Spendensammlung für Kinder in Balakliya / Ukraine auf Weihnachtsmarkt – Kriegswunden dahinter

Frieden auf Erden bei den sechs Weihnachtsmärkten in Münster – kein Wegsehen am Ukraine-Stand gegenüber dem Drohnen- und Raketenkrieg gegen unsere Nachbarn.

Kriegswunden seit Generationen: Spendenaktion für Kinder in Balakliya/Ukraine auf dem Münsteraner Weihnachtsmarkt Winfried Nachtwei (28.12.2025)

Am letzten Advents-Wochenende sammelte eine dreiköpfige Delegation aus Winnyzja, der ukrainischen Solidaritätspartnerstadt von Münster, in einer der „Ehrenamts-Hütten“ Geld- und Sachspenden für Kinder in der Kleinstadt Balakliya, Rayon Isjum, Oblast Charkiw (zweitgrößte Stadt der Ukraine). Die Stadt liegt nur rund 50 km von der Frontlinie des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine entfernt. (  https://www.stadt-muenster.de/aktuelles/newsdetail/delegation-winnyzja-mit-spendenaktion-auf-dem-weihnachtsmarkt )

Balakliya und seine Menschen wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach von aggressiven Mächten überfallen und okkupiert. Einmal waren auch Männer aus dem Münsterland beteiligt.

Russischer Angriffskrieg 2022 – 2025: Am 3. März 2022 besetzten russische Truppen die Stadt. Der Bürgermeister blieb und kollaborierte mit der russischen Besatzungsmacht. Im März begann die ukrainische Staatsanwaltschaft mit strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn. Im  April floh er mit seiner Familie nach Russland.

Im Rahmen der ukrainischen Gegenoffensive in der Region Charkiw konnte die ukrainische 71. Jägerbrigade die Stadt am 8. September 2022 nach einem kurzen Gefecht zurückerobern, am nächsten Tag die rund 60 km entfernten Orte Isjum und Kupjansk. (vgl. Karte auf  www.facebook.com/winfried.nachtwei 28.12.25) Die russischen Kräfte zogen sich zurück und flohen. Offizielle Vertreter berichteten, dass Folterkammern entdeckt worden seien. Dort sollen auch Kinder psychisch und physische misshandelt worden sein. Am 17.11.2025 forderte ein Raketenangriff auf ein Wohnhaus in Balakliya 3 Tote.

Isjum war von April bis September 2022 besetzt. In einem Wald am Stadtrand wurde das bis dahin größte Massengrab seit Beginn des russischen Angriffs gefunden. 447 Leichen wurden exhumiert und forensisch untersucht. Nur 22 Leichen waren Soldaten, die allermeisten Zivilisten, 215 Frauen, 194 Männer und 5 Kinder. Die meisten waren durch Artilleriefeuer, Minenexplosionen und Luftangriffe getötet worden. Etliche waren Folteropfer – mit Seilen um den Hals, gefesselte Hände, gebrochene Glieder, amputierte Genitalien. ( www.taz.de/isjum/!t5882067/ )

Kupjansk (wichtiger Verkehrsknotenpunkt, 40 km von der russischen Grenze entfernt) wurde am 27. Februar 2022 von russischen Truppen besetzt. Die östlich des Oskil liegenden Stadtteile wurden am 16. September 2022 von ukrainischen Truppen zurückerobert. Im Februar 2024 hatten die russischen Streitkräfte 40.000 Soldaten und 500 Panzer in der Nähe von Kupjansk zusammengezo-gen. Seit Mai 2024 versuchten russische Truppen täglich trotz hoher Verluste die Verteidigungsan-lagen zu durchbrechen. Im Oktober 2024 wurde die Evakuierung von Kupjansk angeordnet. Am 20. November 2025 behauptete Putin, Kupjansk sei vollständig in russischer Hand. Am 12. Dezember besuchte Präsident Selenskyj die Stadt und veröffentlichte ein Video dazu. Ukrainische Truppen sollen die russischen Angreifer größtenteils aus der Stadt zurückgedrängt haben. (SZ 16.12.2025)

Deutscher Angriffs- und Vernichtungskrieg 1941-1944: Balakliya war vom 9.12.1941 bis zum 5.2.1943 von Nazi-Deutschland besetzt. In den ersten Monaten 1942 tobten in dieser Region besonders schwere Kämpfe. (vgl. Karten  www.facebook.com/winfried.nachtwei  28.12.25)

