Buchpremiere „Mein Großvater, der Täter“ von Lorenz Hemicker im Gespräch mit Prof. Dr. Carlo Masala – Erinnern für die Gegenwart

Eine einmalige, mutige und ehrliche Spurensuche zu einem Großvater, der an der Massenerschießung der Rigaer Juden beteiligt war.

Buchpremiere „Mein Großvater, der Täter“  von Lorenz Hemicker im Gespräch mit Prof. Dr. Carlo Masala – Erinnern für die Gegenwart, von Winfried Nachtwei (Mai 2025)

Am 5. Mai stellte Lorenz Hemicker, seit 2014 Mitglied der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen und zzt. Chef vom Dienst Online, im Renaissance-Theater in Berlin sein neu erschienenes Buch „Mein Großvater, der Täter – Eine Spurensuche“ vor, abwechselnd im Gespräch mit Prof. Dr. Carlo Masala (Sicherheitsexperte) und durch Lesung einzelner Kapitel. Das Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen. Ich nahm an der Buchpremiere teil, weil ich der Spurensuche von Lorenz Hemicker in besonderer Weise verbunden bin.

Am 30. November und 8. Dezember 1941 ermordeten Männer des Einsatzkommandos 2 von Sicherheitspolizei und SD und ihre Helfer im Wald von Rumbula im deutsch besetzten Riga über 27.000 jüdische Menschen. Der Befehlshaber und Cheforganisator des Massakers war der Höhere SS- und Polizeiführer (HSSPF) Russland Nord und Ostland Friedrich Jeckeln. Dieser hatte auf dem Boden der Ukraine zwischen Ende August und Mitte Oktober 1941 allein bei den vier größten „Aktionen“ die Erschießung von über 95.000 jüdischen Menschen organisiert. Zu seinem Stab gehörte der Tiefbauingenieur und SS-Offizier Ernst Hemicker aus Kierspe im Sauerland. Dieser plante die Erschießungsgruben und führte Aufsicht bei einer Grube. Verurteilt wurde er dafür nie. Er starb 1973.

Mit der Ermordung der allermeisten Rigaer Juden wurde im bisherigen Ghetto „Platz geschaffen“ für die angekündigten Deportationszüge mit 25.000 Menschen aus dem „Großdeutschen Reich“ – aus dem Raum Berlin, Nürnberg, Stuttgart, Wien, Hamburg, Köln, Kassel, Düsseldorf, Münster/Osnabrück/Bielefeld, Hannover, Theresienstadt, Leipzig, Dortmund.

Der Enkel Lorenz Hemicker wuchs Jahrzehnte später mit einer vagen Ahnung auf, welches Verbrechens sich sein Großvater, der vor seiner Geburt gestorben war, schuldig gemacht hatte. Er kannte nur ein paar Sätze, die sein Vater bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Freundes- und Bekanntenkreis wiederholte. Als beide 2011 nach Lettland reisen wollten, um mehr über die Taten von Ernst Hemicker zu erfahren, starb der Vater unerwartet.

Für Lorenz Hemicker wurde diese Zäsur der Beginn einer jahrelangen Suche nach den Spuren seines Großvaters. Wo Täterkarrieren in der NS-Zeit jahrzehntelang ein Tabuthema in den Familien der deutschen Nachkriegsgesellschaft waren, fand sich der Enkel damit nicht ab, duckte sich nicht weg. Hartnäckig recherchierte er zu dem Werdegang von „Ernst“ und zum Umgang mit der Tätervergangenheit in der Familie und im Heimatort. Dieser war 1896 geboren, Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, Teilnehmer am Ruhrkampf, beruflicher Abstieg, Hinwendung zum „Jungdeutschen Orden“, einem elitär-antijüdischen Bund, 1933 Beitritt zur SS, 10. September 1941 Einberufung zum Stab Jeckeln in Kiew, der Mitte Oktober 1941 nach Riga versetzt wurde. Die Spurensuche führt Lorenz Hemicker an den Ort des Massakers, zu Überlebenden des Holocaust in Riga und in die Tiefen deutscher Weltkriegsarchive. Dabei entstand das Bild eines Mannes, der wie viele andere mit ihm – vom Jedermann zum Täter wurde und dessen Taten seinen Sohn und seinen Enkel noch lange über seinen Tod hinaus wie ein Schatten begleiteten.

