Im 100. Lebensjahr brachte er sein Hauptwerk über Judenretter zur Veröffentlichung.
Ein Lebens-Erntedankfest von Winfried Nachtwei (September 2025) ( www.domainhafen.org , www.facebook.com/winfried.nachtwei )
Die Feier zum hundertjährigen Geburtstag von Margers Vestermanis in Riga am 18. September 2025 wurde ein Fest des Wiedersehens, der Dankbarkeit, Ehrung und herzlichen Freude.
Es begann am Vormittag mit dem Besuch des lettischen Staatspräsidenten Edgars Rinkevics in seiner Privatwohnung. (Am 24. September will ihn auch noch Ministerpräsidentin Evika Silina besuchen.) Unter „Heute vor …“ erschien auf https://www.demokratiegeschichten.de/das-grosse-raetsel-der-menschenliebe-margers-vestermanis-zum-100-geburtstag/ , dem Blog von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“, ein Beitrag von Liane Czeremin, der dem Jubilar in besonderer Weise gerecht wird.
Die Feier fand im Großen Saal des Jüdischen Gemeindehauses in der Skolas iela statt. Im Juli 1993 sprach hier im Rahmen des 1. Welttreffens der Lettischen Juden Margers Vestermanis zur ersten Ehrung von Judenrettern durch den lettischen Staat.
Am 18. September 2025 öffnet sich im selben Saal um 16.00 Uhr der Vorhang. Auf blauen Tuchbahnen strahlte eine große 100 in den Saal, links davor sitzt der Jubilar hinter einem Mikrofon, die Hände gestützt auf seinen Gehstock zwischen den Knien. Mit fester, klarer Stimme begrüßt er die Gäste: „Wo ich Sie sehe, schlägt mein altes Herz fröhlich.“
Wie er überlebt habe? In den folgenden 30 Minuten nimmt er die Versammlung mit auf seinen (Über-)Lebensweg, beginnend mit den ersten Monaten der deutschen Okkupation ab Juli 1941, als „unsere Schutzmänner“ auf dem Land wüteten, als in Riga bis September schon 7.000 jüdische Männer erschossen worden waren, darunter sein älterer Bruder. Ende November 1941 gehörte der 16-Jährige zu den 4.000 jüdischen Männern, die zur Zwangsarbeit eingeteilt wurden, während Alte, Frauen und Kinder in Rumbula erschossen wurden, darunter seine Eltern und Schwester.
Aus dem Mund des ehemaligen Ghetto-, dann KZ-Häftlings, Partisanen, des durch die Rote Armee Befreiten, der jetzt allein auf der Welt war, des Historikers des Holocaust unter Betätigungsverbot während der Sowjetzeit kommen diese düsteren Jahre den Gästen ganz nahe. Mit der lettischen Unabhängigkeit kann er seit seinem siebten Lebensjahrzehnt endlich frei zu seinem Lebensauftrag des Berichtens forschen, schreiben und reden. „Ein Traum ging in Erfüllung.“
Der Traum gipfelt auf der Geburtstagsfeier in der Präsentation seines 470-Seiten-Buches „Humanity Wasn`t Dead After All“ über die mehr als 600 Judenretter in Lettland, An dem Buch arbeitete Margers Vestermanis seit vielen Jahren. In seinem 100. Lebensjahr vollbrachte er sein Hauptwerk. Es soll außer in Lettisch demnächst auch in Englisch und Deutsch erscheinen. Die Idee zum Buchtitelbild – zwei Hände, die behütend wirken – stammt von seiner Urenkelin Undine.
Die folgenden über 30 Gratulationsrednerinnen und -redner erhalten alle von einer Urenkelin des Autors sein Werk überreicht. Als erste spricht seine Redakteurin Jolanta und überreicht ihm eine Lilie. Sie sei Symbol der Retter, so Margers, die im schwarzen Sumpf gewachsene weiße Lilie.
Jeweils vorgestellt von Ilja Lenski, dem heutigen Leiter des Museums „Juden in Lettland“ folgen die Präsidentin des Lettischen Parlaments Daiga Mierina, die Kultusministerin Dace Melbarde, ein hoher Vertreter des Außenministeriums, der Präsident des Vereins der Jüdischen Gemeinden Lettlands Arkadi Suharenko, die Direktorin der Stiftung des Janis-Lipke-Memorials, die Botschafter:innen Israels und Deutschlands (Botschafterin Gudrun Masloch verliest das Gratulationsschreiben von Bundespräsident Steinmeier), Ungarns und Österreichs, des Sonderbeauftragten für Beziehungen zu jüdischen Organisationen im deutschen Auswärtigen Amt Botschafter Christian Heldt, ein ehemaliger Staatspräsident, Leitende der Nationalbibliothek, des Okkupationsmuseums, des Staatsarchivs, des Kriegsmuseums. Besonders beglückt ist Margers darüber, dass neben dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinde und dem Rabbi der Synagoge die Oberhäupter aller christlichen Konfessionen anwesend sind und dass frühere Streitigkeiten Vergangenheit sind.
Ehemalige Schülerinnen der Jüdischen Mittelschule und ein Student erinnern mit rührenden Worten an ihren „besonderen, lieben Lehrer“, den „Meilenstein unserer Geschichtsstunden“. Aus Deutschland sprechen die Historikerin, Journalistin und Schriftstellerin Anita Kugler, die ab 1989 in der taz über das vergessene Schicksal der baltischen Juden schrieb; die Historikerin Katrin Reichelt von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Bücher über die Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzten Lettland, Weißrussland und Litauen verfasste, und der Autor dieses Berichts, der 1989 auf der Suche nach den Spuren der in das „Reichsjudenghetto“ Riga verschleppten deutschen Juden Margers Vestermannis kennenlernte und das Deutsche Riga-Komitee seit 2000 unterstützt.
