Der erste Völkermord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.
Srebrenica, 30. Jahrestag I. Irma. Das Kind aus Srebrenica – „Hi, mein Name ist Irma. Ich habe lange nach dir gesucht“, Bosnien, Juli 1995: Während des Völkermords von Srebrenica rettet eine deutsche Krankenschwester ein kleines Mädchen. Danach hört sie nie wieder von ihm. Bis sie plötzlich eine E-Mail bekommt. ZEIT DOSSIER 10. Juli 2025, von Bastian Berbner und Simone Gaul
Die Berliner Krankenschwester Christine Schmitz hat „für Ärzte ohne Grenzen Minenopfer in Somalia behandelt. Sie war im Bürgerkrieg in Liberia und arbeitete in Tschetschenien so nah an der Front, dass im OP-Saal die Fensterscheiben wackelten. Sie war auf der griechischen Insel Lesbos, als dort das Flüchtlingslager Moria brannte, und in Uganda, als dort Ebola grassierte. All da habe sie gut verkraften können, sagt Christine Schmitz. Die Einsätze gaben ihr sogar Kraft. „Ich konnte ja helfen.“ Bei einem Einsatz war das anders.
Am 13. Juli 1995 ist sie in Bosnien, in der Nähe der kleinen Stadt Srebrenica. Sie geht an diesem Vormittag vor den Toren eines Stützpunktes, in dem Soldaten der Vereinten Nationen stationiert sind, durch eine Menge von Tausenden Flüchtlingen. Es sind Muslime aus der Gegend, si suchen hier Schutz vor der der Armee der bosnischen Serben, die gerade Srebrenica eingenommen hat. Aber jetzt sind Kämpfer dieser Armee auch hier, mitten unter ihnen. Die Sone brennt, Menschen weinen, vereinzelt sind Schüsse zu hören, so erinnern sich Leute, die dabei waren, so zeigen es auch Videos. Christine Schmitz, damals 31 Jahre alt, bahnt sich einen Weg durch das Chaos, um herauszufinden, wer besonders dringend medizinische Hilfe braucht.
Da kommen zwei Männer auf sie zu. Der eine ist ein bosnisch-serbischer Soldat. Er hat eine Uniform und ein Gewehr, mit dm er den zweiten Mann vor sich herschiebt. Dieser zweite Mann hat ein kleines Mädchen auf dem Arm, vielleicht ein, zwei Jahre alt. Er weint, Christine Schmitz meint in seine Auge Angst zu erkennen, Panik. Sie versteht zuerst nicht, was hier passiert, doch ihre Übersetzerin hilft: Der Mann mit dem Kind versuche zu erklären, seine Frau sei Tod. Da Kind habe nur noch ihn, den Vater.
Dann gibt er Christine Schmitz das Mädchen. Sie nimmt es auf den Arm. Einer der Soldaten, ein Niederländer, der die Szene beobachtet, fragt nach dem Namen des Mädchens und schreibt ihn auf einen Zettel: Irma Hasanovic. Schmitz bringt das Kind nach drinnen, in den von Zäunen umfassten Stützpunkt. Der Vater wird abgeführt. E bleibt in der Gewalt der bosnisch-serbischen Armee. Wie so viele andere muslimische Männer auch.
