Interview der „Afghanistan War Commission“ des US-Congress mit W. Nachtwei – dialogische Begegnung unter Verbündeten

Im Dezember 2021 richteten der US-Senat und das US-Repräsentantenhaus eine unabhängige Kommission zur Überprüfung des Afghanistan-Einsatzes/-Krieges. Als ehem. MdB, der den Einsatz von Anfang bis Ende intensiv begleitet hat, wurde ich um ein Interview gebeten.

Interview der Afghanistan War Commission“ des US-Kongress mit Winfried Nachtwei –  eine dialogische Begegnung unter Verbündeten

Winfried Nachtwei (15.01.2026)

Vor einem Jahr beendete die Enquete-Kommission des Bundestages zu Afghanistan nach zweieinhalb Jahren ihre Arbeit und legte eine umfassende selbstkritische Analyse des deutschen Einsatzes und Empfehlungen für künftige vernetzte Kriseneinsätze vor. In der Kommission aus je zwölf Bundestagsabgeordneten und Sachverständigen gehörte ich zur zweiten Gruppe. Anfang Dezember erhielt ich ein Schreiben der zwei Vorsitzenden der vom US-Kongress eingesetzten „Afghanistan War Commission“, die mich um ein Interview baten. Eine vierköpfige Delegation der Kommission führte am 8. Januar 2026 das Interview mit mir in Berlin über zwei Stunden in bester Atmosphäre. Im Vorfeld übersandte ich der Kommission eine Liste meiner Afghanistan-Beiträge zu Bilanz, Lessons Learned, Gesamtdarstellungen sowie meine Beiträge zu Early Warnings of Failures in International Deployments in Afghanistan 2001-2021.

Die Afghanistan War Commission (AWC) ist eine überparteiliche Kommission, die der US-Kongress im Dezember 2021 einrichtete. ( https://www.afghanistanwarcommission.senate.gov/ )

Ihr Auftrag ist eine unabhängige, umfassende Überprüfung wichtiger Entscheidungen im Zusammenhang mit den militärischen, nachrichtendienstlichen, ausländischen Hilfs- und diplomatischen Aktivitäten der USA in Afghanistan von Juni 2001 bis August 2021. Die 16 überparteilich ernannten Kommissionsmitglieder seien entschlossen, „eine objektive Studie über den Krieg vorzulegen, die grundlegende Fragen der Amerikaner beantwortet, darunter mehr als eine Million Menschen, die in Afghanistan als Soldaten, Diplomaten, Beamte, nachrichtendienstliche Mitarbeiter und Unterstützungspersonal gedient und Opfer gebracht haben, Seite an Seite mit unseren NATO-Verbündeten, die mit uns gekämpft, gedient und Opfer gebracht haben.“ (Einladungsbrief)

Die AWC ermittelt zum Thema durch

(a) Analyse von Dokumenten des US-Außen- und Verteidigungsministeriums, der USAID, Nachrichtendienste, NATO.

(b) Laut 2. Zwischenbericht vom August 2025 in den letzten 12 Monaten mehr als 170 On-the-record Interviews mit Kabinettsmitgliedern, Kommandeuren, Diplomaten USAID Stab, National Security Council Personal, afghanischen und pakistanischen Führungspersonen, internationalen Partnern (In Europa Interviews in Brüssel, London und Berlin. Hier mit einem ehemal. Sicherheitsberater, zwei ehem. Sonderbeauftragten für AFG und PAK, Offiziellen des AA) Zwei Runde Tische mit Veteranen und Hunderte schriftliche Eingaben über Veteranen- und zivile Portale.

(c) Drei öffentliche Hearings zur Entstehung des Krieges, frühen Entscheidungen (2001-2009) und dem Surge 2009-2011.

(d) Fact-Finding Missions zum US Central Command, alliierten Hauptstädten, NATO-Hauptquar-tieren, Qatar, Pakistan, um Stakeholders zu treffen, Archive zu besuchen und regionale Kontexte zu erfahren.