Ausführlich kommen in dem Buch auch die Ghetto- und KZ-Überlebenden Alexander Bergmann, langjähriger Vorsitzender des Vereins der ehemaligen jüdischen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands, und Margers Vestermanis, der letzte jüdische Partisan Lettlands und Historiker zu Wort. Zu diesen hatte Hemicker schon 2015 und 2017 große Artikel in der FAZ veröffentlicht.

Das Buch spielt sich auf drei Ebenen ab: der journalistischen Spurensuche, der Geschichte des Enkels, des Vaters und der Familie, der ermittelten Geschichte des Großvaters und Täters. Mit journalistischer Professionalität und Einfühlungsvermögen lüftet der Autor dicke Schichten des Schweigens und Herausredens. Die Stationen und Selbstreflexionen des Spurensuchers rücken Gegenwart und Vergangenheit viel dichter zusammen.  Das Buch ist eine Genugtuung und befreiende Tat gegenüber den Abertausenden Opfern und ihren Hinterbliebenen. 84 Jahre nach dem „Rigaer Blutsonntag“ kann mit dem Publikumsbuch „Mein Großvater, der Täter“ erstmalig in Deutschland eine breitere Leserschaft von dem Menschheitsverbrechen an den Rigaer Juden erfahren. Dafür ist Margers Vestermanis Lorenz Hemicker herzlich dankbar, wie er mir vor der Buchpremiere mitteilte. Er fand es auch ausgesprochen angemessen, dass zwei bekannte sicherheitspolitische Fachleute das Buch vorstellten – Personen, die sich mit heutigen Bedrohungen von Frieden und Freiheit auseinandersetzen und für die Lernen aus der Geschichte zur Grundausstattung gehört.

Dem Buch wünsche ich eine ungewöhnlich gute Verbreitung!

Die Botschaft des fast 100-jährigen Holocaust-Überlebenden und Historikers Margers Vestermanis angesichts der politischen Großwetterlage (zusammengefast aus unseren regelmäßigen Telefonaten)

(Der mehrsprachige Margers beobachtet die politischen Entwicklungen in Lettland, dem Baltikum, in Russland, Deutschland und Europa zeitlebens mit großer Wachsamkeit und enormem historischen Wissen.) 

Am zweiten Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine erinnerte sich der 96-jährige Ghetto-Überlebende, der am 9. Mai 1945 seine Befreiung durch die Rote Armee erlebt hatte, an das Jahr 1939. Damals der deutsche Angriff. Jetzt der russische Angriff. (Er sieht Parallelen und weiß zugleich um die Systemunterschiede.)  Es sei genau wie in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre: Sehenden Auges ließ man Hitler agieren. Dass man das am Lebensende erleben muss, dass die Fehler sich wiederholen, dass die vier Urenkel da ihr Leben beginnen – eine abscheuliche Zeit!

„Für uns Juden“ sei die Lage besonders dramatisch: Beim Kampf gegen Hitler sei Russland für uns die große Hoffnung gewesen. Jetzt sei Russland der Feind. Der Feind Europas.

Ganz Europa werde in der Ukraine angegriffen. Wir seien alle gemeinsam Europäer gegen einen gemeinsamen Feind. Wenn wir bloß nationale Interessen verteidigen würden, werde Russland weitere Aggressionen anzetteln! Es gehe nicht nur um die Ukraine, um das Baltikum. Es gehe um die Stellung Russlands, das Aufwachsen des Imperiums, den Westen als Feind.

Wieweit sei das Land und die Bevölkerung bereit, sich der Situation zu stellen? Der russischsprachige Bevölkerungsteil in Lettland befürworte eindeutig die Idee einer russischen Großmacht. Mit Phrasen, Plakaten und Demonstrationen sei wenig geholfen. Es gehe um die Verteidigung Europas. Dazu sei Europa nicht bereit – das sei dramatisch! Reden über Demokratie schön und gut. Aber heute gehe es um Widerstand, militärische Widerstand. Und dafür brauche es Waffen.  Dazu sei die Bevölkerung nicht bereit. Verbreitet seien Verdrängung und Wunschdenken.

Es sei wie am Vorabend des 2. Weltkrieges, als viele nicht sehen und kämpfen wollten.  Dass Europa sehenden Auges ins eigene Unglück gehe, sei nicht zu verstehen! In seinem Alter sei er vor weiteren schrecklichen Entwicklungen geschützt. Aber er habe Urenkel, die ihr Leben anfangen wollen – in einer hoffnungslosen Situation!