18.-31.1.1942: Im Dezember 1941 kam der deutsche Angriffskrieg (Unternehmen Barbarossa) auf der Frontlinie Leningrad, Moskau und Rostow zum Erliegen. Ab Dezember folgten in der 1. Sowjetischen Winteroffensive fünf Gegenoffensiven, eine gegen Schwachstellen der Heeresgruppe Süd der Wehrmacht (Barwenkowo-Losowajaer Operation) ab 18. Januar 1942: Beginn der Offensive bei bis zu -30° C zwischen Balakliya und Slavjansk an der Nahtstelle zwischen der 6. und 17. dt. Armee über den Donez, um in Richtung Asowsches Meer vorzustoßen. Bis Ende Januar gelang der Roten Armee, die Front zwischen diesen beiden Orten auf einer Breite von 100 km und einer Tiefe von ca. 120 km zu durchbrechen (Ausbuchtung eines großen Frontbogens nach Westen am Don, (Barwenkowo-Frontvorsprung“). Balakliya und und Slavansk waren Zentren der Verteidigungslinie der Heeresgruppe Süd.

12-28.5.1942 Zweite Schlacht bei Charkow (erste im Oktober 1941, dritte im Februar/März 1943, die vierte im August 1943,  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Charkow_(1942  ):

Die sowjetische Planung zielte darauf, mit zwei Offensiven von Süden und Nordost in einer Zangenbewegung Charkow wieder einzunehmen und die eingekesselten deutschen Truppen zu vernichten. Die deutsche Planung zielte in einer ersten Phase vor der geplanten Sommeroffensive Richtung Donezbecken und Kaukasus auf die Vernichtung des Frontbogens von Isjum.

Sowjetischer Angriff ab 12. Mai mit 10 Schützen-, 4 Kavalleriedivisionen und 10 Panzerbrigaden (rund 380.000 Soldaten) aus dem Isjumer Frontbogen direkt auf Charkow und mit 18 Schützen-, 2 Kavalleriedivisionen und 10 Panzerbrigaden (weitere rund 380.000) aus Nordost Richtung Charkow. Der Frontvorsprung wurde erweitert.

Deutscher Gegenangriff ab 17. Mai durch die Armeegruppe Kleist, an der Spitze des Angriffs das III. Panzerkorps mit der 14. und 16. Panzer-Division u.a. gegen das Hinterland der sowjetischen Angriffsarmeen, um diese abzuschneiden und einzukesseln.

Vier südlich Charkow im Angriff stehende sowjetische Armeen wurden von der drohenden Einkesselung überrascht. Eine letzte Lücke aus dem Kessel lag bei Balakliya. In einer Gasse von z.T. nur 25 km Breite versuchten eingekesselte sowjetische Truppen den Durchbruch. Am 23. Mai wurde die Einkesselung durch die 17. Armee der Wehrmacht von Süden und der 6. Armee von Norden vollendet. Rund 240.000 sowjetische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft, nur 22.000 Soldaten entkamen, etwa 1250 sowjetische Panzer wurden vernichtet oder erbeutet. Die sowjeti-schen Verluste durch Tod, Verwundung oder Gefangenschaft lagen bei 270.000, die deutschen bei 30.000. Die 16. Pz.Div. meldete 31.500 Gefangene und 700 eigene Verluste. Das deutsche Kriegsgefangenen-Lagersystem war auf ein „kalkuliertes Massensterben“ angelegt. Von den insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen im 2. Weltkrieg starben bis 1945 über drei Millionen in deutscher Gefangenschaft.  In der besetzten Ukraine kamen laut Dieter Pohl („Nationalsozialistische Verbrechen 1939-1945“) mindestens 800.000 gefangene Sowjetsoldaten ums Leben.

Die Rote Armee verlor die für die sowjetische Frühjahrs- und Sommeroffensive vorgesehenen Kräfte, die Wehrmacht erkämpfte die strategischen Voraussetzungen für ihre Sommeroffensive 1942 Richtung Kaukasus und Stalingrad.

Münster-Bezug: Die 16. Panzer-Division, Heimatstandort Münster in Westfalen, war seit dem 24. Juni 1941 im Rahmen der Heeresgruppe Süd (998.000 Soldaten) am Angriffs- und Vernichtungs-krieg gegen die Sowjetunion beteiligt – auf dem Gebiet der Ukraine. Anfang 1942 wurden aus den beweglichen und teilweise aufgefrischten Teilen der Division die „Stoßgruppe Hube“ gebildet.  Diese marschierte aus dem Raum Stalino (Donezk) nach Norden, ab 18. Mai Gefechte bei Isjum, Balakliya und Losowaja und Bildung eines Kessels. In der Schlacht bei Barvinkove wurden den sowjetischen Truppen schwere Verluste zugefügt. (Wolfgang Werthen, Geschichte der 16. Panzer-Division, Bad Nauheim 1958, S. 85 ff.) Der Bildband der 16. Panzer-Division von 1956 kommt zu dem Fazit: „Die Stoßgruppe Hube hat entscheidenden Anteil am Gelingender Schlacht von Charkow. Bei geringen eigenen Verlusten werden größere Feindverbände vernichtet, die Beute ist unübersehbar,“ (S. 89)

