die vom 14.12.2012 bis 30.04.2013 laufende Sonderausstellung war einzigartig: Neben dem militärischen Verlauf veranschaulicht die Ausstellung die individuellen Erlebnisse der Soldaten beider Seiten, die Kriegsverbrechen der deutschen Truppen, die Auswirkungen der Schlacht auf die Zivilbevölkerung und die Rezeptionsgeschichte der Schlacht. Die Hälfte der über 500 Objekte stammen aus russischen Museen und Sammlungen! Dass diese Sonderausstellung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr stattfindet, ist – gerade im Rückblick auf den Umgang militärischer Traditionalisten mit Stalingrad in früheren Jahrzehnten – eine hoffnungsvolle und starke Botschaft.)

– Theodor Plivier: Stalingrad, Roman, Berlin-Ost 1946, zuletzt Kiepenheuer & Witsch Taschenbuch, Köln 1983, 1996, 2001, 2. Auflage 2011, mit Nachwort von Hans-Harald Müller (Der antimilitaristische Schriftsteller Plivier war als Nicht-KPD-Mitglied seit 1934 in der Sowjetunion im Exil. Er konnte deutsche Feldpostbriefe und Tagebücher, die der Roten Armee in die Hände gefallen waren, auswerten und ausführlich deutsche Kriegsgefangene aller Dienstgrade interviewen. Der dokumentarische Roman gilt als besonders authentisch. „Stalingrad“ wurde schon 1943/44 in einer deutschsprachigen Moskauer Exilzeitschrift veröffentlicht. Nach dem Krieg wurde er in über zwanzig Sprachen übersetzt und erreichte eine Weltauflage von mehr als zwei Millionen. Im Berliner Rundfunk wurde der Roman voll vorgelesen und auch als Wandzeitungsroman verbreitet. Ende der 40er Jahre war es das meistrezensierte Buch nach Thomas Manns „Doktor Faustus“. Nach Pliviers Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone 1947 geriet der Roman dort über Jahrzehnte „in Vergessenheit“. In Westdeutschland warnte 1963 der damalige Generalinspekteur Foertsch, ein auf dem Roman basierender Fernsehfilm könne die Soldaten in ihren Aufgaben zur Verteidigung der demokratischen Freiheiten beirren. Plivier diffamierte er als kommunistischen Autor, den Roman als sowjetische Auftragsarbeit.)

– Stadtarchiv Münster, „Stalingraddenkmal“, https://www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale/zum-zweiten-weltkrieg/stalingrad-denkmal mit Links zu weiteren Beiträgen, z.B. Sabeth Goldemann, Ich hatt` einen Kameraden – Die Kameradschaft der 16. Panzer- und Infanterie-Division, Münster 2017

– Wikipedia, 16. Panzer-Division, https://de.wikipedia.org/wiki/16._Panzer-Division_(Wehrmacht)

– Wolfgang Werthen: Bildband der 16. Panzer-Division, Bad Nauheim 1956

– Ders.: Geschichte der 16. Panzer-Division 1939-1945, hrsg. vom Kameradschaftsbund 16. Panzer- und Infanterie-Division, Kameradenhilfswerk e.V., Bad Nauheim (Podzun) 1958

– Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Stalingrad – Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht, Frankfurt (Fischer) 2012

– Boris Zabarko – Margret Müller – Werner Müller (Hrg.), Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine – Zeugnisse von Überlebenden, Berlin 2019)

 

Eigene Beiträge: – Rundgang Kriegerdenkmäler an der Promenade in Münster – 78. Jahrestag des Angriffs der Münsteraner 16. Panzerdivision auf Stalingrad, 23.08.2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1653

– W.N., Menschen retten – Menschenschlachthaus: Gegensätzliche Militärwelten. Planspiel ressortgemeinsames Handeln CERASIA an der Führungsakademie der Bundeswehr (in den Tagen, als vor 75 Jahren die Schlacht von Stalingrad endete), 04.02.2018, www.nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1516

W.N., Stalingrad vor 70 Jahren: 16. Panzerdivision aus Münster – Speerspitze im Vernichtungskrieg, vernichtet in Stalingrad, zusammengestellt im Januar 2013, www.nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1187 ; in Westfälische Nachrichten: „Apokalypse Stalingrad – Am 2. Februar 1943 ging die Schlacht zu Ende, in der viele, zuvor in Münster stationierte Soldaten starben“ von Karin Völker, www.wn.de/Muenster/70.-Jahrestag-der-Apokalypse-In-der-Schlacht-um-Stalingrad-starben-viele-zuvor-in-Muenster-stationierte-Soldaten

 

II  19. November 1942 bis zur Kapitulation 2. Februar 1943

(Teil II wird angesichts jüngerer Literatur noch überarbeitet)

 

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