Anmerkung W.N.: In der deutschen Erinnerungskultur bleibt das richtige „Nie wieder!“ meist auf die Bekämpfung von demokratiefeindlichen Ideologien und innenpolitisch beschränkt. Die sicherheitspolitische Dimension des Umgangs mit Friedensbedrohungen und Aggressoren (siehe  Art. 1 VN-Charta), das „Nie wieder wehrlos, nie wieder allein!“ bleibt sehr oft ausgeklammert.    

Warum ich der Spurensuche von Lorenz Hemicker besonders verbunden bin

Erst mit dem Unabhängigkeitsprozess im Baltikum Ende der 1980er Jahre wurden die dortigen Orte des deutschen Vernichtungskrieges zugänglich. Bei einer ersten Reise in das noch sowjetische Riga im Sommer 1989 stießen meine Frau Angela und ich auf die Spuren des Rigaer Ghettos und die verwahrlosten Orte von Massenerschießungen. Nichts erinnerte dort daran, dass hier massenhaft vor allem jüdische Menschen ermordet worden waren. Das ließ uns nicht los. Kontakte zu lettischen und deutschen Holocaust-Überlebenden waren der Anstoß für eine sich ausbreitende Erinnerungsarbeit zum Rigaer Ghetto und zu den Deportationen dorthin. Diese mündete vor 25 Jahren mit Unterstützung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Gründung des Deutschen Riga-Komitees der Hauptherkunftsorte der Deportationen und 2001 in der Einweihung der Gedenkstätte Bikernieki. Seitdem breitete sich die Erinnerungsarbeit zum Ghetto Riga bundesweit aus. Zum einzigartigen Erinnerungsnetzwerk des Riga-Komitees gehören inzwischen über 80 Städte. Ihren Niederschlag fand diese Graswurzel-Erinnerungsarbeit in regionalen, aber fast gar nicht in überregionalen Medien. Der Massenmord an den lettischen, deutschen und österreichischen Juden ist bis heute in der deutschen Öffentlichkeit nur unterproportional bekannt. Das einmalige Buch von Lorenz Hemicker bietet die große Chance, das über rund 50 Jahre vergessene und verdrängte Kapitel des Judenmords in Riga breiteren Kreisen zugänglich zu machen.

Zweitens bin ich der Spurensuche von Lorenz Hemicker besonders verbunden, weil wir uns bei der Spurensuche 2010 begegneten. In meiner aktiven MdB-Zeit vorher hatte ich ihn als Redakteur des sicherheitspolitischen Magazins „Loyal“ kennengelernt. Im Januar 2010 schrieb er mir in einer E-Mail, er habe über meine „Kurzmeldungen zur Friedens- und Sicherheitspolitik“ von meiner Spurensuche zum Naziterror in Riga erfahren. Er eröffnete mir, dass sein Großvater zu den Tätern von Riga gehörte. Er sei als SS-Angehöriger und Tiefbauingenieur verantwortlich für die Planung von Massengräbern gewesen. Obwohl er ihn nie kennengelernt habe, beschäftige ihn das Thema mit zunehmendem Alter. Denn neben dem an sich für ihn heute unfassbaren Leid, das er mitverantwortete, hätten die Verbrechen seinen Vater (71) traumatisiert. Er würde seinem Vater (und sich selbst) gern mehr Wissen darüber verschaffen, was genau mein Großvater angerichtet habe und welche persönliche Rolle er gespielt habe. Vielleicht verfüge ich über weitere Hinweise, die ihm bei seinen Recherchen weiterhelfen könnten. Oder ob ich um Überlebende wisse, die gegen ein Gespräch mit ihm u.U. nichts einzuwenden hätten. Ich übersandte ihm etliche Materialien zum Judenmord in Riga.

Lorenz Hemicker schildert in seinem Buch auf S. 40 unsere Kontaktaufnahme zu Riga, dass ich ihm die Zusammenfassung des Urteils gegen Ernst und Literaturempfehlungen zum Massenmord in Riga geschickt hätte, vor allem aber die Tür zu jenen Überlebenden der Schoah geöffnet, die er nun ohne seinen Vater aufsuche wollte.  Auf seinem LinkedIn-Post am 7. Mai 2025 dankt er „Winfried Nachtwei, ohne den ich auf meiner Spurensuche niemals ans Ziel gekommen wäre.“

ANHANG: Frühe Berichte und Beiträge zum Komplex Rumbula – und aktuelle angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine

(1) Bericht von der ersten Reise von Angela + Winfried Nachtwei nach Riga im Juli 1989 (nach dem Reisetagebuch) ( http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=1597 )

