Impuls- + Dialogabend zu 30 Jahren Pro Peace / Forum ZFD in Köln (mit wichtigen Texten aus der ZFD-Geschichte)

„Vier Jahre Zeitenwende. Wie kann Frieden wieder wachsen?“ war der Titel der Jubiläumsveranstaltung am 5. März in Köln.

Vier Jahre Zeitenwende. Wie kann Frieden wieder wachsen?“ Impuls- und Dialogabend zum 30-jährigen Jubiläum von Pro Peace, vormals Forum ZFD am 5. März 2026 im Kölner VHS-Forum (mit wichtigen Texten aus der ZFD-Geschichte) https://www.youtube.com/watch?v=swTj9x3Oaxo

Der Saal ist gut gefüllt. Grußworte von Caroline Wiegand, Vorständin von Pro Peace, und Derya Karadag, Bürgermeisterin der Stadt Köln

1. Gesprächsrunde „Erfahrungen aus der internationalen Friedensarbeit in der Ukraine und Palästina & Israel mit

Chen Alon, Mitbegründer der Combatans for Peacemaker; Angela Starovoytova, Projektleiterin Empathy Ukraine Network, Alexander Mauz, Vorstandsvorsitzender von Pro Peacemaker. Moderation Hannah Sanders, Referentin für politische Kommunikation & Medien von Pro Peace

Angela: Es begann schon 2014. Das Sterben, kein Strom mehr, Überleben. Wir gehen mit der Situation um. Zugleich mehr Menschlichkeit. Beim Einkaufen gibt es keine Auswahl mehr. Im Taxi kommen viel mehr Aggressionen hoch. Man muss den Ärger rauslassen, um nicht verrückt zu werden. Zur Entstehung des Netzwerks für gewaltlose Kommunikation und Empathie. Sie seien ein Baby von Pro Peace. Individuelle und Gruppengespräche; Räume schaffen, wo Menschen zuhören, Emotionen frei lassen können, zu Stärke und Resilienz finden. Auch mit Stadträten, die für die Daseinsvorsorge verantwortlich sind. Verständnis für Traumatisierte, Entspannung, Wärme, etwas Frieden bringen.

Wieviele werden erreicht? Ein Tropfen im großen Ozean! 500 Leute wurden ausgebildet, tagtäglich kommen 20-30 zu Treffen. Es sei wie ein Kleber, der die Menschen verbindet. Manche arbeiten auch in den besetzten Gebieten, Menschen fanden wieder eine Stabilität, so wurden sie nicht verrückt. Menschen verloren Familienangehörige und fanden wieder Kraft. Manche Teilnehmer wurden zu Leitern von Gruppensitzungen. Man biete auch Schulungen für Lehrer … Soldaten an. Kindern, ihren Bedürfnissen ZUHÖREN, ZUHÖREN! Das müsse angesichts des noch verbreiteten „sowjetischen Systems“ gelernt werden. (vgl. https://www.propeace.de/en/empathy-project-ukraine )

Alexander: Angela habe es toll ausgeführt: Einzelne Personen können was bewirken! Der Ansatz in der Ukraine: Zur Zeit des russischen Großangriffs war die Arbeit des ForumZFD gerade im Aufbau, im Vordergrund standen Bildungsprojekte. Angesichts des grausamen Angriffskrieges jetzt: Was braucht Ihr? Antwort: zurück zu Friedensarbeit. Den Kontext wahrnehmen, den Partner zuhören, psychosoziale Unterstützung für Menschen im Stress. Und das sei gerade in Zeiten gewaltsamer Konflikte sehr relevant. Im letzten Jahr war er in der Ukraine. Auf den ersten Blick habe es ausgesehen wie in anderen Ländern. Der zweite Blick: Kaum Männer, Arbeit vor allem mit Frauen, z.T. ausschließlich. Kraft und Energie gewinnen durch Traumaarbeit, individuelles und kollektives Bewusstsein für Traumata. Pro Peace unterstützt das War Childhood Museum in Kiew: (In Sarajevo gibt es seit 2017 ein War Childhood Museum, das sich auf die Erfahrungen von Kindern während des Krieges konzentriert, mit alltäglichen Gegenständen, die Geschichten erzählen.) An Hand von Alltagsgegenständen können Kinder mit ihren Eltern Kriegserlebnisse verbalisieren, Sprachlosigkeit überwinden. ( https://www.propeace.de/en/new-exhibition-war-childhood-museum-kyiv )

