Über 8.000 bosnisch-muslimische Männer und Jungen wurden massakriert beim ersten Völkermord in Europa nach dem Weltkrieg.
Srebrenica vor 30 Jahren: Die unbekannte Geschichte eines niederländischen Oberst, der einen realistischen Plan zur Verteidigung der „Schutzzone“ entwarf. Höhere Ebenen blockierten die Umsetzung – Schutzverweigerung … (mit Beratungspapier „Nach Srebrenica: Zusehen? Eingreifen? Oder was?“ 8/1995), Winfried Nachtwei, August 2025
Für den 28. August 2025 hatte der Kommandierende General des 1. Deutsch-Niederländischen Corps, Generalleutnant Peter Mirow, wieder zum alljährlichen Corps Bivouac im Innenhof des Hauptquartiers in Münster eingeladen. Vor genau 30 Jahren, am 1. September 1995, war das Corps in Dienst gestellt worden. „30 YEARS TOGETHER STRONG“.
Dabei begegnete ich einem besonderen Gast – dem ehemaligen niederländischen Generalmajor Harm de Jonge, der 1995 zur Zeit des Bosnienkrieges als Oberst Chef des operativen Planungsstabes der UN Protection Force (UNPROFOR) im ehemaligen Jugoslawien war. 2008 bis 2010 war er stellvertretender Kommandierender General des Deutsch-Niederländischen Corps in Münster. Kurz vorher, im August 2008, war ich dem Generalmajor im südafghanischen Kandahar begegnet, wo er stellv. Kommandeur des ISAF Regional Command South war. (vgl. Reisebericht in http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=81&aid=1656 , Nr. 4) Dass er 13 Jahre zuvor in Bosnien mit der UN-Schutzzone Srebrenica zu tun hatte, erfuhr ich damals, war aber kein Thema.
Auf die besondere Rolle des damaligen Oberst de Jonge bei der Verteidigung von Srebrenica stieß ich erst im Jahr 2020, als ich anlässlich des 20. Jahrestages des Völkermordes von Srebrenica auf www.nachtwei.de (2025 auf www.domainhafen.org ) etliche Materialien, insbesondere Auszüge aus dem Buch „Die letzten Tage von Srebrenica“ des Pulitzer-Preisträgers David Rohde von 1997, veröffentlichte. Im Folgenden Auszüge zu den fünf Tagen nach Beginn des serbischen Angriffs auf Srebrenica, als Oberst de Jonge sich für eine wirksame Verteidigung der UN-Schutzzone einsetzte und damit konsequent und realistisch seinem UN-Schutzauftrag folgte. (Die gesamten Rohde-Auszüge unter http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1647 )
Das Bergbaustädtchen Srebrenica („Silberstadt“) liegt in einem drei Kilometer langen Tal, umgeben von steilen Hängen, im Osten Bosniens, nur 16 km entfernt von serbischem Gebiet.
Kurz nach Ausbruch der Kämpfe im April 1992 „brachten paramilitärische, nationalistische Verbände aus Serbien die Stadt unter ihre Kontrolle mit dem Ziel, die Muslime aus der Stadt zu vertreiben. (…) Drei Wochen später eroberten sie unter der Führung von Naser Oric, einem 26-jährigen, charismatischen Polizisten, die Stadt zurück.“ Die Serben hielten die Stadt aber eingekesselt. 1993 gingen „bosnische Serben mit der Unterstützung von Truppen, Panzern und Artillerie aus dem benachbarten Serbien zur Gegenoffensive über,“ UN-Lebensmittelkonvois wurden blockiert, US-Maschinen warfen Lebensmittel mit Fallschirmen ab. „Bis Mitte 1993 drängten sich in Srebrenica und dem kleinen Streifen Umland 60.000 muslimische Zivilisten.“ (Rohde S. 15)
Der Oberkommandierende der UN-Truppen in Bosnien, der französische General Philippe Morillon, suchte ohne Absprache mit New York die Enklave auf und versprach dort spontan den Schutz der UN. Als die muslimische Verteidigung zu bröckeln begann, „verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 16. April die Resolution 819 und erklärte Srebrenica und ein 130 Quadratkilometer großes Umland zur ersten UN-Schutzzone der Welt.“ (S. 16) Am 6. Mai beschloss der UN-Sicherheitsrat weitere „safe areas“ für Sarajevo, Tuzla, Gorazde, Zepa und Bihac. Die Forderung von UN-Generalsekretär Boutros-Ghali nach 34.000 Blauhelmsoldaten zur Überwachung der inzwischen sechs Schutzzonen scheiterte an der Weigerung möglicher Truppensteller. Angenommen wurde dann eine „Schutzzonen-light“-Version mit 7.600 Blauhelmsoldaten. Nach Srebrenica wurden 750 leicht bewaffnete UN-Soldaten entsandt, zuerst kanadische, dann niederländische. Ihr Auftrag: Entwaffnung der muslimischen Verteidigungstruppen und „Abschreckung“ gegen bosnisch-serbische Angriffe.