(…) Über eine ausführliche Buchbesprechung von Anita Kugler in der taz war ich auf das Buch „Judenmord in Lettland“ des lettisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden Dr. Bernhard Press gestoßen.[1] Schockierend, in welchem Ausmaß Judenverfolgung und –vernichtung von lettischer Seite mitgetragen wurde. (…)

Großes Ghetto in der Moskauer Vorstadt: Lacplesa, Moskavas (hier Grenze), dann Kijevas, Ludzas iela bis zur Ecke des Kleinen Ghettos und der Ghetto-Kommandantur. An diesem äußerst schwülen Sonntagnachmittag ist alles völlig leer. Das ganze Viertel runtergekommen, viele Bebauungslücken, verrottete Holzhäuser wie größere Steinbauten. Das einzige vollständig erhaltene jüdische Ghetto des 20. Jahrhunderts! (Press S. 73)

Am 27. November 1941 Plakatanschlag, dass am 29.11. um 9.00 Uhr alle Männer in der Sadownikow iela (heute Franzes iela) anzutreten hätten. Es geschieht nichts. Nachmittags neue Anordnung, dass Evakuierung am 30.11. um 6.00 Uhr beginnen solle. Die Vernichtungsaktion beginnt am Abend und umfasst die zentrumsnahe Hälfte des Ghettos. Vor allem lettische Polizei und Kommandos, schwer betrunken; zuerst Massaker in Altersheim; Vertreibung aus den Wohnungen, viele an Ort und Stelle erschossen; Kinder aus dem Fenster geworfen; die Menschen wurden aus dem Ghetto über die Ludzas iela bis nach Rumbula getrieben (bis dahin nur winzige Bahnstation), wo ab 8.15 Uhr bis 19.45 mehr als 15.000 Menschen erschossen werden, darunter auch gerade aus Deutschland eingetroffene Juden. Die zweite Evakuierung und Mordaktion am 8. Dezember mit 11.000 Opfern. Insgesamt 27.800 am 30.11. und 8.12. aus dem Ghetto nach Rumbula! (…)

Mit dem Zug zur Ministation Rumbula. Gerate zunächst jenseits von Bahn und Hauptstraße zu einer Mülldeponie. Mit Zeichensprache und aufgemalter 1941 kann ich deutlich machen, worum es mir geht. Einer der Männer führt mich zurück, entlang den beiden Bahnsteigen, am Bahndamm Richtung Riga hinauf zu einem abgebrochenen Asphaltweg. 50 Meter neben der Bahn im hügeligen Fichtenwald mit Abständen ca. zehn Massengräber. An der Hauptstraße dasselbe Hinweisschild wie in Bikernieki. Asphaltierte Wege, bei den ersten Massengräbern der offizielle Gedenkstein auf Lettisch und Russisch „1941-1944 wurden hier im Wald von Rumbula 50.000 sowjetische Bürger, politische Häftlinge, Kriegsgefangene und andere Opfer des Faschismus grausam ermordet und erschossen“. Kein Wort, dass hier nur Juden aus Lettland und dem Ausland liegen! (Anm. 2019: Laut nachsowjetischen Forschungen wurden in Rumbula am 30. November und 8. Dezember 1941 27.500 Gefangene des lettisch-jüdischen Ghettos von Riga erschossen.) Hundert Meter weiter bei anderen Massengräbern gestatte die Regierung den Juden nach längeren Verhandlungen die Aufstellung eines zweiten Steines „Den Opfern des Faschismus“ auf Lettisch, Russisch und Jiddisch. Außerdem kleine Tafeln mit den Daten 30. November und 8. Dezember 1941.

Am Jahrestag der Ermordungen versammeln sich hier Überlebende, sei den 1960er und 70er Jahren auch Jüngere. Dabei gab es auch Worte gegen verschleierten Antisemitismus in der aktuellen Politik. Gedenkveranstaltungen wurden seitens des KGB durch Umstellungen, Fotografieren und laute Musik gestört. (…)

Erste Begegnung mit Margers Vestermanis (11. Juli, letzter Tag; Kontakt über Prof. Krupnikovs): Ich treffe an der Turmuhr am Hauptbahnhof wie verabredet einen Herrn um die 65 Jahre, weißes Haar, Zeitung mit lateinischen Buchstaben unterm Arm. Mit der Buslinie 385 die Deglava iela ganz raus, durch den sehr breiten Gürtel hunderter Wohnmaschinen, ca. neun Stockwerke, acht und mehr Eingänge, zig Mal derselbe Haustyp aus Fertigbauteilen, das Gelände drum herum so belassen, Wiese und ab und zu eine Birke, keine sonderliche Gestaltung – ganz im Unterschied zu Minsk. (…)

