Seit dreieinhalb Jahren wütet der russische Angriffskrieg gegen die Menschen in der Ukraine. Präsident Selensky bekommt Begleitschutz durch europäische Spitzenpolitiker bei Trump.
Rede zum 34. Unabhängigkeitstag der Ukraine am Samstag, 23.08.2025 vor dem Historischen Rathaus in Münster, von Winfried Nachtwei
(In Klammern die Passagen, die über das gesprochene Wort hinausgehen) Mit Bericht und aktuellen Ergänzungen auf www.domainhafen.org , Fotos auf www.facebook.com/winfroed.nachtwei
Aufgerufen zu Demonstration und Kundgebung hatten wieder der Verein „Ukrainische Sprache und Kultur in Münster“, der Verein „“You are. Ukraine-Hilfe aus aller Welt. UAre“, die Abteilung Weltkirche im Bistum Münster, die Gesellschaft für bedrohte Völker u.a. Das Plakat wollte mit Klartext aufrütteln: „Schweigen und Untätigkeit töten – HANDLUNGEN RETTEN“
Der Münsteraner Solidaritätsmarsch beginnt an den Aaseekugeln, führt über die Promenade, Ludgerikreisel, Hauptbahnhof, Servatiiplatz, Promenade, Windhorststraße zum Prinzipal-markt. Die Hunderten Frauen, Kinder und einige Männer sind mit den Nationalfarben geschmückt, etliche in traditioneller ukrainischer Tracht. In ihrer Mitte eine 20 Meter lange Nationalfahne. Lautstark und energisch angestimmt von der stimmgewaltigen Olga machen die Demonstrantinnen ununterbrochen mit Sprechchören auf sich aufmerksam: „Freiheit und Frieden für die Ukraine“, „Russland ist ein Terrorstaat“, „Russland mordet unsere Kinder, jeden Tag und jede Nacht“ … Das sind nicht einfach Demo-Parolen, sondern die schmerz-haften Erfahrungen aller Familienmitglieder, die hier mitlaufen. Die Demonstration erregt in der samstagsvollen Innenstadt viele Aufmerksamkeit, sehr viele bleiben stehen, schauen interessiert, etliche bewegt. Bei der Demonstration zum Unabhängigkeitstag vor drei Jahren waren mir häufig Solidaritätsbekundungen von Passanten aufgefallen. Jetzt sehe ich nur wenige.
Nach der kräftig gesungen Nationalhymne sprechen vor dem Rathaus Mariya Sharko, Vorsitzende des Vereins „Ukrainische Kultur …“, Bürgermeisterin Maria Winkel, Weihbischof Dr. Stefan Zekorn, der kürzlich die Ukraine besuchte, Kajo Schukalla für die Gesellschaft für bedrohte Völker und ich. Dazwischen berichtet Olga Stromberger, Vorsitzende von UAre, vom Schicksal der über 20.000 nach Russland verschleppten Kinder – und der mindestens 648 durch Kriegsgewalt getöteten Kinder.
Zwischen den Rathaussäulen ist ein grünes durchlöchertes Tuch gespannt. Eine Installation nach einer Idee aus Butscha nördlich Kiew, das im April 2002 wegen der dortigen Gräueltaten russischer Truppen weltbekannt wurde. Zäune waren voller Durchschusslöcher. Ein älterer Einwohner konnte kaum noch in sein angestammtes Haus gehen. Eine kanadische Künstlerin kam auf die Idee, die Einschüsse mit Blumen zu übermalen. Da geschieht jetzt im Verlauf der Kundgebung. Vor den Mikrofonen steht auf einem kleinen Tisch eine Laterne. Vor einem Jahr wurde damit begonnen, Zettel mit den Namen und Lebensdaten von gefallenen und getöteten Angehörigen und Freunden in die Laterne zulegen. Damals waren es Dutzende, jetzt weitere mehr als zehn. Unter den anwesenden Ukrainerinnen ist wohl keine, die nicht Nächste im Krieg verloren hat. Bischof Zekorn zeigt ein Bild, das ihm die Witwe ihres gefallenen Mannes geschenkt hat. Es drückt Hoffnung aus.
Zwischendurch singt der ukrainische Chor Tscherwona Kalyna“ bewegend und spielt das Duo „Religimus“. Am Schluss tritt die Tanzgruppe „Prashky“ auf. Die Lebensfreude bleibt ungebrochen.
Im Folgenden meine Rede. Es ist seit dem zweiten Kriegstag meine neunte bei Ukraine-Solidaritäts-Kundgebungen vor dem Münsteraner Rathaus.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich begrüße Sie und Euch vor dem Rathaus des Westfälischen Friedens – dem Großen Versprechen von Frieden zwischen den Staaten und Völkern in Europa.
Die vielen schlimmen Bilder in den Nachrichten sind zum Wegsehen! Wer aber Frieden in Europa will, muss immer wieder hinsehen.Die Nacht zum letzten Donnerstag: Großflächige Luftangriffe: im Osten auf Dnipro, Saporischschja, im Norden Sumy, auf Kiew, im Westen Luzk, Riwne, Dubno; Lwiw nahe der polnischen Grenze, Mukatschewko nahe der ungarisch-slowakischen Grenze. Dort wurde die Elektronikfabrik eines US-Investors getroffen, dort sind Hunderttausende von Binnenflüchtlingen untergekommen.
Seit Monaten gab es immer wieder Massenangriffe mit Hunderten Drohnen, mit Marschflugkörpern und ballistischen Raketen, in Kiew vom 3. auf den 4.Juli achteinhalb Stunden Luftalarm. Immer wieder hieß es, es seien die größten Luftangriffe seit Kriegsbeginn gewesen. Regelmäßig erfolgten sie auch parallel zu wichtigen diplomatischen Treffen, z.B. der internationalen Wiederaufbaukonferenz. Russland praktiziert eine dosierte Vernichtungskriegsführung.