Chen: Die aktuelle Situation? Immer die gleiche Botschaft: 100 m von seinem Zuhause schlug eine Rakete ein, viele Nachbarn wurden verletzt. Er war Major, sei dann umgestiegen zur Gewaltfreiheit, nichts Theoretisches, durch Erfahrungen. Wir wollten die Gewalt (in den besetzten Gebieten) nicht weiter rechtfertigen. Ehemalige Kämpfer kamen zusammen. Wie raus aus der Armee? Holocaust-Überlebende waren nach Israel geflohen, wollten eine starke Armee zum Schutz. Aber dann kam die Erkenntnis, dass die Besatzung gegen die Menschenrechte der Palästinenser verstößt. Ihm wurde klar, dass er den Staat Israel nicht schützen könne mit der Besatzung für 3,5 Millionen Menschen. So sei er Mitbegründer der Combatants for Peace geworden.

Erste Schritte waren, Verständnis gegenüber den anderen zu entwickeln. Er habe selbst in seiner Militärzeit mal einen Zehnjährigen gekidnappt. Und auf Befehl ein palästinensisches Haus zerstört. Es gehe darum, Wahrheiten miteinander zu teilen. „So können wir auf die Reise gehen.“ Es sei eine phantastische Partnerschaft!

Wie habt Ihr den 7. Oktober erlebt?“ Angesichts der Massaker-Bilder kamen die „alten Gefühle wieder hoch, Hass, Rache, in den Panzer, alle umbringen.“ Palästinensische Partner riefen an, voller Empathie. Sie hätten sich geschämt. Vorher habe man von Krieg gesprochen. Jetzt ging es um ein Massaker! Nach 20 Jahren habe man sich die Lage angesehen, nüchtern, erst untereinander, stufenweise. Stück für Stück habe man sich angenähert. (…) Im April, fünf, sechs Monate danach habe man eine Zeremonie für die Opfer beider Seiten abgehalten. „Wir werden uns jedes Jahr treffen, Schmerz und Verlust weiter teilen.“ Angesichts der Einstellung der Mehrheit „scheitern wir immer wieder.“

Angela: Sie habe auch Verwandte in Russland und auf der Krim. Ein Cousin sei bei der russischen Armee. Er bringe Raketen zur Grenze, die dann nach Kiew fliegen. Vertrauen ist hier das letzte, was sie empfinde. Sie möchte eher, dass er stirbt. Das sei sicherer für ihre Nächsten. Sie liebe ihre Eltern, spreche mit ihnen aber nie über Politik. Mit der Mutter spreche sie über das Wetter oder den Garten. Das sei schon viel. Der Vater glaube fest, dass die russischen Streitkräfte nur militärische Ziele bombardieren würden. „Wir versuchen, Kontakt zu halten.“

Ihr falle eine Analogie zur Vergewaltigung ein. Solle sie mit einem Vergewaltiger verhandeln und einen Kompromiss finden, ihm „entgegenkommen“? Über Frieden mit Russland könne man nicht reden. Zugleich bleiben sie unsere Nachbarn. „Wir müssen Beziehungen wieder aufbauen. Zzt. ist daran aber nicht zu denken.“ Hinzu kämen informelle Spaltungen zwischen Menschen in sichereren und unsicheren Gebieten. Bei einer Konferenz habe sie Russen von Memorial getroffen. Sie übernahmen Verantwortung für die Taten Russlands. Vorher hatte sie kein Russisch sprechen wollen.

Chen: (…) „Wenn wir uns von Hass und Gewalt befreien wollen dann geht das nur gemeinsam.“

2. Gesprächsrunde: Vier Jahre Zeitenwende. Deutsche Debatten – Aktiv werden für Frieden. Mit Dr. Dalilah Shemia-Goeke, Geschäftsführerin Bund für Soziale Verteidigung und ehemalige Fachkraft von Pro Peace, Zaynep Karaosman, Palestinians and Jews for Peace, Köln, Christoph Bongard, Leiter Kommunikation & Politik von Pro Peace. Moderation: Hannah Sanders (Auf https://www.youtube.com/watch?v=swTj9x3Oaxo ab 1:37:00)

ANHANG

Vorbemerkung: Die erste Gesprächsrunde verdeutlichte, dass gesellschaftliche Friedensarbeit von unten auch unter Kriegs- und Gewaltbedingungen möglich ist. Das Beispiel Ukraine zeigt zugleich, dass eine solche Graswurzelarbeit auf der gesellschaftlichen Mikroebene von strategischer Bedeutung ist: Sie trägt unter enormen Stressbedingungen, Ängsten und Erschöpfung zum Zusammenhalt, psychischen Durchhalten und Resilienz bei. Die Schilderungen von Angela und Chen waren ganz konkret, anschaulich, offen und ehrlich auch in der Benennung ihrer Widersprüche. Ich empfand die Runde als eine „Sternstunde“ in den 30 Jahren Ziviler Friedensdienst, was ich sofort Alexander und Caroline mitteilte.