Als die deutsche Wehrmacht Riga besetzte (1. Juli 1941) war V. 16 Jahre alt. Am 30. November 1941 war er beim Aufräumen der Leichen im Ghetto dabei. Zusammen mit einem Kameraden hatte er auf der blutüberströmten, vereisten Luczas iela mit einem Kinderschlitten Leichen aufzusammeln und auf dem Alten Jüdischen Friedhof zu stapeln. Eine Kolonne war zum Erschießen aufgestellt, da kam eine schwarze Limousine mit Jeckeln (Höherer SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord), er schaute auf die Uhr, „Aktion beendet“.

Vom Ghetto aus leistete er Zwangsarbeit beim Bahnhofs-Kommando. Wegen kurzfristiger Abwesenheit wurde er vom Chef verprügelt. Er drohte ihm Bunker an, dann Strafeinsatz im Truppenwirtschaftslager der Waffen-SS. Arbeit in der Tischlerwerkstatt. Geschichte von einem baumlangen, rothaarigen Rottenführer mit Drohungen („du wirst heute Abend erschossen – ich gehe ficken“) und „Moralischem“ („ich habe noch nicht gelernt, dich zu verprügeln“). „Der größte Mörder hat auch menschliche Seiten.“

Nach Auflösung des Ghetto Riga Anfang November 1943 war er Gefangener des KZ Kaiserwald, dann im SS-Seelager Dundangen in Kurland (Zwangsarbeit von 1941-1944), von wo ihm am 27. Juli bei einem Gewaltmarsch von Häftlingen die Flucht in den Wald gelang und er auf eine Partisanengruppe der „Waldbrüder“ stieß. Nach der Befreiung Rigas im Oktober 1944 war die Heeresgruppe Nord der Wehrmacht mit der 16. und 18. Armee im Kurlandkessel eingeschlossen. Er traf auf den Wehrmachtsdeserteur Egon Klinke, Gefreiter, Kraftfahrer bei der Luftwaffe, ca. 25 Jahre, hochgewachsen, schlaksig. Seine Partisanen-einheit wurde im Dezember 1944 umzingelt und zerschlagen, von den 22 Männern können nur Egon und Margers entkommen. In der Neujahrsnacht haut Egon ab und kommt durch eine Handgranate um`s Leben. (…) Als Margers Vestermanis vom „Rigaer Blutsonntag“ berichtet, kommt die Erinnerung hoch, scheint im Gesicht aus der Ferne wieder. Sonst ist er sehr gefasst, nüchtern, farbig erzählend, witzig, sehr detailliert. (…)“

(2) Gedenkreise des Deutschen Riga-Komitees 2010 nach Riga – Beiträge Nachtwei, 21.07.2010, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=989

Meine Erläuterungen am Wäldchen von Rumbula

Von der Maskavas iela biegen wir ab auf die Salaspils, dann Lokomotives iela entlang der nach Südosten führenden Bahnanlage. Wir sehen den roten Backsteinbau der Station Skirotava, wo sich 1941 die Opferspuren kreuzten: Abfahrtsort der sowjetischen Deportationszüge nach Sibirien, dann Ankunftsort der Deportationszüge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. Einige Kilometer weiter wieder zurück auf die inzwischen mehrspurige Maskavas iela, wo schließlich linker Hand eine kurze Stichstraße in das Wäldchen von Rumbula führt. Von den Gedenksteinen am Eingang schlängelt sich ein Weg in das Wäldchen. Auf einer Lichtung ein Feld mit kleinen, mittleren und größeren Granitsteinen, auf denen die Namen der jeweiligen Familien eingraviert sind. Aus ihrer Mitte wächst eine wie ein Wurzelgeflecht gestaltete Menora (siebenarmiger Leuchter). An der Seite des Steinfeldes der Einzelstein der zehnjährigen Geneka Koch, im Unterschied zu früheren Jahren geschmückt mit etlichen Blumen, Püppchen. Umgeben ist die Lichtung von mehreren großen Gevierten: die Massengräber.

Der Höhere SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord Friedrich Jeckeln hatte die Umgebung Rigas nach einem geeigneten Ort abgesucht und war dabei auf das Wäldchen zwischen der kleinen Bahnstation Rumbula und der Maskavas iela gestoßen. Fachleute in seinem Stab berechneten den Raumbedarf an Gruben und planten in sie hineinführende Rampen. Damit sollte der Mordprozess beschleunigt werden.

