Im Bundestag findet jedes Jahr die zentrale Gedenkstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge statt. Erinnerung an das Grauen des Krieges, die in Friedensverantwortung mündet und wo Friedensfähigkeit gemeinsame Wehrhaftigkeit einschließen muss.
Europäischen Traum vor Nachahmern dunkler Zeiten bewahren – Zentrale Gedenkstunde im Bundestag: Italiens Präsident Sergio Mattarella mit starkem Plädoyer für Werte der internationalen Gemeinschaft, 16.11.2025
(übernommen von https://www.volksbund.de/nachrichten/europaeischen-traum-vor-nachahmern-dunkler-zeiten-bewahren )
Die Hoffnung auf Frieden und die Notwendigkeit, für ihn wehrhaft und solidarisch einzustehen – das waren die Botschaften in der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag am Sonntag im Deutschen Bundestag. Gastredner war der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella.
Der Traum vom Frieden – er erhellt die Nacht eines Kindersoldaten im Lied „Weiße Fahnen” der Gruppe „Silbermond“. Ein Bundeswehr-Septett spielte und sang diesen anrührenden Song im Plenarsaal. Und der Wunsch nach Frieden zog sich durch alle Reden – ob vom italienischen Präsidenten, von Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan oder von der jungen Workcamp-Teilnehmerin Isabella Vazza. Sie alle träumen nicht nur von Frieden, sie engagieren sich für ihn.
Auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war Sergio Mattarella in diesem Jahr der Festredner. „Wieviele Tote braucht es noch, bevor man aufhört, den Krieg einzusetzen aus der Willkür heraus, andere Völker beherrschen zu wollen?”, fragte er. Deshalb sei Frieden das Ziel aller Kraftanstrengungen.
Vom Antlitz des Krieges
Mattarella blickte zurück auf zwei Weltkriege und lenkte dann seinen Blick in die Gegenwart. Die Toten von damals und die Opfer von Kriegsgewalt heute beträfen „jede und jeden von uns, wenn wir als menschliche Wesen betrachtet werden wollen”. Er rückte das Leid der Zivilisten in den Fokus, die heute nach UN-Angaben über 90 Prozent der Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen ausmachten.
Das Antlitz des Krieges werde zu dem des schutzlosen Kindes, der Mutter, des alten Menschen – denn nicht mehr Niederlage und Kapitulation des Feindes sei das Ziel, sondern seine Vernichtung. Mattarella blickte nach Kiew, nach Gaza, in den Sudan und prangerte Bombardements in bewohn-ten Gebieten an, den „zynischen Einsatz von Hunger gegen die Bevölkerung”, die sexuelle Gewalt.
Stärke des Rechts als Antwort
Dass heute nicht mehr zwischen Zivilisten und Kombattanten unterschieden werde, treffe den Grundsatz der Menschlichkeit ins Herz, treffe die internationale Ordnung, betonte der Gast aus Italien. Schutz könne nur die internationale Gemeinschaft bieten in ihrer Multilateralität – mit Institution wie den Vereinten Nationen, dem Internationalen Strafgerichtshof, mit Friedensmissionen und humanitären Agenturen. Es sei Aufgabe der internationalen Gemeinschaft heute, die „Stärke des Rechts dem beanspruchten Recht des Stärkeren entgegenzusetzen”, sagte Sergio Mattarella.
„Außerordentlichen Weg zurückgelegt”
Der Redner betonte den „außerordentlichen Weg”, den Italien und Deutschland in gemeinsamer Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg nach 1945 Seite an Seite zurückgelegt hätten. Anschließend forderte er mit Blick auf die Diktatoren der Gegenwart: „Lassen wir es nicht zu, dass heute der europäische Traum unserer Union von Nachahmern dunkler Zeiten zerrissen wird.”
Der Blick Mattarellas galt am Ende den Opfern: „Das schulden wir den Gefallenen, den Namen auf den Stolpersteinen, der wertvollen Arbeit des Erhalts und der Erinnerung des Gedenkens durch den Volksbund und wir schulden es schließlich auch unseren jungen Leuten, die das Recht haben, in einer sicheren Welt zu leben”, schloss der Präsident.
„Ein unschätzbares Geschenk“
Isabella Vazza (2) aus Belluno, Italien, arbeitet in der Filmindustrie als Junior-Produzentin in Bologna und engagiert sich seit 2016 beim Volksbund. Sie erzählte von ihrem Großvater: In Spanien gestrandet, hatte der Flüchtling chinesischer Herkunft in den 1950er Jahren an einem der ersten Volksbund-Workcamps teilgenommen. Sie trat als 17-Jährige in seine Fußstapfen.