Nächste Kriegsstationen der 16. Pz.Div. waren

– der wichtige Verkehrsknotenpunkt Kupjansk (24.6.),

Artemowsk (Bachmut, 14.7.)  (Hier ermordeten am 9.-12. Januar 1942 Angehörige der Einsatz-gruppe C etwa 3.000 Juden, indem sie diese in den Stollen eines ehemaligen Gipsbergwerkes 50-70 m unter der Erde bei lebendigem Leib einmauerten. Die Wände wurden abgesprengt, um die Tat zu vertuschen. Die 17. Armee leistete logistische Unterstützung.

Von August 2022 bis Mai 2023 tobte die Schlacht um Bachmut zwischen ca. 30.000 ukrainischen Soldaten und über 50.000 der Gruppe Wagner und der russischen Streitkräfte. Viele Zehntausende Gefallene und Verwundete.)

– die Panzerschlacht von Kalatsch 25.7.-11.8.: „1000 Panzer waren der Division seit dem 22.VI.41 zum Opfer gefallen.“ (Werthen S. 104)

– am 23.8. erreicht die 16. Pz.Div. die Wolga nördlich Stalingrad als erster Wehrmachtsverband. Der Tag wurde für die „Musterstadt Stalingrad“ und ihre zu dem Zeitpunkt ca. 600.000 Bewohner zum Inferno: Die Staffeln der Luftflotte 4 unter Generaloberst Wolfram von Richthofen (1936 Befehlshaber der Legion Condor) flogen 1.600 Einsätze und warfen 1.000 to Bomben ab. Der Luftüberfall auf Stalingrad war der konzentrierteste Luftangriff an der Ostfront überhaupt. ( vgl. www.domainhafen.org 9.1.2023)

Insgesamt fielen in der Ukraine mindestens acht Millionen Menschen dem deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg zum Opfer, darunter über fünf Millionen Zivilisten, 1,6 Millionen jüdische Menschen – ein Viertel der Bevölkerung. Diese Art von Krieg und Besatzungsterror konnte nur durch äußerste militärische Gewalt und unter größten Opfern gestoppt, zurückgedrängt und mit seinen Systemwurzeln besiegt werden. Gewaltfreier Widerstand, der unter anderen Bedingungen eine sinnvolle und wirksame Option sein und generell bei Hilfe und Rettung viel für Einzelne leisten kann, war hier völlig wehr- und chancenlos.

Schlussfolgerungen: Seit fast vier Jahren müssen die Nachkommen der ukrainischen Überfallenen- Kriegsgeneration ihre Eigenstaatlichkeit, Freiheit und Selbstbestimmung gegen den russischen Angriff verteidigen und damit das Völkerrecht der nationalen Selbstverteidigung wahrnehmen.

Die Nachkommen der deutschen Angriffs-Kriegsgeneration stehen da in der historischen Verantwortung, im Rahmen der UN-Charta Überlebenshilfe zu leisten – durch Waffenlieferungen, durch humanitäre Hilfe und vielfältige Unterstützungen. Diese Überlebenshilfe zu verweigern, widerspricht diametral den zentralen friedens- und sicherheitspolitischen Lehren aus den europäischen Erfahrungen mit dem hochprofessionellen Aggressor Nazi-Deutschland in den 30er und 40er Jahren, den Grundanforderungen von gemeinsamer und kollektiver Sicherheit und unserem elementarem Sicherheitsinteresse.

In Ländern Ost- und Nordosteuropas sind traumatische Kollektiverfahrungen mit aggressiven Nachbarn und jahrzehntelangen Okkupationen regelrecht eingebrannt, Nationale Unabhängigkeit und Selbstbestimmung wird dementsprechend hoch geschätzt. Die Schlussfolgerung daraus ist:

NIE MEHR WEHRLOS, NIE MEHR ALLEIN  sein zu wollen. In Deutschland, das im Generationenabstand eine ungewöhnliche Erinnerungskultur entwickelte, wird diese historisch begründete Wehrhaftigkeit der von Deutschland überfallenen Nachbarn, eigenartig wenig wahrgenommen.

 

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