Bisher legte die AWC im August 2024 und 2025 zwei Zwischenberichte vor. Sie geben einen imponierenden Eindruck über die Breite, Systematik und Qualität der Kommissionsuntersuchungen. Der öffentliche Abschlussbericht ist für den 22.August 2026 geplant. https://www.afghanistanwarcommission.senate.gov/reports/ )

Die 16 Mitglieder der AWC wurden von Mehrheits- und Minderheitenführern von Senat und Repräsentantenhaus und den Vorsitzenden der beiden Armed Services und Foreign Relations Committees und der Select Committees on Intelligence bestimmt. Alle Mitglieder verfügen über signifikante Erfahrung auf dem Feld der nationalen Sicherheit in Exekutive und Wissenschaft.

Unterstützt wird die Kommission von einem 42-köpfigen Stab.

Das zweistündige Interview fand in einem Besprechungsraum des „Mindspace“ in der Friedrichstraße in Berlin statt. Die Delegation der AWC bestand aus dem

– Ko-Vorsitzenden Dr. Colin Jackson (leitend am U.S. Naval War College, vorher beim US-Verteidigungsminister zu Afghanistan, Pakistan, Zentralasien, bei US-Taliban „Peace Talks“, 2011 bei US-Streitkräften in Afghanistan),

– Kommissionsmitglied Chris Molino (Oberstleutnant a.D., Fokus Counterterrorism + US-Policy-making im Büro des Verteidigungsministers, des Generalstabschefs, in Special Operations Commands, im National Security Council, Kampferfahrungen in Irak, Syrien und Afghanistan,

– Edmund J. Degen, im Staff Teamchef Military Operations & Security Forces Assistance (Oberst a.D., Direktor der Chief of Staff of the Army Operation Enduring Freedom Study Group, Autor von „Modern War in an Ancient Land – The United States Army in Afghanistan 2001-2014, 2 Bände, https://rdl.train.army.mil/catalog-ws/view/modernwar/assets/pdf/Modern-War-Ancient-Land-Vol-I-Web.pdf )

– James „Jamie“ E. Hayes III, im Staff Teamchef Counterterrorism and Intelligence Assessments (Oberst a.D. der Special Forces, Kampfeinsätze bei OEF Philippinen, „Iraqi Freedom“, in Kandahar/Südafghanistan und Yemen, National War College).

Zum Interview

Die Kommission lud mich zu einem Interview ein, um meine „Ansichten zu den Lehren aus dem Krieg“ und zu Empfehlungen für zukünftige Entscheidungsträger zu erfahren.  Dr. Nainika Ashok Paul, Analyst im Staff (vorher in der Kongressbibliothek Researcher in der Law and Criminal Section, MA zu Conflict Management + Middle East Studies) danke ich sehr für die perfekte organisatorische Vorbereitung.  Das „offizielle Interview“ wurde als Audioaufzeichnung geführt. Einzelne Delegationsmitglieder, insbesondere der Fragesteller, notierten intensiv mit.

Nach der kurzen Vorstellung der Delegationsmitglieder stellte ich mich vor als ehemaliger Bundestagsabgeordneter, der den Afghanistaneinsatz von Anfang an bis 2009 als Mitglied des Verteidigungsausschusses und danach in verschiedenen ehrenamtlichen Funktionen intensiv begleitet hat (u.a. als Sachverständiger in der Enquete-Kommission des Bundestages zu Afghanistan). Ich erläutere die in Deutschland praktizierte und im internationalen Vergleich weitgehende Parlamentsbeteiligung bei Einsätzen bewaffneter (deutscher) Streitkräfte, die immer vom Bundestag gebilligt werden müssen. Als Mitauftraggeber deutscher militärischer Auslands-einsätze stehe das deutsche Parlament deshalb in Mitverantwortung für die Einsätze. Für meine Partei (Bündnis 90/Die Grünen) seien Auslandseinsätze ein besonders strittiges Thema gewesen. Als zuständiger Abgeordneter war man deshalb gezwungen, sich besonders intensiv mit der Einsatzrealität und Wirksamkeit auseinanderzusetzen. Dabei haben wir sehr viel lernen können.