Es war ein eiskalter Wintertag, der 30. November 1941. Die Marschkolonnen aus dem Ghetto wurden seitlich von lettischer Hilfspolizei bewacht, vorne und hinten von deutschen Kräften. Unterwegs wurden Menschen, die nicht mehr konnten, sofort erschossen. Das vorbereitete Gelände war abgesperrt. Zuerst mussten sich die Menschen bis auf die Unterwäsche entkleiden, dann noch letzte Wertgegenstände in Holzkisten werfen, dann über die Rampen in die Gruben steigen, sich hinlegen. Hier wurden sie von einem kleinen Trupp von Männern es Einsatzkommando 2 erschossen. Für die Schützen stand reichlich Schnaps bereit. Laut Zeugenaussagen in einem späteren Prozess soll es auf dem Gelände von Uniformierten gewimmelt haben. Das war Jeckeln`s Methode: Viele in die Mitwisserschaft einbeziehen – und damit in die Mithaftung. Von 8.15 bis 19.45 Uhr wurden in Rumbula 15.000 Menschen ermordet. Am Abend sei die Mordaktion schon Stadtgespräch gewesen, bald später berichteten darüber der britische und sowjetische Rundfunk.

Ein ehemaliger Wehrmachtssoldat, der im Stabsgebäude des Einsatzkommando 2 (Ecke Raina bul./Reimersa iela) als Dolmetscher arbeitete (Jürgen Ernst Kroeger[2]), berichtete mir 1992, wie er den Abend dieses „Rigaer Blutsonntag“ erlebt hatte: Das Erschießungskommando kam zurück, verdreckt und angetrunken, und zog sich zurück in die Kantine im Keller. Schon bald habe er deutsche Sauflieder gehört wie „In München steht ein Hofbräuhaus“.

Am 8. Dezember folgte eine weitere „Aktion“. Das Reichssicherheitshauptamt in Berlin berichtete in seiner „Ereignismeldung UdSSR“ Nr. 155: „Die Zahl der in Riga verbliebenen Juden – 29.500 – wurde durch eine vom HSSPF Ostland durchgeführte Aktion auf 2.500 verringert.“ Die Adressaten dieser Meldung wussten, was „verringert“ bedeutete.

Stellvertretend für die hier ermordete jüdische Bevölkerung Rigas ist auf einer Plakette das Gesicht der zehnjährigen Geneka Koch zu sehen: „ermordet in diesem Wald, zusammen mit ihren Eltern und ihrem vierjährigen Bruder. Niemand hat vergessen, niemand wird vergessen.“

Damit war „Platz geschaffen“ für die angekündigten Deportationszüge aus dem Reich. Der damalige Führer des Einsatzkommandos 2, Dr. Rudolf Lange, nahm Ende Januar 1942 als einziger höherer des SS-Offizier des Ostens an der Wannsee-Konferenz in Berlin teil.

Seit den 60er Jahren begannen Rigaer Juden damit, gegen die Widerstände der sowjetischen Bürokratie die Gräberstätte würdiger zu gestalten. Sie konnten einen Gedenkstein durchsetzen, auf dem „Den Opfern des Faschismus“ auch in Jiddisch geschrieben war. Gedenkveranstaltungen am letzten Sonntag im November wurden aber notorisch von Parteiorganen und KGB gestört, durch Musik, durch Übergriffe.[3]

(3) Große Artikel von Lorenz Hemicker zu Alexander Bergmann und Margers Vestermanis, letzten Überlebenden des Rigaer Ghettos, in der FAZ 2015 und 2017

( http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=1508 )

Alexander Bergmann, Jahrgang 1925, Rechtsanwalt, langjähriger Vorsitzender des Vereins der ehemaligen jüdischen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands, gestorben am 12.01.2016. Margers Vestermanis, Jahrgang 1925, Historiker, Gründer und langjähriger Leiter des Museums „Jews in Latvia“. Beide hatten alle ihre Familienangehörigen 1941 durch Mord verloren, fast alle in Rumbula. Beide sprachen ausführlich mit Lorenz Hemicker, der von vorneherein seinen familiären Hintergrund offengelegt hatte.