Am heutigen Samstag begehen wir den morgigen 34. Unabhängigkeitstag der Ukraine. Er steht im Zeichen des russischen Angriffskrieges, der die Unabhängigkeit vernichten soll.
In Deutschland ist eher die Rede von Verteidigung der Demokratie, des Rechtsstaats, der Umwelt – weniger von nationaler Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Das sind Besuche östlichen Nachbarn lehrreich. Seit 1989 war ich fast jedes Jahr in Lettland. Gerade komme ich aus Riga zurück, wo ich wieder das Okkupationsmuseum besuchte. Dort wird erschütternd deutlich, was Okkupation bedeutet. In Lettland waren es ein Jahr sowjetische Besatzung und Gewaltherrschaft, dann drei Jahre deutsche, dann 47 Jahre sowjetische. Anschaulich erfährt man dort, wie elementar wichtig national Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind.
Das heutige Datum, der 23. August, steht exemplarisch dafür: Heute vor 86 Jahren schlossen Nazi-Deutschland und die Sowjetunion den „Hitler-Stalin-Pakt“, der auf die Zerstörung polnischer und baltischer Unabhängigkeit zielte. Heute vor 36 Jahren demonstrierte die „Singende Revolution“ mit 1,5 Mio. Menschen in ein einer Menschenkette über 660 km von Tallinn bis Vilnius für baltische Unabhängigkeit. Das eine Datum steht dafür, was an Schlimmstem passieren kann, das andere dafür, was gemeinsam geschafft werden kann.
In Riga war zugleich zu erfahren, wie begründet die dortige Befürchtung ist, nach der Ukraine „als nächste dran zu sein.“ Vor einer Woche war ich in Narva in Estland, der östlichsten Stadt der EU. Einigen ist vielleicht aus den Medien der Prof. Carlo Masala bekannt. Von ihm stammt das Buch „Wenn Russland siegt …“. Er schildert ein Szenario, wie Russland nach einem Sieg über die Ukraine mit einer „kleinen“ Intervention die 50.000-Einwohner-Stadt Narva, zu 90% russischsprachig, besetzt. Dafür will der amerikanische Präsident keinen großen Konflikt mit Russland riskieren. Die NATO löst ihr Beistandsverpflichtung nicht ein – und zerfällt darüber. Das Narva-Szenario ist erschreckend realistisch!
Nach dreieinhalb Jahren Terrorkrieg in Europa: Macht endlich Frieden! Nur wie? Drei Bilder:
Vor sechs Monaten im Weißen Haus, im Oval Office: US-Präsident Trump und sein Vize beleidigen und demütigen Präsident Selensky vor der Weltöffentlichkeit in beispielloser Weise und beschimpften ihn als Friedensstörer. Vorher hatte Trump Putin schon enorme Zugeständnisse gemacht. Der amerikanische Präsident geradezu als Hochverräter an europäischer Sicherheit.
Alaska vor einer Woche: Roter Teppich für den Hauptkriegsverbrecher, jubelnde Moskauer Press.
Vor fünf Tagen in Washington, Weißes Haus (ich zeige das Foto, wo die neun europäischen Spitzenpolitiker auf Stühlen vor dem Präsidentenschreibtisch sitzen, dahinter Trump vor dem Altar seiner Herrschaftsinsignien): Da sitzen die mächtigsten Männer und Frauen Europas wie Schüler vor dem Boss der Schule. So der erste Blick. Aber die Situation ist grundver-schieden zum Februar: Präsident Selensky ist nicht mehr allein, hat europäischen Begleit-schutz. Dieser war erst am Tag zuvor beschlossen worden. Alle waren gut vorbereitet, sprachen mit verteilten Rollen. Kanzler Merz sprach mehrfach die Notwendigkeit eines Waffenstillstandes an, wovon Trump inzwischen abgerückt war. Beobachter bewerteten die Atmosphäre als freundlich, zugewandt, tatsächlich als „normal.“ Konstatiert wurden vier Kernbotschaften: Bei einem Gipfeltreffen müsse die Ukraine beteiligt sein; das Treffen müsse gut vorbereitet sein; es dürfe keine aufgezwungenen Gebietsabtretungen geben; notwendig seinen starke Sicherheitsgarantien, an denen auch die USA beteiligt sein sollten.
Das Washingtoner Treffen machte deutlich, dass sich Spitzen von EU und NATO so klar für eine tatsächliche Friedenslösung und gegen einen Kapitulationsfrieden einsetzen wie nie zuvor. Sie wissen, dass es bei der Unterstützung der Ukraine um Sicherheit und Frieden in Europa insgesamt geht. Das ist, trotz aller Unberechenbarkeiten von Trump, ein Lichtblick.
Es lebe die Ukraine!
Slava Ukrajini!
Gestattet noch eine Minute: GROSSEN DANK an die unermüdlichen und bewegenden Veranstalterinnen und Treiberinnen der Ukraine-Solidarität in Münster und im Münsterland, an Mariya Sharko und OIga Stromberger! (starker Beifall)
Am Schluss der Kundgebung wird auf mitgebrachten Trillerpfeifen gepfiffen. Die hat man in der Ukraine dabei, um im Fall der Verschüttung nach Bombardierungen schneller gefunden werden zu können.
Die Westfälischen Nachrichten berichten am 25. August unter der Überschrift „Solidaritätsmarsch zum Unabhängigkeitstag – Berührendes Zeichen für Frieden und Freiheit“ von Jürgen Steindle, https://www.wn.de/muenster/solidaritaetsmarsch-ukraine-unabhaengigkeitstag-3377035?pid=true&ueg=default