Ich äußere meine Dankbarkeit, dass die USA als Führungsmacht des internationalen Afghanistaneinsatzes nach seinem strategischen Scheitern vor allem die politisch-strategischen Entscheidungen zu diesem Einsatz unabhängig überprüfe und Empfehlungen vorlegen werde.  Auf taktischer und operativer Ebene habe es bei den Verbündeten viel an Überprüfungen gegeben.  In Deutschland sei es aber ein fundamentaler Mangel gewesen, dass eine politisch-strategische Wirkungsüberprüfung trotz häufiger Forderungen aus der Praxis und Opposition seit 2006 bis zum Abzug verweigert worden sei.1

Die Fragen: Ein Katalog mit zwölf wichtigsten und 21 ergänzenden, z.T. vertiefenden Fragen war mir im Vorfeld übersandt worden. In den zwei zur Verfügung stehenden Stunden wurden die zwölf wichtigsten Fragen geschafft. Der Schwerpunkt der Fragen zum Afghanistaneinsatz bzw. -krieg lag auf

– der Bewertung der NATO-Strategie, den Wirkungen des NATO-Einsatzes in verschiedenen Phasen, dem Zusammenwirken, der Lastenteilung und Differenzen zwischen Verbündeten,

– der Führungsrolle der USA und Vorschläge zu ihrer Verbesserung, unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen und Zeitplänen von Deutschland und USA, deutsch-amerikanische Differenzen und ihre Auswirkungen,

– den wichtigsten Lehren für die NATO, insbesondere Deutschland und die USA aus Afghanistan und meinen Empfehlungen an die Bundesregierung und Bundeswehr nach dem Einsatz.

Ein Delegationsmitglied stellte die Fragen zu den zwölf wichtigsten Komplexen in freier Rede.

Meine Antworten (vollständig im Folgenden S.3-7): Angesichts der transatlantischen Unwetterlage ging ich bei meinen Antworten weniger auf unsere Dissense zur US-Einsatzpraxis und mehr auf Bündnisverbindendes und Selbstkritisches ein. Im ersten Einsatzjahrzehnt waren für uns, für mich kontraproduktive Einsatzpraktiken im Rahmen von OEF und CIA-Operationen ein harter Stein des Anstoßes.2 Hierzu die AWC-Gesandten mit ihren reichen Einsatz- und Special-Forces-Erfahrungen zu fragen, wäre spannend gewesen. Aber dazu war nicht die Zeit.

Gesamteindruck

Die Delegationsmitglieder waren ausgesprochen freundlich, sehr aufmerksam und signalisierten auffällig viel Zustimmung. Die Herren bedankten sich herzlich für das offene Interview. Gerne könne ich ihnen weitere Texte zusenden.  Das Interview erlebte ich als eine Begegnung von Verbündeten, die interessiert aneinander sind, die Dialog, Kooperation und Verlässlichkeit wollen. Die AWC scheint mit ihrem Ansatz einer unabhängigen, fakten- und erfahrungsbasierten Überprüfung staatlichen Handelns und Lernens für eine wirksamere Krisenbewältigung, mit dem Bemühen um professionelle und seriöse Wahrheits-suche wohltuend „aus der Zeit zu fallen“ Angesichts der Bündnis- und Völkerrechtsverächter im Weißen Haus empfand ich das einen Lichtblick!

–> Dem Bundestag und der Bundesregierung ist sehr zu empfehlen, den Abschlussbericht der AWC im August sorgfältig zur Kenntnis zu nehmen und sich mit der Kommission bzw. einzelnen ihrer Mitglieder auszutauschen. Wir ehemalige Mitglieder der Enquete-Kommission, Abgeordnete wie Sachverständige, könnten das wirksam unterstützen.

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Die Interviewfragen und meine Antworten in Stichpunkten (nach meinen Manuskriptnotizen, stellenweise abweichend vom gesprochenen Wort)

1. Wie erinnern Sie sich rückblickend an die Entscheidung der NATO, sich den USA in Afghanistan anzuschließen, und an die allgemeine Stimmung in der deutschen Öffentlichkeit?