Alles sei unglaublich schnell gegangen, sagt Christine Schmitz, wenn sie heute davon erzählt. „Ich habe nicht die Dimension dessen gesehen, was da passiert. Ich habe nicht gefragt: Was geschieht mit diesen Männern?“
Christine Schmitz wird damals, vor genau dreißig Jahren, Zeugin eines Verbrechens, das heute oft mit dem Zusatz „das schlimmste in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“ versehen wird. Sie wird Zeugin des Völkermords von Srebrenica. Nur dass sie das in jenem Moment noch nicht weiß. Drinnen im Stützpunkt kümmert sie sich um Verwundete und Schwangere. Einige Tage später werden diese Menschen vom Roten Kreuz abgeholt – auch Irma, das Mädchen, über da Christine Schmitz nun weiß, dass es 17 Monate alt war. Schmitz kehrt zurück ach Deutschland, geht bald in den nächsten Einsatz, den nächsten Krieg. Südsudan, Osttimor, Philippinen, immer dorthin, wo Hilfe gebraucht wird. Der Moment vor dem Stützpunkt in Bosnien aber, der lässt sie nicht mehr los. Ständig sei da diese Frage gewesen: Was wurde aus diesem Kind? Was wurde aus dem Vater? Sie habe sich nie getraut, nach Irma zu suchen, sagt Christine Schmitz. „Es wäre mir emotional wahrscheinlich über den Kopf gewachsen.“
Am Neujahrstag 2021 sitzt sie in Marseille in einem Hotel. In wenigen Tagen wird sie an Bord eines Seenotrettungsschiffes gehen. Da bekommt sie eine E-Mail:
„Hi, mein Name ist Irma. Ich habe lange nach dir gesucht, und jetzt weiß ich nicht, wie ich diese Unterhaltung beginnen soll. Ich kann nicht glauben, dass ich dir diese Zeilen schreibe. So oft bin ich ins Bett gegangen und habe mich gefragt, wie ich dich erreichen kann. Ich bin Nusrets Tochter. Du warst die letzte Person, die meine Vatergesehen hat. Ich hoffe, du erinnerst dich an mich.“ „Da hatte sie mich gefunden“, sagt Christine Schmitz. „Es hat mich umgehauen.“
„Und wie ich mich an dich erinnere. Auch mir fehlen die Worte für as, was ich gerade fühle., wenn ich diese Mail lese. Wir müssen uns treffen.“
(Fortsetzung S. 11-13 des ZEIT DOSSIERS)
Dokupodcast (ZEIT) Irma. Das Kind aus Srebrenica
In dem fünfteiligen Dokupodcast erzählen Bastian Berbner und Simone Gaul die Geschichte der beiden Frauen. Es geht um ihr Leben mit dem Trauma, um den Völkermord von Srebrenica und darum, dass der Krieg von damals noch immer nicht vorbei ist: https://www.zeit.de/serie/irma
Folge 1 Er drückt ihr sein Baby in die Hand – dann wird er abgeführt (45 Min.)
Folge 2 Wo ist mein Papa? (43 Min.)
Folge 3 Der Blauhelm, der nicht eingriff (46 Min.)
Folge 4 Der Soldat, der geschossen hat (55 Min.)
Folge 5 Einer von 8.000 (37 Min.
Podcast „Irma“: Das Kind aus Srebrenica, von Krsto Lazarevic, https://taz.de/Podcast-Irma/!6096267/
Die Zeugin – Christine Schmitz, deutsche Krankenschwester in Srebrenica, DIE SEITE DREI der SÜDDEUTSCHEN am 10. Juli 2015, „Die Zeugin“ von Stefan Klein, http://www.sueddeutsche.de/politik/srebrenica-die-zeugin-1.2558950?reduced=true )
Im März 1995 war die Mitarbeiterin der „Ärzte ohne Grenzen“ aus Tschetschenien zurückgekehrt. Als Ersatz für eine erkrankte Person traf sie am 24. Juni zusammen mit einem australischen Arzt in Srebrenica ein. Am 6. Juli begann der Angriff der bosnisch-serbischen Armee auf die Enklave. Eine Evakuierung war wegen der Bombardierungen nicht möglich. Sie und der Arzt waren die einzigen internationalen und unabhängigen Helfer vor Ort. Sie erlebten die niederländischen UN-Soldaten, die jede medizinische Hilfe verweigerten und keinen einzigen Schuss zur Verteidigung der Enklave abgaben; den Abzug von zehn-, vielleicht fünfzehntausend Menschen, die versuchten sich durch serbische Linien und vermintes Gelände die 80 km nach Tuzla durchzuschlagen; den Rückzug einiger Tausend, hauptsächlich Frauen und Kinder, auf ein verlassenes Fabrikgelände im Weiler Potocari. Hier begegnete Christine Schmitz General Mladic, den sie aufforderte, die Patienten nicht wegschaffen zu lassen. Er reagierte ungehalten – aber die Patienten blieben. Dann begannen die Selektionen, Deportationen.
„Wenn Christine Schmitz heute an Potocari zurückdenkt, dann findet sie, dass es damals durchaus möglich gewesen wäre, den Massenmord zu erkennen, der da in Vorbereitung war. Es fehlte ja nicht an Indizien. (…)“
II: Auszüge aus „Die letzten Tage von Srebrenica“ von David Rohde (1997)