Am 29. Mai beschloss General Janvier, der französische Oberbefehlshaber aller UN-Truppen im ehemaligen Jugoslawien, neue Richtlinien für Lufteinsätze: Diese mussten jetzt statt von den UN-Vertretern im Land vom UN-Generalsekretär in Abstimmung mit dem UN-Sicherheitsrat genehmigt werden. „Die neuen Richtlinien stellten die letzte Runde in einem seit langem geführten Disput dar (zwischen Frankreich, Großbritannien einerseits, USA andererseits), wie viel Waffengewalt die UN-Mission in Bosnien (…) einsetzen sollten, um Resolutionen des Sicherheitsrates durchzusetzen.“ (Rohde S. 44) Sie „machten auch die Prioritäten jener Staaten deutlich, die Friedenstruppen auf bosnischem Boden hatten: ´Die Durchführung des Mandats ist gegenüber der Sicherheit des UN-Personals zweitrangig.` Mit einem Wort: Es war wichtiger, dass Blauhelmsoldaten ihr eigenes Leben retteten, als dass sie ihre Mission erfüllten.“ (S. 49)
Juli 1995: Seit Monaten hatten die bosnischen Serben die UN-Nachschubkonvois blockiert. Seit dem 18. Februar war kein Diesel mehr durchgekommen. Die meisten der 13 UN-Beobachtungsposten (BP) wurden mit Maultieren und Traktoren versorgt. Seit zwei Monaten gab es keine frischen Lebensmittel mehr.
6. Juli
Beginn des serbischen Angriffs: Im Südostzipfel der Enklave wird der Raum um einen UN-BP mit sechs niederländischen Soldaten mit Granaten beschossen. Eine erste Anforderung von Luftnahunterstützung bleibt erfolglos. Am 8. Juli nehmen schwer bewaffnete serbische Soldaten mit Panzerunterstützung den BP ein, die UN-Soldaten werden entwaffnet, der BP aufgegeben wenige Stunden später ein weiterer UN-BP. Sechs niederländische Soldaten sind als Geiseln genommen. (…)
9. Juli
Massenflucht aus dem Süden in die Stadt. Einnahme des letzten UN-BP im Südosten und Plünderungen. Inzwischen direkter Beschuss von BP. Der niederländische Bataillonskom-mandeur Oberstleutnant Karremans fordert keine Luftnahunterstützung an, auch die Möglichkeit von show-of-force-Einsätzen über der Enklave wird abgelehnt, weil das die Serben „hätte aufbringen können“. Weitere BP werden ohne einen Schuss geräumt.
David Rohde: „Um 18.00 Uhr waren die Serben fünf Kilometer weit in die Enklave vorgedrungen und standen nur noch knapp einen Kilometer vor Srebrenica. Karremans (…) meldete, dass die bosnischen Soldaten in der Stadt keinen Widerstand leisten. Er wiederholte, dass nur ein massiver NATO-Luftangriff die Serben aufhalten könne. Zum ersten Mal kamen Karremans und Oberst Charles Brantz, UN-Kommandeur für den Nordost-Sektor Bosniens im HQ in Tuzla, auf den Gedanken, dass die Serben vorhaben könnten, die Schutzzone ganz einzunehmen.