W.N.: Schock, breite Solidarität mit den USA (200.000 vorm Brandenburger Tor), rot-grüne Bundesregierung in Schutzverantwortung für die eigene Bevölkerung + internationale Sicherheit; Unterscheidung der zwei Einsatzmandate: die OEF-Teilnahme in AFG höchst strittig in der Koalition, v.a. bei den Grünen (Angst vor „rot-grünem Vietnam“), Entscheidung knapp am Koalitionsbruch vorbei; ISAF-Teilnahme fünf Wochen später weitgehend Konsens: Hilfe für kriegszerrüttetes Land! In der Breite keine tiefere Kenntnis der Region und des Konflikts, auch wenn in meiner Fraktion ein sehr AFG-erfahrener Mitarbeiter und Unterrichtungen durch sehr kundige Regionalexperten.

Eine Klarstellung: Die NATO übernahm die Führung von ISAF erst im August 2003.

2. Ab welchem ​​Zeitpunkt kamen Sie zu dem Schluss, dass die militärische Strategie der NATO nicht mehr mit den politischen Realitäten vor Ort übereinstimmte?

Besuche des dt. ISAF.Kontingents 2002, 2003, 2004 bekräftigen die Notwendigkeit des Einsatzes (Ausmaß der Zerstörungen) und seine Chancen (sichtbare Zustimmung der Bevölkerung, unmittelbare Fortschritte); ISAF-Ausweitung in 2003 notwendig, auch von internationalen NGO`s gefordert; meine Empfehlung dazu an die eigene Fraktion (insgesamt Erleichterung, weil sich Befürchtungen vom Herbst 2001 nicht bestätigten, gewisse Hoffnung)

2006 mit ISAF-Süderweiterung „Wetterleuchten“: Brit. Truppen in Helmand sofort in Guerilla-/ Terrorkrieg; dringende des Warnung dt. Kommandeurs RC North: schneller Handlungsbedarf; Warnbrief mit Jürgen Trittin an die vier AFG-Minister:innen (mit Forderung nach Zwischenbilanz, sonst drohe Scheitern), beschönigende Antwort der Minister; dt. Führungsrolle bei der Polizeiauf-bauunterstützung: wohl gute Polizeiberater, aber Polizeikonzept nicht der Lage angepasst, viel zu geringe Personalausstattung, USA springen ein mit vielfachen Kapazitäten.

Im Mai 2007 schwerer Selbstmordanschlag in Kunduz, Rückzug des Bundeswehr-PRT auf Selbstschutz, einsickernde Aufständische; 2008-09 Verschärfung Sicherheitslage, komplexe Hinterhalte, Gefechte, Krieg am Boden; der „Hoffnungsprovinz Kunduz“ droht Absturz; Fragen im Verteidigungsausschuss und im Bundestag zu Gründen + Abhilfe bleiben unbeantwortet (Grundmuster der Realitätsleugnung setzt sich fort).

3. War die NATO im Kern ein Militärbündnis, das ein politisches Projekt verfolgte, und welche Folgen hatte diese Diskrepanz?

Als Militärbündnis leistet die NATO Beiträge zur Erreichung politischer Ziele. Dabei bestand ein Spannungsverhältnis, wenn das Militär zu viele nicht-militärische Aufgaben wahrnehmen musste, weil es an zivilen Kapazitäten fehlte (z.B. beim Polizeiaufbau); oder wenn Zielkonflikte entstanden zwischen Primat der Gegnerbekämpfung und Stabilisierung / Förderung von Rechtsstaatlichkeit.

4. Wie unterschied sich die Leistung der NATO in den frühen ISAF-Jahren von der späteren Phase der Aufstandsbekämpfung und Stabilisierung?