Die Veranstaltung hatte ausdrücklich eine nach vorne gerichtete Perspektive. Angesichts der enormen friedens- und sicherheitspolitischen Herausforderungen heutzutage war das angemessen. Als irritierend empfand ich allerdings, dass darüber die 30-jährige Aufbauarbeit – 26 Jahre unter dem Namen Forum Ziviler Friedensdienst -, ihre Pioniere und Treiber praktisch keine Erwähnung fanden. In den Grußworten wurde fast nur von 30 Jahren Pro Peace gesprochen. Kein Wort des Dankes an die Gründer:innen, die den Zivilen Friedensdienst zu einem international ziemlich einzigartigen Gesellschaftsdienst machten. Irritierend war zweitens, das die Tatsache des Gemeinschaftswerks zwischen Friedensorganisationen und dem BMZ nicht zur Sprache kam und offenbar keine Bundestagsabgeordnete und BMZ-Vertreter:innen anwesend waren. Friedensarbeit braucht langen Atem. Die folgenden Berichte und Stellungnahmen mögen davon einen ersten Eindruck vermitteln.

(1) Vor zwanzig Jahren, veranstalteten in Minden der Bund für Soziale Verteidigung, Ohne Rüstung Leben und der Versöhnungsbund vom 25.-27. November 1994 den  Kongress „Ziviler Friedensdienst: Chance für gewaltmindernde Konflikt-austragung“.

Die ca. 60 TeilnehmerInnen stammten überwiegend aus dem Spektrum christlicher Friedensgrup-pen. In meinem Bericht 3/94 an die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen schrieb ich:

Theodor Ebert (Prof. und Mitglied der Kirchenleitung Berlin-Brandenburg) und Gert Weisskirchen (SPD-MdB) machen in ihren Eingangsreferaten Anmerkungen zum ZFD.

Ebert: In der Kirchenleitung strittig, ob ZFD eines Tages an Stelle des Militärs treten soll oder ob beide Institutionen auf Dauer parallel existieren sollen. Wo bisher mit Gewalt für „Recht und Frieden“ gesorgt worden sei, soll der ZFD eine Alternative aufzeigen. Somit sei der ZFD ein „unverdrossenes Angebot an unsere Politiker“, diese Staatsaufgabe anders wahrzunehmen. Gewaltfreiheit gebe es nicht zum Nulltarif, sie beinhalte ein Risiko für ihre Praktiker/Aktivisten. Denn im Gegensatz zu bisherigen Friedensdiensten käme der ZFD auch in gefährlicheren Konfliktgebieten zum Einsatz. Angemessener wäre deshalb ein Begriff wie „non violent task force“. Die Angehörigen des ZFD müssten verlässlich und gut ausgebildet sein und für willige Regierung ein praktikables Instrument sein. Noch seien sich die Befürworter nicht klar, was der ZFD im Einsatz alles leisten könne; eine ZFD-„Folgenabschätzung“ gebe es noch nicht.

Weisskirchen: Gerade weil in den letzten Jahren die Militarisierungsprozesse zunähmen, seien nun Zivilisierungsprozesse (die 1989 ihren Höhepunkt erlebten) zu fördern – zur Zähmung, Einhegung, schließlich Überwindung der Militarisierungstendenzen. Eine überwiegende Mehrheit auch im Bundestag möchte den Zivilisierungsprozessen mehr Kraft verleihen. Da sei der ZFD gerade das richtige Konzept. Als Präventionsmittel komme es letztendlich viel billiger als späterer Gewalteinsatz. Ein ZFD könne neben der Bundeswehr einen ähnlichen Status haben wie der Deutsche Entwicklungsdienst DED. Im ZFD müsse sich die Pluralität der Gesellschaft wiederfinden. Sinnvoll wäre eine – möglichst fraktionsübergreifende – Gesetzesinitiative zum ZFD, die vor einem Entsendegesetz eingebracht werden müsste. Rau, Stolpe, Däubler-Gmelin hätten sich inzwischen für den ZFD ausgesprochen, die Haltung der Fraktion sei noch unklar. Für die Popularisierung des ZFD sei der Evangelische Kirchentag elementar.