Oberst Harm de Jonge, der Chef des operativen Planungsstabes im UNPROFOR-Hauptquartier in Zagreb, entschloss sich zu einem Vorschlag, von dem er hoffte, dass er die spärlichen militärischen Mittel, die den UN-Truppen zur Verfügung standen, optimal zur Nutzung brächte. Nachdem er mit General Nicolai (niederländischer Stabschef in Sarajevo) gesprochen hatte, entwarf de Jonge einen Plan, nach dem das niederländische Bataillon einen knappen Kilometer südlich von Srebrenica eine Auffangstellung errichten sollte. Auf den drei Hauptstraßen, die in die Stadt führten, sollten niederländische Soldaten mit MTWs (gepanzerten Mannschaftstransportwagen) eingesetzt werden. Die Serben sollten offen gewarnt werden, dass die UN-Truppen NATO-Luftnahunterstützung anfordern würden, falls sie die Auffangstellung angriffen. Dahinter stand bei de Jonge die Idee, mit der Auffangstellung einen Fallstrick auszulegen, der die Absichten der Serben unmissverständlich klarmachen und die Vereinten Nationen zum Einsatz von Luftnahunterstützung zwingen würde, um Srebrenica zu verteidigen. Das Konzept war simpel und ließ dem UN-Oberkommando in Zagreb wenig Spielraum zu zaudern. Den Jonge legte den Vorschlag General Janvier vor, der berüchtigt dafür war, dass er lange brauchte, bis er eine Entscheidung traf. Janvier stimmte dem Gesuch sofort zu. Der gewöhnlich so vorsichtige Legionär schlug sogar vor, in die Warnung an die Serben eine Forderung einzubeziehen, dass sie ihre Truppen bis 21.00 Uhr hinter die früheren Frontlinien der Enklave zurückzuziehen hätten. Der Vorschlag wurde mit Yasushi Akashi, dem zierlichen japanischen Diplomaten besprochen, der wegen seiner allzu zögerlichen Haltung zur Gewaltanwendung so heftig unter Kritik geraten war. Rasch stimmte auch er zu.“ (S. 109)
Die Frontlinie der Enklave ist 30 km lang, der Hauptangriff erfolgt aus dem Süden mit vier Panzern und rund 200 Infanteristen.
10. Juli
60 NL Blauhelmsoldaten mit sechs MTW beziehen vier Auffangstellungen. Die inzwischen dritte Anforderungen von Luftnahunterstützung durch OTL Karremans um 8.55 Uhr wird abgelehnt, weil nicht 100%-ig sicher sei, dass die Auffangstellung von Serben beschossen worden sei. Über der Adria kreisen 40 Flugzeuge. Sie sind nur dann für Luftnahunterstützung (close air support / CAS) gedacht, wenn die Serben Auffangstellungen angreifen. Nur sechs der Maschinen sind CAS-geeignet. Die anderen dienen als Eskorte und Unterstützung.
Ab 18.00 Uhr werden ca. 80 serbische Infanteristen auf dem Hang oberhalb des Stadtzentrums von Srebrenica gesichtet. Über Funk aus dem NL Hauptquartier die Meldung: „Bereiten Sie sich auf einen Luftangriff vor“.
D. Rohde: „Eindeutig: Die Auffangstellung wurde angegriffen. OTL Karremans forderte Luftnahunterstützung an. Der Fallstrick, den Oberst de Jonge in Zagreb vor zwei Tagen ausgelegt hatte, hatte endlich gewirkt. Die Anforderung (…) ging um 19.15 Uhr in Sarajevo ein. (…) Der niederländische General Nicolai brachte die Anforderung zum stellv. Oberkommandierenden der UN-Truppen in Bosnien, General Gobilliard und empfahl sie zu bewilligen. Gobilliard unterzeichnete das Formular sofort.
In Zagreb traf die Anforderung bei Oberst de Jonge um 19.30 Uhr ein. De Jonge eilte in General Janviers Büro und teilte ihm mit, dass eine Kompanie serbischer Soldaten auf einem Berg vor Srebrenica stand. Die Serben rückten auf die Stadt vor. Die niederländische Auffangstellung schieße über ihre Köpfe weg. Janvier zögerte und berief seinen Krisenstab ein. (…) Janvier: „Gestern haben wir den Serben ein Ultimatum gestellt. Sie haben daraufhin weiter geschossen. Aber unser Problem ist, dass wir keine Schussziele haben.“ „Wir haben zwei Panzer, wir brauchen kein rauchendes Kanonenrohr“, erwiderte de Jonge. Er bezog sich damit auf eine Nuance in den UN-Vorschriften, die es der NATO-Luftnahunter-stützung erlaubte, einen Panzer zu zerstören, der sich einer UN-Stellung in feindlicher Absicht näherte, auch wenn er noch nicht geschossen hatte. (…)