Das war je nach Regionen sehr unterschiedlich. Ich kann es am ehesten für den Norden (dt. Verantwortungsbereich) beantworten:

In den ersten Jahren im Norden erfolgreiche Stabilisierung, ISAF als „Puffermacht“ im Umfeld vieler Gewaltakteure; sozialwissenschaftliche Untersuchungen in den Provinzen Kunduz + Takhar ergaben zunächst hohe Zustimmungswerte für internationale Truppen; ähnlich im Westen, auch Uruzgan (Niederlande). ISAF förderte in Teilen des Landes ein sicheres Umfeld, in dem sich Teilfortschritte auf den Feldern Infrastruktur, Gesundheits- und Bildungswesen, partiell auch bei öffentlichen Diensten entwickeln konnten und wo sich Teilen der städtischen und weiblichen Bevölkerung neue Lebenschancen eröffneten. Wo Projekte gut in der Bevölkerung verankert waren, war die internationale Aufbau- und Entwicklungsunterstützung am ehesten erfolgreich und nachhaltig.

Ab 2007/08 Zunahme der Sicherheitsvorfälle auch in Teilen der Region Nord, Masse der Vorfälle aber weiter in Süd und Ost. Ab 2009 komplexe Angriffe, Gefechte, Guerillakrieg; von politischer Führung in Berlin lange schöngeredet; verspätete Anpassung militärischer Kapazitäten und Taktik. Ein Scheitern drohte! (Wg. unzureichender Unterrichtungen über die reale Sicherheitslage durch die Bundesregierung erstellte ich ab 2007 umfangreiche und laufend fortgeschriebene „Materialien zur aktuellen Sicherheitslage“, Kommentar von Michael Forster auf Geopowers, 19.08.2009 https://www.geopowers.com/Kriege/inn_kon/afg_kon_III/afg_kon_iii.html#CIAOWinni )

Der 2009/10 von den USA unter Präsident Obama angestoßene, von NATO und deutschen Kräften vor Ort übernommene Strategiewechsel zur umfassenden Counterinsurgency mit dem Fokus auf Gewinnung von hearts and minds, gestützt auf den Surge (plus 5.000 US-Soldaten im Norden). Deutsche Soldaten standen in dieser Phase erstmalig seit dem Zweiten Weltkrieg in Bodenkämpfen. Sie erwiesen sich als militärisch durchsetzungsfähig und nahmen dabei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. 2011 waren die Sicherheitsvorfälle erstmalig rückläufig und wurde Bewegungs-freiheit zurückgewonnen. Aber: Die Ankündigung, NATO-Kampftruppen bis 2014 abzuziehen, wirkte als Angebot an die Taliban, einfach abzuwarten – ein strategischer Fehler!

5. Wie effektiv war die NATO in Bezug auf Koalitionsbildung, Lastenteilung und Interoperabilität zwischen den Mitgliedstaaten unter Kampfbedingungen?

NATO hierbei der drängende Akteur, bremsend vor allem Mitgliedsländer mit ihren Einsatzvor-behalten (Caviats), die die Flexibilität der ISAF-Führung beeinträchtigten; keine ausgewogene Lastenteilung, vor allem bei Kampf- und Opferbereitschaft; Hintergründe: unterschiedliche Militärkulturen, unterschiedliche Positionen zu Stellenwert und Ausmaß der Gegnerbekämpfung (bei mir erhebliche Skepsis gegen Art der Operationsführung im Süden), innenpolitische Rücksichtnahmen.

Durch gemeinsame Operationen aber enormer Schub an Interoperabilität;

6. Wo wichen die Bedrohungswahrnehmungen und Zeitpläne Deutschlands und der USA am stärksten voneinander ab, und wie wirkte sich dies auf Vertrauen und Koordination aus?

In ersten Jahren Bedrohungslage von DEU unterschätzt (vgl. schwache Ausstattung der dt. Polizei-hilfe), auch ggb. der wachsenden Aufstandsbewegung; auf US-Seite oftmals unterschiedslose Gegner-/Terrorbekämpfung, zu wenig Unterscheidung von Al Qaida (mit internationaler terroristischer Agenda) und den Taliban (nationale Agenda), die auch eine soziale Bewegung, also in Teilen der Bevölkerung verankert waren .