Von den AG’en besuche ich die – bestbesuchte – zu Ausbildungskonzepten, (vgl. die Papiere von Konrad Tempel: Zur Ausbildung von Freiwilligen im Sinne des ZFD – Umriss eines Ausbildungskonzepts; Arno Truger: Ausbildungskonzepte für Zivile Friedensdienste)

Balkan Peace Team (Koordinator Martin Raschke/Minden): neuntägige Ausbildung von neun Teilnehmern durch vier Trainer, (vgl. Prospekt, Rundbrief Nr. 5). Zum Vergleich: Witness for Peace 2,5 Tage, Christian Peacemaker 4 bzw. 30 Tage, Peaceworkers 5, Peace Brigades 3 und 6, ZFD (Konzept) 360 Tage.

International Peace-Keeping and Peace-Building Training Programm am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) in Stadtschleining, vorgestellt von Arno Truger/ÖSFK-Direktor und Autor des Ausbildungsprogramms: Angesichts der vor allein seit 1989 in Europa zunehmenden innerstaatlichen Konflikte wird der Mangel an Methoden und Fachkräften, die zivile Konfliktlösungen betreiben können, immer offenkundiger. Am ÖSFK wird deshalb in dreiwöchigen Grund- und einwöchigen Spezialkursen ein Pool von Leuten ausgebildet, die auf Anfrage in schwierigen Konflikten (allerdings nicht offen militärischen) in verschiedensten Funktionen eingesetzt werden können, (vgl. Prospekte von Stadtschleining)

Konrad Tempel: Kaum bewusst sei, wie viele Elemente gewaltfreier Konfliktaustragung in uns stecken. Deshalb beginne die Ausbildung keineswegs bei Null, sie müsse die Vorerfahrungen der Lernenden einbeziehen. Professionalität bilde sich aus Sach-, Sozial- und Konfliktlösungskompetenz. Vernachlässigt worden seien bisher die Sprachbarrieren. Inzwischen gebe es Trainings seit Jahrzehnten, doch praktisch keine systematische Auswertung. Die Annahme, binnen weniger Tage für äußerst schwierige Einsätze ausbilden zu können, sei waghalsig! Insgesamt gelte es, den noch vorherrschenden Dilettantismus zu überwinden.

Bei den Stellungnahmen einzelner Parteien und Organisationen zum ZFD stelle ich fest: Grundsätzlich entspricht das Projekt ZFD voll und ganz der bündnisgrünen Programmatik (Gewaltfreiheit, Gewaltprävention durch Ursachenbekämpfung und zivile Konfliktregulierung) und auch dem politischen Bedarf angesichts der langjährigen Debatten um Bosnien etc. Im Bundestagswahlprogramm wird die Einrichtung eines ZFD kurz gefordert, bei der Ausarbeitung des Konzepts wirkten etliche „unerkannte“ Grüne mit. Ansonsten aber nimmt die Gesamtpartei gegenüber dem ZFD eine Position diskussionsloser Zustimmung (Gesinnungsvotum) ein.

Ich behaupte, dass diese bloße Verbalzustimmung die nächsten Monate nicht überdauern wird; denn ein Schwerpunktthema der nächsten BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Frieden) am 4.-5. Februar wird der ZFD sein; und die Fraktion, insbesondere der AK V habe sich zivile Konfliktbearbeitung zu dem Schwerpunkt gesetzt, nicht zuletzt wegen des Kontextes Entsendegesetz, dt. Blauhelme nach Macedonien/ in den Kaukasus? Bundeswehr-Bestrebungen nach typischen ZFD-Feldern (vgl. Naumann-Buch), Haushaltsberatungen in diesen Monaten. Vor dem Hintergrund jüngster MdB-Erfahrungen (s. Tagung „Allgemeine Dienstpflicht“ und Rosenburggespräch) betone ich, wie offen die Diskussion um Dienste zurzeit sind, dass gute Chancen bestehen, aber zugleich die Zeit drängt. Eine hervorragende Aufgabe der Bündnisgrünen ist, zur Weiterentwicklung des Projekts ZFD beizutragen. (Dass ich als einziger Parteienvertreter an der ganzen Tagung teilnehme und nicht nur wie der MdB-Kollege kurz zum Referat vorbeikomme, wird sehr positiv registriert. Außerdem kann ich als BSV-Gründungsmitglied mengenweise alte Kontakte wiederbeleben)

Diskussionspunkte:

– Völlig offen ist noch die institutionelle Umsetzung des ZFD: NGO? eigenes Ministerium? Kanzleramt und Länder?