„Was empfehlen Sie?“ fragte Janvier Oberst de Jonge. „Da Sie gestern eine energische Erklärung gegenüber Mladic abgegeben haben und er sie ignoriert hat, denke ich, dass Sie Luftnahunterstützung anordnen müssen“, sagte de Jonge. (…) Oberst Moné aus Janviers Arbeitsstab war der erste, der sich gegen die Anforderung aussprach. (…) Oberst de Jonge wurde nervös. (…)
Die Anforderung zur Luftnahunterstützung von 19.00 Uhr war mittlerweile anderthalb Stunden alt. OTL Karremans in Srebrenica rief alle Viertelstunde General Nicolai in Sarajevo an, um zu hören, ob sie endlich bewilligt sei. (…) De Jonge, der die Idee mit der Auffangstellung entwickelt hatte, konnte nicht fassen, wie lange es dauerte.“
Rückfrage des niederländischen UNPROFOR-Stabschefs gegen 20.50 Uhr beim NL-Verteidigungsminister, weil jetzt auch das Leben von dreißig niederländischen Geiseln auf dem Spiel steht. Verteidigungsminister Joris „Voorhoeve trifft eine der wenigen mutigen Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Angriff auf Srebrenica. Er entscheidet, dass das Leben der 30 Blauhelmsoldaten gleichrangig zu betrachten ist wie das Leben von 30.000 Muslimen. Die UN-Schutzzone und die Bevölkerung sollen verteidigt werden. (…) keine Einwände gegen Luftnahunterstützung.“
Weitere Rücksprachen Janviers mit Akashi. Rückzug der Serben vom Berg über der Stadt. Umgekehrt serbisches Ultimatum an die UN. Einzelne Offiziere drängen auf Einsatz. Die Flugzeit nach Srebrenica sei 20 Minuten. General Janvier lehnt Luftnahunterstützung ab. Der serbische General Tolimir hat ihm gerade am Telefon versichert, man habe nicht vor, die Enklave einzunehmen. Nach Mitternacht teilt OTL Karremans der muslimischen Führung in Srebrenica mit, dass „bis morgen um 6.00 Uhr 40-60 Flugzeuge über Srebrenica eintreffen werden. Es wird einen massiven Luftangriff geben.“ (S. 158)
11. Juli
Warten, Warten: In der Nacht hört das Artilleriefeuer nicht auf. UN-Militärbeobachter zählen 182 Detonationen. Die UN-Soldaten vor Ort erwarten ab 6.00 Uhr NATO-Luftangriffe. Am Vorabend war eine aktualisierte Zielliste an das übergeordnete Kommando gegangen. 6.00, 7.00 Uhr überall Stille. „Auf den drei strategisch wichtigsten Bergen (…) haben serbische Artillerie und Panzer Stellung genommen.“ (S. 166) Der Nebel lichtet sich, um 8.00 Uhr immer noch keine NATO-Flugzeuge. Das UN-HQ in Potocari (in der Enklave nördlich Srebrenica) fordert erneut beim HQ für den NO-Sektor in Tuzla Luftangriffe an, zum vierten Mal seit dem 6. Juli. In der SO-Ecke wird wieder gekämpft. Um 9.00 Uhr keine Flugzeuge. Bosnisch-serbische Infanterie steht einen halben Kilometer vor Srebrenica. Anruf in Tuzla. Man erfährt, dass die Anforderung von 8.00 Uhr abgelehnt wurde, weil die Niederländer ein Anforderungsformular für Luftangriffe und nicht für Luftnahunterstützung eingereicht hatten. Um 9.45 geht die aktualisierte Anforderung auf dem richtigen Formular von Tuzla nach Sarajevo, die zweimal korrigiert werden muss. „Um 10.45 traf eine korrekte Anforderung in Sarajevo ein. Da war es bereits zu spät.“ Den Flugzeugen, die seit 6.00 Uhr über der Adria kreisten, geht der Treibstoff aus. In zwei Stunden stünden sie wieder zur Verfügung.
Als von der Auffangstellung Bravo 1 wieder ein MTW den Serben zwecks demonstrativer Beobachtung entgegenfahren soll, revoltieren die niederländischen Soldaten. Auch der Fliegerleitoffizier weigert sich. Serbische Geschütze nehmen wieder die gesamte Enklave unter Beschuss und vor allem auch Stellungen, wo Fliegerleitoffiziere vermutet werden. BP Mike und BP November am Nordrand der Enklave werden um 11.10 Uhr von Mörsern und schweren MG beschossen.
Als kurz nach 11.00 Uhr die Anforderung zur Luftnahunterstützung in Zagreb eintrifft, zögert General Janvier wieder. Die UN-Truppenführung ist sich immer noch nicht sicher, ob die Serben die ganze Enklave einnehmen wollen. Um 12.05 Uhr unterzeichnet Janvier die Anforderung, vier Stunden nach Eingang. Um 12.06 starten die Flugzeuge in Italien. Sie können frühestens um 13.45 über Srebrenica eintreffen.