7. Wie beurteilten deutsche Beamte und Parlamentarier die strategische Führung der USA innerhalb der NATO?

Mein subjektiver Eindruck: Die USA galten mit ihrem einmaligen Gewicht und umfassenden militärischen Fähigkeiten als „natürliche Führungsmacht“. Nur mit den USA war ein Afghanistan-einsatz überhaupt realisierbar. Ihr gegenüber war aus Sicht von Kanzler, Außen- und Verteidigungs-minister nach 9/11 Bündnisloyalität grundsätzlich oberstes Prinzip. „Wer zahlt, schafft an“. Zugleich blieb den regionalen Führungsnationen im Rahmen der NATO Spielraum, den Einsatz im eigenen Verantwortungsbereich nach eigenen Vorstellungen zu akzentuieren.

Die Führungsrolle der USA war zugleich für die anderen Verbündeten entlastend: Einzig die USA hatten Afghanistan insgesamt im Blick, alle anderen leisteten ihren – nach deutschem Anspruch verlässlichen – Beitrag, verbunden mit einer nationalen Nabelschau. Die reale Aufstandsentwick-lung im Süden wurde in Berlin kaum wahrgenommen.

Von parlamentarischer Seite hatten wir kein konkretes Bild vom Führungsverhalten der USA. Die Erfahrungen deutscher Diplomaten und Offiziere dazu kenne ich nicht.

8. Wie wirkten sich deutsch-amerikanische Differenzen auf Vertrauen, Koordination und die Durchführung der Mission aus?

Mein Eindruck war, dass unterschiedliche Ansätze – z.T. mit Stirnrunzeln – hingenommen, jedenfalls nicht ausgetragen wurden. Das galt insbesondere für eine unterschiedslose Gegner- und Terrorbekämpfung durch US-Kräfte im Rahmen von OEF, CIA, die mit deutschem Recht nicht vereinbar war, und eine auf US-Seite dominierende Einstellung, die Taliban per Krieg strategisch besiegen zu können.

Zugleich machten deutsche ISAF-Kräfte die Erfahrung, dass in Extremsituationen die US-Hilfe (medical evacuation) äußerst verlässlich, mutig und lebensrettend war. Dafür sind deutsche ISAF-Soldaten ihren US-Kameraden bis heute existentiell dankbar. (Ein Kommissionsmitglied kommt darauf nach Ende des Interviews zurück: Davon habe er bisher nichts gehört. Er ist beeindruckt.)  (In der Enquete-Kommission hatte ich das zwiespältige Verhältnis zum großen Verbündeten als „Bündnisdilemma“ bezeichnet.)

9. Wie kann die US-Führung Dringlichkeit und Konsensbildung im Bündnis in Einklang bringen?

Die NATO ist kein Warschauer Pakt, sondern trotz allen Loyalitätsdrucks ein Militärbündnis souveräner Staaten mit gerade bei Kriseneinsätzen unterschiedlichen Interessen, Militärkulturen, innenpolitischen Konstellationen.

Auf Seiten der Verbündeten wäre mehr Blick für das Ganze eines Einsatzes notwendig. Von Seiten der US-Führung wäre ein tieferes Verständnis unterschiedlicher Kulturen und Traditionen bei politische Führung und Entscheidungsprozessen zweckmäßig.

10. Was ist die wichtigste Lehre, die die NATO und insbesondere Deutschland und die USA aus Afghanistan ziehen müssen?

Die wichtigsten Lehren: (a) tiefgehende Lage- und Realitätswahrnehmung, historisches Konflikt-verständnis; Vorsicht vor Wunschdenken, Machbarkeitsillusionen, gar Hybris (unterschiedliche Plan- und Machbarkeiten in der materiell-technischen und in der Gesellschaftswelt);

(b) Kohärente Strategie mit realistischen und überprüfbaren Zwischenzielen, strategisch passende „Partnerwahl“ (im Gastland);

(c) strikte Wirkungsorientierung im diplomatisch-zivil-militärischen Kräfteansatz, Einsatzkonzepten und der begleitenden systematischen und selbstkritischen Wirkungsüberprüfung von der taktische und operativen bis zur politisch-strategischen Ebene. Das ist die wichtigste Lehre.