„Die ehrenamtliche Arbeit beim Volksbund war für mich über Jahre ein unschätzbares Geschenk“, sagte sie. „Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, Freundschaften zu knüpfen, Empathie und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln und aufmerksamer, sensibler und mitführender zu handeln.“ (Rede im Wortlaut)
„Fackel, die für immer brennen muss“
Matteo Atticciati aus Neapel studiert Diplomatie in Rom und kennt den Volksbund als PEACE LINE-Teilnehmer auf der Gelben Route durch drei Länder des ehemaligen Jugoslawiens. „Nie zuvor habe ich mich so als Europäer gefühlt“ – Matteo Atticciati (26) erzählte auf Italienisch vom Westbalkan, von der Gelben PEACE LINE-Route. Vom Austausch zwischen jungen Europäern, aber auch von Augenzeugenberichten aus Srebrenica und Sarajevo, von dem tragischen Preis der Gleichgültigkeit, der Untätigkeit. „Wir haben gehört, was passiert, wenn Regierungen und Menschen schweigen.“
Seine Generation setze sich dafür ein, Erinnerungen in kollektiven Widerstand gegen die Schrecken der Gegenwart zu verwandeln. „Erinnerung ist eine Verantwortung, eine Fackel, die für immer brennen muss, eine Hoffnung gegen die Politik des Nihilismus und des Hasses“, so der junge Italiener. (Rede im Wortlaut)
„Der friedlichste Ort der Welt“
Leutnant Lea Schuster (24) studiert Psychologie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg und war drei Mal Teamerin beim deutsch-polnischen Workcamp in Cassino. Für sie ist die deutsche Kriegsgräberstätte in Cassino „der friedlichste Ort der Welt“: „Eingebettet in heilende Natur erinnert er an das Leid der Vergangenheit.“ Bei der Grundausbildung der Bundeswehr hatte sie den Volksbund kennengelernt und engagiert sich ehrenamtlich als Teamerin.
Das tue sie nicht nur als Soldatin, sondern auch als Mensch, dem ein Leben in Sicherheit und Freiheit wichtig ist. „Ich bin überzeugt, dass dies ein Beitrag zur Friedensbildung ohne Waffen ist.“ Die Hoffnung bleibe: „Jugendliche, die ihre gemeinsame, aber konträre Geschichte aufgearbeitet haben, werden sich nicht eines Tages mit Waffen gegenüberstehen.“ (Rede im Wortlaut)
Glücksfall und Privileg zugleich
Dominic Lagoski (29) arbeitet im öffentlichen Dienst der Stadt Rostock, ist Sprecher der Volksbund-Jugendvertretung (BJAK) und kennt viele Workcamps als Teilnehmer und Teamer. Er blickte auf die ehemaligen Schlachtfelder des Zweiten Weltkrieges am Monte Cassino, wo er gerade ein deutsch-polnisches Camp geleitet hat. „Von Cassino führte der Weg der Alliierten nach Rom. Mit Jugendlichen waren wir in der Ewigen Stadt, wo 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet wurden – das Fundament für die heutige Europäische Union.“
Für seine Generation, so Lagoski weiter, sei das freie Europa ein großer Glücksfall und Privileg zugleich. Aber: Es brauchen Brücken, „über die wir zusammen gehen können“ – ganz im Sinne des Volksbund-Mottos „Together for peace – Insieme per la pace – Gemeinsam für den Frieden“. (Rede im Wortlaut)
Opfer im Blick behalten
80 Jahre nach Kriegsende hatte Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan bei der Begrüßung den Bogen geschlagen von 1945 bis in die Gegenwart. Er blickte auf Deutschland und besonders auf die europäische Einigung und fragte: „Wo stehen wir heute? Hat es einen Sinn, der Opfer vergangener Kriege zu gedenken?” Seine Antwort: „Gerade weil kriegerisches Denken und Handeln selbst auf dem europäischen Kontinent nicht überwunden sind, ist es wichtig, die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Blick zu behalten.”
Wo Demokratie abgeschafft wird …
Diktatur und Krieg lägen eng beieinander. Darum gehörten Frieden und Demokratie auch zusammen. „Wo Krieg geführt wird, verschwindet die Demokratie. Wo die Demokratie abgeschafft wird, wird die Tür für den Krieg geöffnet”, sagte der Volksbund-Präsident.
„Ein starkes Zeichen”
Dass Partnerorganisationen des Volksbundes aus 17 Ländern im Bundestag dabei seien, wertete Schneiderhan als starkes Zeichen. Die gemeinsame Arbeit mache deutlich, wie notwendig und wertvoll grenzüberschreitende Versöhnung sei. Italien hob er dabei auch als Motor der europäischen Einigung hervor.
„Frieden ist eine gemeinsame Aufgabe. Der Volkstrauertag erinnert uns daran, was auf dem Spiel steht”, betonte der Präsident. Die Toten der beiden Weltkriege mahnten: „Engagiert euch für den Frieden und erhaltet die Demokratie, lasst Euch nicht verhetzen! Seid solidarisch mit denen, die angegriffen und bedrängt werden – international und im eigenen Land!” (Rede im Wortlaut).
„Seid solidarisch mit denen, die angegriffen und bedrängt werden –
international und im eigenen Land!“
Wolfgang Schneiderhan, Volksbund-Präsident
Totengedenken erweitert
Frank-Walter Steinmeier sprach das Totengedenken, das er – ein weiteres Mal nach 2021 – erweitert hat. Einbezogen sind von heute an auch diejenigen, die wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität von den Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurden, sowie Polizistinnen und Polizisten, die im Einsatz starben.
Nach einer Gedenkminute klang die Veranstaltung im Bundestag mit dem deutschen und dem italienischen Totensignal, der Europa- und der Nationalhymne aus.<
Christiane Deuse, Redakteurin Online & Print beim Volksbund
zur Live-Übertragung in der ARD-Mediathek