Fünf Tage nach der ersten Anforderung wird die inzwischen sechste bewilligt.
Luftnahunterstützung: Über der Adria gruppieren sich 18 NATO-Flugzeuge zur Formation, darunter sechs niederländische und amerikanische F-16, zwei F-111 mit Systemen zur Bekämpfung gegnerische Luftabwehr, zwei Tankflugzeuge, eine C-130 als Kommando-, Kontroll- und Fernmeldezentrale, eine AWACS-Maschine und mehrere Eskorten. Die NATO ist eine Stunde hinterm Zeitplan zurück, Eintreffen um 14.30 Uhr. Um 14.30 Uhr meldet ein Fliegerleitoffizier das Eintreffen von NATO-Flugzeugen, allerdings nur zwei. Es sind zwei F-16 der Königlich-Niederländischen Luftwaffe, eine von einer Pilotin geflogen. Der Fliegerleitoffizier dirigiert die Maschinen zur Straße südlich der Stadt zu einem Panzer. Die F-16 greift im Sturzflug an, wirft eine Bombe. NL Soldaten in der Nähe meinen, „einen brennenden Panzer zu sehen.“ Blauhelmsoldaten jubeln. Mehrfach gehen die beiden Flugzeuge im Sturzflug auf Panzer herunter, werfen aber keine Bomben ab. Eine zieht im Tiefflug über das UN-HQ in Potocari weg und wirft eine zweite Bombe auf dem Berg ab. Dann verschwinden die Flugzeuge. Das Artilleriefeuer geht unvermindert weiter.
Die Flugzeuge hatten keine lasergesteuerten, sondern frei fallende Bomben. Die Serben hatten die Niederländer gehindert, die entsprechende Laserausstattung mit in die Enklave zu bringen. Zwei weitere amerikanische F-16 haben Schwierigkeiten, geeignete Ziele auszumachen. In Potocari meldet sich ein serbischer Dolmetscher: „Wenn die NATO-Angriffe nicht sofort aufhören, werden alle niederländischen Blauhelmsoldaten in serbischem Gewahrsam getötet. Auch das niederländische Lager in Potocari wird unter Beschuss genommen.“ (S. 188)
Nach Potocari zieht eine gut drei Kilometer lange Kolonne von 13.000 Flüchtlingen, Die Serben nehmen sie nicht unter Beschuss.
Einmarsch serbischer Soldaten in Srebrenica: Gegen 16.15 dringen Soldaten der Bosnisch-Serbischen Armee in das UN-Lager in Srebrenica ein. „Die erste UN-Schutzzone der Welt ist gefallen. Ein niederländischer und etwa 50 bis 75 muslimische Soldaten sind bei der Verteidigung der Schutzzone getötet worden. Ebenso viele bosnisch-serbische Soldaten sind bei den Kämpfen um diesen wohl überraschendsten Sieg des Krieges gefallen“ (S. 191 f.)
Die niederländische Regierung bittet den zivilen Leiter der UN-Mission, keine weiteren Angriffe zur Luftnahunterstützung zu fliegen.
Um 17.00 Uhr zieht General Ratko Mladic triumphierend in Srebrenica ein: „Wir machen dem serbischen Volk diese Stadt zum Geschenk. Nach der Rebellion der Dahijas (Anm.: serbischer Aufstand, den die Türken 1804 gewaltsam niederschlugen) ist endlich der Zeitpunkt gekommen, Rache an den Türken dieser Region zu nehmen.“ (S. 193)
In Potocari lassen die Niederländer etwa 5.000 Zivilisten auf das Gelände des UN-HQ.
12.-16. Juli
UN-Basis Potocari: Auf dem Parkplatz vor dem UN-HQ 20.000 Flüchtlinge. Gegen 13.00 Uhr nähern sich dem UN-HQ ein serbischer Panzer und ein MTW. 20 bis 30 schwerbewaffnete Serben nähern sich. Zwei Kanonen, zwei Panzer, drei Mehrfachraketenwerfer und ein Flak-Geschütz haben die Serben in unmittelbarer Sichtweite des NL-Lagers aufgestellt.
Erste Selektionen von Männern beginnen – angeblich zur Befragung.