Eine rücksichtslos ehrliche strategische Überprüfung wurde in Deutschland trotz häufiger Forderungen von Einsatzpraktikern und aus der Opposition bis zum Abbruch des Einsatzes hartnäckig verweigert. Erst im Lauf der Jahre wurde mir klar, was der zentrale Grund dafür war: Für die Spitzen der Bundesregierung stand Bündnisloyalität an erster Stelle, nicht eine Wirkungsorientierung im Sinn der Ziele. Eine ehrliche Wirkungsevaluierung des Einsatzes hätte die parlamentarische Zustimmung und damit die Fortsetzung der deutschen Einsatzbeteiligung gefährden können.

Irritierend: Die „hoch entwickelte“ – vor allem westliche – Staatengemeinschaft erlaubte sich auf politischer Ebene eine Lernverweigerung, während die „Steinzeitkrieger“ der Taliban umfassende Lernfähigkeit bewiesen.

Der Knackpunkt des strategischen Scheiterns war ein kollektives politisches Führungsversagen in vielen Hauptstädte (Kabul, Washington, Islamabad, gefolgt von London, Berlin u.a. Es lag NICHT am Bodenpersonal der entsandten Frauen und Männer in Uniform und Zivil. Die Erhebliches leisteten, z.T. hoher Risiken auf sich nahmen und und zu Teilfortschritten beitrugen.

11. Wie können die USA den Informationsaustausch und die Transparenz mit den Parlamenten der Bündnispartner verbessern? (Hierzu kann ich nur vor dem Hintergrund der Regierungspraxis unter den US-Präsidenten Obama und Biden Stellung nehmen.)

Über die Jahre war meine Erfahrung, dass das Informationsangebot zum Afghanistaneinsatz von Seiten der USA (Regierung, Streitkräfte, SIGAR seit 2008, Think Tanks wie CSIS, Brookings, Rand u.a., Websites wie Long War Journal, Global Security u.a.) viel offener und umfassender war als das der Bundesregierung. Die Studie „How Terrorist Groups end“ des AWC-Mitglieds Seith Jones erfuhr ich 2008 als sehr hilfreich.

Dieser US-amerikanische Quellenreichtum wurde vom Bundestag nur sehr begrenzt genutzt. Die sehr konkreten und differenzierten Vierteljahresberichte des Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) fand bei Mandatsdebatten im Bundestag in den 2010er Jahren fast keine Erwähnung.

Für mich steht also im Vordergrund, dass der Bundestag, d.h. seine zuständigen Fachausschüsse ihre Arbeit zu Schwerpunkt-Kriseneinsätzen verbessern müsste. Die Enquete-Kommission des Bundestages stellte fest, dass der Deutsche Bundestag in seiner damaligen Aufstellung mit der Kontrolle und Begleitung des Afghanistaneinsatzes strukturell überfordert war. Ihre zentrale Empfehlung war die Einrichtung eines ressortübergreifend zusammengesetzten Einsatzausschusses, um eine intensivere und politisch-strategische Kontrolle und Begleitung solcher Einsätze zu gewährleisten. (Abschlussbericht der Enquete-Kommission es Bundestages zu Afghanistan, 27.01.2025, Empfehlungen 24-29, S. 29-32, https://dserver.bundestag.de/btd/20/145/2014500.pdf )

12. Welche Empfehlungen haben Sie der Bundesregierung und der Bundeswehr nach dem Einsatz in Afghanistan gegeben?

Meine Empfehlungen für künftige vernetzte Krisenengagements

(Vorab: Kriseneinsätze sind angesichts des aktuellen Vorrangs der Landes- und Bündnisverteidi-gung nicht mehr prioritär, aber immer wieder notwendig. Internationales Krisenmanagement völlig beiseite zu schieben, wäre kurzsichtig und strategisch dumm.)