Margers` Sohn, der Arzt Viktors Vestermanis, beendet nach drei Stunden die offizielle Feier mit dem Aufruf, nie mehr gleichgültig zu sein, wenn Menschen erschossen werden. NIE WIEDER!
Danach stehen Dutzende weitere Gäste Schlange, um Margers persönlich zu gratulieren und herzliche Worte zu wechseln, unter ihnen Hermann Kuhn, Unterstützer des Museums von Anfang an und langjähriger Grünen-Politiker aus Bremen, Anna Wiktorin, 2012-15 deutsche Botschafterin in Riga (1992-95 Kulturreferentin) und Thomas Rey, seit mehr als 15 Jahren im Hauptstadtbüro des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge der Ansprechpartner für das Riga-Komitee.
Margers´ vier Urenkelinnen unterstützen ihren Urgroßvater bei der Annahme der zahllosen Blumen und Geburtstagsgeschenke. Es heißt, die alkoholischen Geschenke könnten für die nächsten 20 Jahre reichen.
Beim anschließenden Empfang, spontanem Singen, Anstoßen, Umarmen erlebt der Hundertjährige, der sonst seine Wohnung nicht mehr verlassen kann, eine Sternstunde an herzlicher Zuwendung und Gemeinschaft.
Eröffnet wird im Jüdischen Zentrum die Ausstellung „You Have a Goal in Your Life. Margers Vestermanis – 100“. Sie schildert seine glückliche Kindheit, die Tragödie des Zweiten Weltkrieges und des Judenmordes, die Geschichte seines Überlebens, seine wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit und die Restriktionen des Sowjetregimes, die Gründung des Museums und die ständige Arbeit für die Popularisierung der jüdischen Geschichte und ihres Erbes. Auf einer Tafel heißt es:
„The song that Margers heard in Riga Ghetto from a young fellow inmate named Izja:
Remember the month of December
The day your wife and children died
And you should always remember
What is the goal of your life
I still sing this song at the piano when no one is around, it has become like
a credo for my life.“
Die Ausstellung ist bis zum Frühjahr 2026 zugänglich und sehr zu empfehlen.
Nachträglich betont Margers noch einmal, dass sein altes Herz stärker und freundlicher geschlagen habe und voller Hoffnung gewesen sei. Er, der heutzutage viele höchst beunruhigende Parallelen zu den 1930er Jahren sieht, habe den Abend als „Fest der Menschlichkeit“ erlebt.
Ganz herzlichen Dank den vielen, die diese Geburtstagsfeier so würdig und hell gestaltet haben, an ihrer Spitze Gita Ulmanovska, die Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde, Ilja Lenski, der Direktor des Museums „Juden in Lettland“, und Elmar Vestermanis, die Hauptstütze seines Großvaters!
Feier zum 100. Geburtstag von Dr. h.c. Margers Vestermanis am
18. September 2025 im Jüdischen Gemeindehaus in Riga
Gratulationsworte von Winfried Nachtwei aus Münster
Lieber Margers, liebe Familie Vestermanis,
im Sommer 1989 besuchten meine Frau Angela und ich erstmalig das noch sowjetische Riga: aus Interesse an der lettischen Unabhängigkeitsbewegung, auf der Suche nach Spuren Hunderter Juden aus Münster, die Ende 1941 in das deutsch-besetzte Riga deportiert worden waren.
Wir lernten Dich, Margers, und Deine Frau Eva kennen, erlebten Deine Arbeit, den Aufbau des Museums „Juden in Lettland“.
Um die Erinnerung an die 1941/42 rund 25.000 aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Riga deportierten jüdischen Menschen zu wecken und lebendig zu gestalten, entstand im Jahr 2000 auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Deutsche Riga-Komitee. Zu ihm gehörten anfangs 13 Herkunftsorte der Deportationen, inzwischen sind es über 80 Mitgliedsstädte. 60 Jahre nach dem „Rigaer Blutsonntag“ konnte auf den Massengräbern von Bikernieki eine würdige Gedenkstätte eingeweiht werden.
Du, Margers, machtest durch Deine Forschungen, Deinen enzyklopädischen Wissensreichtum und Deine Gesprächsoffenheit möglich, dass endlich auch in Deutschland die Erinnerung an die jüdischen Nachbarn auflebte, von dem über 50 Jahre nur ein „verschollen in Riga“ geblieben war. Die Zeitzeugengespräche mit Dir bleiben Tausenden deutschen Bürgerinnen und Bürgern für immer im Gedächtnis!
Die Nazi-Staatsverbrecher wollten die totale Vernichtung ihrer jüdischen Opfer, auch jeder Erinnerung an sie. Du hast ihnen mit Deiner unermüdlichen Forschungs- und Aufklärungsarbeit einen Strich durch die teuflische Rechnung gemacht. Du hast sie auf diesem Feld besiegt.
Zugleich hast Du mit Deinem Buch über die Judenretter in Lettland ein großes Zeichen der Hoffnung geschaffen.
Margers, Du bist ein Glücksfall für das demokratische Lettland und für das demokratische Europa!
Als wir kürzlich über die düsteren und äußerst beunruhigenden Entwicklungen in Europa und weltweit telefonierten, da war Deine Botschaft aus Deiner 85-jährigen Erfahrung unermüdlich:
WIR KÄMPFEN WEITER! WEITERMACHEN!
Als Geburtstagsgeschenk habe ich für Margers eine 22-seitige Fotodokumentation zu seinen / unseren letzten 36 Jahren zusammengestellt: „Dem Pionier und Großmeister der Erinnerung gegen die Unmenschlichkeit zu seinem Hundertjährigen“.