An verschiedenen Orten finden bis zum 16. Juli Massaker statt, denen mehr als 8.000 bosnisch-muslimische Männer und Jungen zum Opfer fallen. Es ist der erste Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. (Zum 12.-16. Juli Auszüge von D. Rohde auf meiner Übergangs-Website https://domainhafen.org/2025/07/11/srebrenica-30-jahrestag-auszuege-die-letzten-tage-von-srebrenica-b-12-16-juli-1995-dokumente-videos/ )
30 Jahre später am Rande des Corps-Biwaks
Gespräch mit Generalmajor a.D. Harm de Jonge, der zusammen mit seiner Frau an dem Biwak teilnimmt. Seine Nachfolger, die ehemaligen Generalleutnante Ton van Loon und Volker Halbauer sind auch unter den Gästen.
Meine Vermutung, dass sein vorbildliches Offiziersverhalten während des internationalen Großversagens weitestgehend unbekannt geblieben sei, trifft zu. Damals sei der gesamte Ablauf um Srebrenica so peinlich und negativ für die Niederlande, Frankreich, Großbritannien, die USA, die UN, die ganze Welt gewesen, dass da kein Platz war für eine positive Geschichte.
Damals hätten auch wenige Leute verstanden, was er vorhatte. Es gab den Vorwurf, dass sein Plan mit den Auffangstellungen ein zu großes Risiko für die eigenen Soldaten bedeutet hätte. Er hätte damit kein Problem gehabt. Der Auftrag sei gewesen, die Serben aus der Schutzzone rauszuhalten. Luftunterstützung sollte es geben für den Fall, dass wir angegriffen werden. Auch bei Militärs habe es die Haltung gegeben „bloß keine eigenen Opfer“. Das Signal an die Soldaten war: Risikovermeidung. Die Haltung war geprägt von der Denkweise des Kalten Krieges, wo immer nur geübt wurde, wo nicht unter Risiko gekämpft werden musste. General Janvier sei ein harter Militär (Fremdenlegion) gewesen, der aber vor allem auch politisch dachte. Die UNPROFOR-Erfahrung sei gewesen: Die Serben gingen mit kleinen Schritten vor, testeten, klärten auf. Da niederländische Kräfte bei jedem Schritt zurückwichen, wirkte das als Ermutigung.
Meine Schlussfolgerung: Ob der Angriffs- und Vernichtungswille der serbischen Kräfte bei einer konsequenten Umsetzung des de-Jonge-Plans gestoppt worden wäre, lässt sich mit Sicherheit nicht sagen. Auf jeden Fall wurde mit seiner Nicht-Umsetzung eine erhebliche Chance vertan, die relativ schwachen serbischen Angreifer zu stoppen – und die folgenden Massaker, den Völkermord zu verhindern. Oberst Harm de Jonge hat mit der Erarbeitung des realistischen Verteidigungsplanes und seiner klaren Vertretung gegenüber Vorgesetzten seine UN-Schutzpflicht vorbildlich erfüllt. Er war mir und der Mehrheit meiner damaligen Fraktionskolleg:innen weit voraus. Oberst de Jonge war ein Pionier der Responsibility to Protect, die 2005 vom Weltgipfel der Vereinten Nationen ausdrücklich anerkannt wurde. Die Erinnerung an solches vorbildhaftes Verhalten eines Staatsbürgers in Uniform sollte gepflegt werden. Solche wehrhaften Peacekeeper sind lehrreich und ermutigend.
– Srebrenica vor 25 Jahren (I): Es war Völkermord in Europa – und die Regierungen und Gesellschaften (wir damals) ließen es geschehen. Übersichtsartikel, Dossiers, Chronologie, 04./08.07.2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1644
– Srebrenica vor 25 Jahren (II): Verweigerte Schutzverantwortung – Anstoß zur Schutzverantwortung. Beiträge aus dem Bosnien-Streit der Grünen 1995 ff. – Erfahrungen + Lehren, 04./08.07.2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1645
– Srebrenica (III) – Was damals geschah: Dokumente, Videos, Zeitzeugenberichte, Auszüge von „Die letzten Tage von Srebrenica“ (David Rohde/1997), Juli 2020). http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1647
– Medienberichte zum 25. Jahrestag des Srebrenica-Genozid Juli 2020 (IV) + Report des UN-Generalsekretärs „The fall of Srebrenica“ (1999), 18.07.2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1648
– Srebrenica, 30. Jahrestag (III.) Auszüge aus „Die letzten Tage von Srebrenica – Was geschah und wie es möglich wurde“ von David Rohde, Reinbek 1997, 476 Seiten; + Dokumente, Videos, https://domainhafen.org/2025/07/11/srebrenica-30-jahrestag-auszuege-die-letzten-tage-von-srebrenica-b-12-16-juli-1995-dokumente-videos/