Strategien mit klaren, realistischen, überprüfbaren Zielen, eine zu den strategischen Zielen passende Partnerwahl im Gastland, Exitstrategien im weiteren Verlauf von Einsätzen

Sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit auch bei teilweise blockiertem VN-Sicherheitsrat, weiterhin Schlüsselrolle des VN-Systems; gesteigerte Handlungsfähigkeit des EU-Krisenmanage-ments, Kapazitätsziele auch für zivile Teilfähigkeiten

Für ressortübergreifende Steuerung von integriertem Krisenmanagement ein Kabinettsausschuss mit Verwaltungsunterbau + vernetztem Lagezentrum

Verbesserte parlamentarische Kontrolle + Mitverantwortung braucht vertiefte Regional-kompetenz, Fokus auf politisch-strategischer Ebene + Einsatzwirksamkeit, Einbeziehung der zivilen + polizeilichen Komponenten, neben den bisher zuständigen Fachausschüssen mitberatender Einsatzausschuss zur ressortübergreifenden + vertieften Einsatzkontrolle; MdB mit Rückgrat (kritische Loyalität von Koalitionsabgeordneten)

Besseres Lage-/Kontextverständnis durch Austausch zwischen Wissenschaft, Politik, Praktiker, lokales Wissen; Krisenfrüherkennung

Strategische Kommunikation realitätsnah, kohärent + glaubwürdig

Monitoring, Evaluierung (begleitend + anschließend), konstruktive Fehlerkultur + institutionelles Lernen (auch Wirkungsprüfung der Enquete-Empfehlungen in der zweiten Hälfte der 21. Legis-laturperiode)Empfehlungen zu staatlichem Wiederaufbau, Wirtschaftsförderung, Korruption, Fähigkeiten, Umsetzung und Kommunikation, Recht im Einsatz, strategischer ziviler Personalreserve, Betreuung von Einsatzkräften, Kooperation mit örtlichen Akteuren

Grundlegend sind  Kontext-/Konfliktverständnis – realistische Zielklarheit – WIRKUNGSORIENTIERUNG

Ergänzend wies ich am Schluss darauf hin, dass in der Enquete-Kommission des Bundestages erst am Schluss und zu spät aufgefallen war, dass die religiöse Dimension des Konflikts nicht reflektiert worden war. Damit setzte die Kommission ein strategisches Versäumnis des internationalen diplomatischen, zivilen und militärischen Einsatzes fort, wo z.B. in der Nordregion wohl auf taktischer und operativer Ebene Kontakte zu religiösen Führern gepflegt wurden, wo aber vor allem auf der politisch-strategischen Ebene die Rolle von Religion für die politische Mobilisierung der Aufstandsbewegung völlig verkannt wurde. Hier waren wir unseren säkularen Scheuklappen zum Opfer gefallen.

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Gleichzeitig am 8. Januar „Der Kongress regt sich“ (FAZ): Der US-Senat stimmte vor dem Hintergrund der Militäroperation in Venezuela „dafür, in der nächsten Woche über die „War Powers Resolution“ zu debattieren. Fünf republikanische Senatoren stimmten zum Ärger des Präsidenten für das Anliegen der demokratischen Minderheitsfraktion.“ Damit könnte „eine Abstimmung angesetzt werden, die dem Weißen Haus auferlegen würde, für fortgesetzte militärische Operationen in dem lateinamerikanischen Land ein Parlamentsmandat zu erhalten.“

1 Im Januar 2025 legte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands“ ihren Abschlussbericht vor: https://www.bundestag.de/webarchiv/Ausschuesse/ausschuesse20/weitere_gremien/enquete_afghanistan . Die deutschen Ministerien des Auswärtigen, der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung und des Inneren legten im November 2023 eine ressortgemeinsame Evaluierung des zivilen Engagements der Bundesregierung in Afghanistan, https://www.deval.org/fileadmin/Redaktion/PDF/05-Publikationen/Berichte/2023_Afghanistan/2023_DEval_Bericht_Afghanistan_ressortgemeinsam_web.pdf sowie ressortspezifische Berichte vor.

2 W. Nachtwei, OEF nach 6 Jahren: Selbstverteidigung ohne Grenzen – mehr Begleitschäden als Nutzen, 11.11.2007, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&ptid=1&catid=83-120&aid=615 . Fragen an die Bundesregierung – und auch einen zuständigen Unterstaatssekretär im Pentagon – nach der Wirksamkeit von solcher Art von Terrorbekämpfung blieben notorisch unbeantwortet.

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