„KZ-Häftling Alexander Bergmann: Ende einer Höllenfahrt“ von Lorenz Hemicker, FAZ 11.04.2015

„Am 11. April 1945 stoßen die Amerikaner Richtung Magdeburg vor. Alexander Bergmann, Gefangener im Außenlager des KZ Buchenwald, hofft auf sie – und fürchtet, in letzter Minute von der SS ermordet zu werden. Der 11. April 1945 beginnt im Magdeburger Außenlager des KZ Buchenwald wie jeder andere, grausame Tag. Nach Verabreichung eines trüben Gesöffs, das die Aufseher Kaffee nennen, erhalten die knapp 800 Häftlinge den Befehl zum Aufstellen. Angetrieben von den Schreien und Schlägen der SS-Männer, nehmen die Reihen Gestalt an. Es sind Reihen ausgezehrter Menschen in gestreiften Häftlingsanzügen, Anzügen und Mützen. An den mit Lumpen umwickelten Füßen tragen sie Holzpantinen. „Ich war einer von ihnen.“ Alexander Bergmann begrüßt den deutschen Gast in seiner Wohnung unweit des Stadtzentrums mit Handschlag. Sein Gang ist unsicher, aus dem Haus wagt sich der 89 Jahre alte Rechtsanwalt nur noch selten. Doch die Erinnerungen an das Ende seiner Höllenfahrt vor siebzig Jahren klingen aus seinem Munde so, als ob er alles erst kürzlich erlebt hätte.

Bergmann stammt aus Riga. Er ist Jude und, als die Deutschen die lettische Hauptstadt im Juli 1941 besetzen, gerade 16 Jahre alt. Dass er im Frühjahr 1945 noch lebt, grenzt an ein Wunder. In den vier Jahren als Gefangener der Nazis hat er Unterernährung, Misshandlungen und Zwangsarbeit ausgehalten. Auch den Mordaktionen der SS ist der kleingewachsene Junge entgangen. Aus einer Gruppe Kranker, die verbrannt werden sollen, holt ihn ein Kapo wieder heraus – weil zwei Personen zu viel gemeldet worden sind. Ein anderes Mal werden die angetretenen Häftlinge einfach abgezählt. Bergmann steht an der richtigen Stelle. Die beiden Häftlinge neben ihm werden ermordet. „Ich habe mich bemüht, nicht aufzufallen“, sagt Bergmann rückblickend. „Aber letztlich hatte ich einfach Glück. (…)“

Video „Sein Verhältnis zu den Deutschen“, 2:30 Min., Video „De Holocaust kann sich wiederholen“, 0:33 Min.. Der ganze Artikel: https://www.faz.net/aktuell/politik/70-jahre-kriegsende/kz-haeftling-alexander-bergmann-das-ende-einer-hoellenfahrt-13527570.html

„Der letzte jüdische Partisan – Margers Vestermanis flieht aus einem Todestreck und überlebt den Holocaust mit einem Karabiner in der Hand. Heute ist er 92. Sein Kampf geht weiter“ von Lorenz Hemicker, FAZ 26.11.2017, mit Fotos und Video.

Riga, im November. Die Dunkelheit hat sich längst über die Stadt gelegt, als der alte Mann mit dem schlohweißen Haar langsam zum Klavier geht. Behutsam lässt er sich auf einem Bürostuhl nieder und beginnt zu spielen. Sanft und entschlossen drücken seine kräftigen Finger die Tasten. Moll-Akkorde und eine traurige Melodie füllen die hohen Räume im ersten Stock eines Altbaus an der Krisijana Barona Iela. Für einen Augenblick scheint es, als ob er in Gedanken wieder mit den anderen Jungen in einem finsteren Keller unter dem Rigaer Ghetto kauert. Als sie über Flucht und Widerstand sprachen, und die jiddischen Zeilen ihres Liedes sangen. „Ghetto, Ghetto, steh uf fun dein tragischem Cholem.“ Bis auf ihn sind sie längst alle tot: Erschossen oder verhungert, erfroren oder gehängt während des Nazi-Terrors im Baltikum. Der letzte Ton verklingt. Dr. Margers Vestermanis legt die Fingerkuppen aneinander wie um eine kostbare Kristallkugel. Dann blickt er dem Besucher aus Deutschland ruhig ins Gesicht: „Das ist wirklich mein Leben.“ (Video Margers Vestermanis „Das letzte Lied“, 2:30 Min.)