– 20 Jahre Deutsch-Niederländisches Korps in Münster – Positive Kontinuitätsbrüche, friedenspolitische Chancen, W. Nachtwei, August 2015,
– 25 Jahre I. Deutsch-Niederländisches Corps: Common Effort für GEMEINSAME Friedenssicherung. Begegnungen mit dem Corps von Münster bis Kabul – Erfahrungslernen, W. Nachtwei, 26.08.2020
ANHANG:
Deutschland damals an der Seitenlinie internationaler Schutzverantwortung
Nach Srebrenica: Zusehen? Eingreifen? Oder was? (Beratungspapier von Winfried Nachtwei, MdB Bündnis 90/Die Grünen vom 27.7.1995, veröffentlicht in: Maulwurf August 1995)
„In der ostbosnischen Enklave Srebrenica sind seit 1992 43.000 Menschen eingeschlossen und von Hilfsorganisationen nur unzureichend versorgt. Anfang Juli 1995 greifen Truppen des bosnischen Serbenführers Ratko Mladic die UN-Schutzzone an. Für die nur 200 niederländischen UN-Blauhelmsoldaten gibt es keine Verstärkung. Zur Entlastung angeforderte Luftangriffe kommen nicht zustande. Die Blauhelmsoldaten liefern den Angreifern die Flüchtlinge aus: 23.000 Frauen und Kinder werden nach Tuzla gefahren. Hunderte männliche Gefangene werden außerhalb des UNPROFOR-Lagers erschossen. 15.000 Männer versuchen sich im Fußmarsch über die Berge durchzuschlagen. Die Truppen der bosnischen Serben bringen etwa 8.000 Muslime aus Srebrenica auf der Flucht um.
„Innerer Frieden“
Am 30. Juni beschloss der Bundestag die Entsendung von Bundeswehreinheiten nach Ex-Jugoslawien. Aus den Reihen der Opposition sprachen auffällig viele AußenpolitikerInnen und viele gerade derjenigen PolitikerInnen für die Regierungsvorlage, die seit Jahren besonders intensiv und menschlich mit den Angegriffenen verbunden sind. Zugleich war unverkennbar, dass vielen in Regierung und Koalition ziemlich mulmig zumute ist.
Die bündnisgrüne Fraktion hat die Debatte mit wider Erwarten großer Geschlossenheit und zugleich Ehrlichkeit durchgestanden. Viele waren erleichtert, dass die Zerreißprobe an uns vorüber ging. Zugleich standen viel mehr von uns, als nach außen sichtbar wurde, in einem höchstgradigen Gewissenskonflikt zwischen zwischenmenschlich-antifaschistischer und pazifistischer Grundhaltung und innergrünen Erwägungen. Der innere Frieden, unser Parteifrieden blieb gewahrt.
Naher Krieg
Völlig entgegengesetzt die Entwicklung des nahen Krieges in Bosnien. Nach dem 30. Juni war schnell Schluss mit der relativen Entspannung nach der Massengeiselnahme von Blauhelmen. Die serbische Aggression eskalierte zur Stürmung von „Schutzzonen“, der Selektion, Massakrierung und Vertreibung tausender Menschen – unter den Augen der Weltöffentlichkeit, in Anwesenheit der internationalen „Gemeinschaft“ in Gestalt von VN-Blauhelmen. Karadzic und General Mladic kündigten die Eroberung „aller muslimischen Enklaven bis zum Herbst“ an, falls diese nicht „vollständig entmilitarisiert“ würden.
Fischer`s „Briefbombe“
In diesen Tagen der fortschreitenden serbischen Aggression entstand Joschkas Brief an die ParteifreundInnen, eine Woche vor der kroatischen Offensive, der Rückgewinnung der Krajina, der Befreiung des belagerten Bihac und der serbischen Massenflucht.
Zu Recht sieht er die Folgen des zu diesem Zeitpunkt unaufhaltsam erscheinenden serbischen Sieges dramatisch. (…) In Europa sind Krieg und Vertreibung wieder zu einem erfolgversprechenden Mittel der Politik geworden. Nüchtern beschreibt er das Versagen Westeuropas und der internationalen „Gemeinschaft“, in der es niemals einen politischen Willen, nur gegenläufige Interessen gegenüber dem Krieg in Ex-Jugoslawien gegeben habe.
Wider längeres „Wegducken“ und „Durchlavieren“ ruft Fischer dazu auf, der politischen Debatte nicht auszuweichen und Farbe zu bekennen. Auch ich beobachte seit Jahren dieses politische Wegducken in friedensbewegten und linken Kreisen, das sich oft hinter allen möglichen Ausflüchten verbirgt. Höchst engagierte Organisationen wie das Komitee für Grundrechte und der Bund für Soziale Verteidigung scheinen eher die Ausnahme von der Regel zu sein.
Ausgehend von der – zum Teil falschen – These, alle bisherigen Mittel wie Embargo, Schutzzonen, Kontrolle schwerer Waffen, Verhandlungslösungen hätten versagt, sieht Fischer nur noch die zugespitzte Alternative Weichen oder Widerstehen gegenüber den verbliebenen Schutzzonen: Abzug oder militärische Verteidigung. Er spricht sich für ihre militärische Verteidigung aus, weil es zu ihr nur schlimmere Alternativen gebe.
Bei diesem Bekenntnis bleibt Fischer stehen, zu Umsetzungs- und Erfolgschancen nimmt er kaum noch Stellung. Hier setzen berechtigte Kritiken an. Kritiken hingegen, die seine konkrete Problemstellung (verzweifelte Lage der Schutzzonen) negieren und ihn zu einem Befürworter einer „militärischen Konfliktlösung“ dämonisieren, praktisieren eine Diskussionsunart, die nur die Gegnerbekämpfung im Sinn hat, in der Sache aber keinen Deut weiterbringt.
Bekenntnisdebatten um Grenzen des Pazifismus und Militär gab es reichlich und meist fruchtlose. Ob jetzt nur noch Gewalt hilft oder Militär weiter keine Lösung ist, angesichts der konkreten Kriegsrealität in Bosnien zu überprüfen.
Akute Schlüsselfragen
Bei der Bundestagsdebatte hatten wir zur Tornado-Entsendung Stellung zu beziehen. Innenpolitische Erwägungen und die Perspektiven deutscher Außenpolitik spielten dabei legitimerweise eine besondere Rolle. Die Argumente stimmen weiter.
In diesen Wochen müssen wir uns aber den Fragen stellen, zu denen die Gegner der Bundeswehrentsendung (also auch ich) in der Bundestagsdebatte nichts sagten, wozu wir auch keinerlei Antwort hatten:
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Wie kann die Zivilbevölkerung wirksam geschützt und versorgt werden?
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Wie kann die fortschreitende serbische Aggression gestoppt werden?
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Wie kann der Totalabzug der Blauhelme verhindert, ihre Präsenz wirksamer gemacht werden?
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Was hilft kurzfristig, was nur langfristig?
Völlig zu recht insistieren wir auf den Einsatz nichtmilitärischer Druckmittel, einem wirksamen Embargo, dem Aufnahmeangebot an Kriegsdienstverweigerer und Deserteure … Aber offenkundig können diese Maßnahmen nur mittelfristig wirken. Grundsätzlich richtig ist die Forderung, Anti-Kriegsgruppen zu unterstützen. Der Haken daran ist nur, dass die in Serbien zzt. auch nach eigener Einschätzung völlig randständig sind; dass die in Bosnien alle den bosnischen Verteidigungskampf unterstützen.
Aber was hilft kurzfristig?
Das Bekenntnis, man habe kein Patentrezept und es gebe keine kurzfristigen Lösungen, ist richtig, entbindet aber nicht von der Verpflichtung, nach Antworten zu suchen.
Zurzeit bestehen für die „Staatengemeinschaft“ bezogen auf den Blauhelmeinsatz folgende Optionen:
Weiter wie bisher mit starken Worten, viel Verhandeln und realer Tatenlosigkeit;
Abzug der Blauhelme und Aufhebung des Waffenembargos nach dem ehrlichen Eingeständnis, dass man zu einem echten Schutz nicht bereit ist;
Evakuierung der Eingeschlossenen und Aufgabe der Schutzzonen;
Militärische Verteidigung der letzten Schutzzonen und Schaffung eines Versorgungskorridors; offene Parteinahme für die Angegriffenen. (Hierzu ist kein westlicher Staat bereit)
Alle Optionen beinhalten Eskalationsrisiken, beim Blauhelmabzug wären sie am gefährlichsten. Ist die Lage so verfahren, dass es nur noch schlechte Handlungsmöglichkeiten gibt, nicht einmal mehr ein kleineres Übel? Einsatz für die Menschenrechte, Solidarität mit Opfern und Gewaltfreiheit: Wie bekommen wir das angesichts des Krieges in Bosnien noch in Einklang – ohne Wegsehen, ohne Ausflüchte, ohne Kollaboration mit Tätern, ohne Naivitäten und Begünstigung militärischen Denkens?“