Dass Vestermanis 92 Jahre alt geworden ist, grenzt an ein Wunder. Als Mitglied einer gebildeten jüdisch-deutschen Unternehmerfamilie überlebte er vier Jahre des Nazi-Terrors im Rigaer Ghetto, in lettischen Konzentrationslagern und schließlich als Widerstandskämpfer in den Wäldern Kurlands. Das Deutsche habe seiner Familie immer als Zugang zur Weltkultur verstanden, sagt Verstermanis. Doch als die Wehrmacht im Sommer 1941 die Sowjetunion angreift und Riga einnimmt, kommen statt Dichtern Henker. (—)“ Der ganze Artikel: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/der-letzte-ueberlebende-des-ghettos-in-riga-15302933.html

(4) Hoch organisierter Massenmord: Der „Rigaer Blutsonntag“ vor 75 Jahren – der monströse Tatverlauf lt. Landgericht Hamburg, 01.12.2016: http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=1439

(5) „Mein Großvater, der Täter“ – Ein Ausnahmeartikel von Lorenz Hemicker in einem Meer verdrängter deutscher Familiengeschichten, auch als Podcast, 21.03.2021: http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=1683

„Mein Großvater, der Täter –  Ernst Hemicker starb, bevor ich auf die Welt kam. Doch seine Beteiligung am Holocaust lässt mich nicht los“ von Lorenz Hemicker im FAZ Magazin, auf faz.net und als Podcast von Timo Steppat; zusammengestellt von W. Nachtwei, März 2021

(6) Mein Leserbrief zu „Mein Großvater, der Täter“, am 19.03.2021 in der FAZ erschienen: (…) Die Geschichte über Ernst Hemicker habe ich verschlungen. Ich danke seinem Enkel, dem Redakteur der FAZ, von Herzen und empfinde hohen Respekt, dass er die Geschichte über Taten seines Großvaters im Holocaust öffentlich gemacht hat. Auch wenn es der Generationenabstand inzwischen erleichtert – ich vermute, dass immer noch Mut dazu gehört, eine solche Geschichte zu veröffentlichen. Sie gehört zu den ganz wenigen, die bisher überhaupt in einem überregionalen deutschen Medium zum Judenmord in Riga erschienen ist. Dass in Riga und Minsk auch die Massenvernichtung deutscher und österreichischer Juden begann, ist bis heute wenig bewusst. (…)“ https://www.faz.net/aktuell/politik/briefe-an-die-herausgeber/leserbriefe-vom-19-maerz-2021-17251972.html

(7) Erinnerungen an die Riga-Deportationen vor 80 Jahren – hochaktuell angesichts des Angriffskrieges gegen die Ukraine, 16.05.2022, https://domainhafen.org/2022/05/16/erinnerungen-an-die-riga-deportationen-vor-80-jahren-hochaktuell-angesichts-des-angriffskrieges-gegen-die-ukraine/

(8) Bericht von der 4. Gedenkreise des Dt. Riga-Komitees: Meilensteine der Erinnerung + traumatische Erfahrungen mit 50 Jahren wechselnder Okkupation, 02.11.2022, https://domainhafen.org/2022/11/02/bericht-von-der-4-gedenkreise-des-dt-riga-komitees-meilensteine-der-erinnerung-traumatische-erfahrungen-mit-50-jahren-wechselnder-okkupationen/

(9) Wider die Geschichtsvergessenheit – Auszüge aus „Mit Hitler reden“ von Tim Bouverie, 06.04.2023,  https://domainhafen.org/2023/04/06/wider-die-geschichtsvergessenheit-auszuege-aus-mit-hitler-reden-von-tom-bouverie/  

(10) Besuch im Lettischen Okkupationsmuseum: Lektionen für die Gegenwart! 23.08.2023: https://domainhafen.org/2023/08/23/besuch-im-lettischen-okkupationsmuseum-lektionen-fuer-die-gegenwart/

(11) Liste meiner Beiträge zu den Riga-Deportationen, Ghetto Riga, Judenmord in Lettland (laufend aktualisiert), 12/2024

[1] Anita Kugler, Der Judenmord in Lettland, taz 26.06.1989, https://taz.de/!1807952/  Bernhard Press, im Selbstverlag, letzte Auflage Metropol-Verlag Berlin 1992

[2] Vgl. Jürgen Ernst Kroeger, So war es – Ein Bericht, Michelstadt 1989

[3] Zum sechsten Mal seit 2019 fand am 30. November 2024, dem Tag der ersten Mordaktion im Ghetto am Freiheitsdenkmal am Rand der Rigaer Altstadt von 18.00 bis 21.00 eine Solidaritätsaktion statt. Sie ist inzwischen zu einer Tradition geworden. Eine Initiative junger lettischer Intelligenzler, zahllose Lichter erinnern an die am „Rigaer Blutsonntag“ Ermordeten. Auch der Staatspräsident war vor Ort. Margers war für eine Stunde am Freiheitsdenkmal und sprach auch mit dem Staatspräsidenten.

 

 

Translate »