– Unklar ist das Verständnis von Pilotprojekten.

– „ZFD liegt in der Luft! Entweder er wird innerhalb eines Jahres angebahnt oder nie.“

– Bei der Evang. Kirche Berlin-Brandenburg bestünden erhebliche Ausbildungskapazitäten; in Fürstenberg/Ravensbrück gebe es Überlegungen, ob hier nicht ein Schulungszentrum für eine Art ZFD eingerichtet werden könne.

– Sehr sinnvoll wäre ein interfraktionelles Hearing zum ZFD.

– Die Bundestagsfraktionen sollen hinsichtlich der Haushaltsberatungen angesprochen werden und sich geistig auf einen Gesetzentwurf einstellen. Angesichts der verschiedenen ZDF-Vorschläge (Evang. Kirche Berlin-Brandenburg, Bund für Soziale Verteidigung) müssen Bündnis 90/Die Grünen ein eigenes Konzept erarbeiten.

Kommentar: Nachdem ich im Wahlkampf, Abteilung Friedenspolitik, kräftig die Werbetrommel für den ZFD gerührt hatte, bin ich nach diesem „Kongress“ ernüchtert bis enttäuscht, wie sehr der ZFD bisher nur auf dem Papier steht, wie wenig konkretisiert und stellenweise „gläubig“ die Konzepte sind, wie unsystematisch streckenweise die Diskussion lief, wie gering schließlich das Interesse am Kongress war.

Das ändert nichts an der Notwendigkeit eines ZFD. Aber damit der ZFD endlich in die Pötte kommt, werden Bündnis 90/Die Grünen, werden wir viel mehr gebraucht, als ich es geahnt hätte! Nächste Schritte (…)“

(2) Vorschlag an die Verhandlungskommission von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag NRW: Internationales Ausbildungszentrum für zivile Konfliktbear-beitung von Winni Nachtwei, MdB, in Kooperation mit Kurt Südmersen, Bund für Soziale Verteidigung, 21,5.1995

Querbezüge: Ziviler Friedensdienst, Deeskalationstraining der Polizei, Auslandsbeziehungen

AnsprechparterInnen: Winni Nachtwei (…), Kurt Südmersen (…)

1. Problembeschreibung: Zunahme gewaltträchtiger innerstaatlicher Konflikte weltweit; Fixiertheit staatlicher Sicherheitspolitik auf militärische „Krisenreaktion“, akuter Mangel an ziviler Konfliktbearbeitungskompetenz; diese zu fördern, ist für bündnisgrüne Friedens- und Sicherheits-politik von strategischer Bedeutung! Hierzu im Haushaltsantrag der Bundestagsfraktion 1995 Forderung nach einem Ausbildungszentrum.

2. Ziele, Kernforderungen: Ausbildungszentrum, in dem in mehrwöchigen Kursen Kenntnisse und Fähigkeiten in ziviler Konfliktbearbeitung, Gewaltvermeidung vermittelt werden. Zielgruppe: Praktiker aus verschiedensten Berufen, Institutionen, Organisationen, Ländern. Bildung eines Personalpools (weltweit einmaliges Vorbild: Internat. Peacekeeping Trainingszentrum in Stadtschlaining/Österreich)

3. Rechtlicher Änderungsbedarf: keinerlei4. Flankierende Maßnahmen:

5. Kosten, Finanzierung: weitere Träger wären sehr sinnvoll, wenige Mio.

6. Zeitliche Vorstellungen:

7. Formulierungsvorschlag für Koalitionsvertrag:

8. BündnisparterInnen: Kirchen, vor allem kirchliche Friedensgruppen, Hilfsorganisationen, Entwicklungsdienste; Leute im BMZ, AA

Anm.: Umsetzung im Modellvorhaben „Ausbildung in zivile Konfliktbearbeitung“, Start am 20. Mai 1997 in Frille bei Minden

(3) Fraktionsübergreifende Initiative für den Zivilen Friedensdienst 1996

Die Abgeordneten Gert Weisskirchen (SPD), Winfried Nachtwei und Rainer Eppelmann (CDU) initiierten 1996 einen Gruppenantrag zur Unterstützung eines Zivilen Friedensdienstes. Er wurde auch unterstützt von Heiner Geißler und Armin Laschet (beide CDU), Eckart Kuhlwein, Markus Meckel, Uta Zapf (alle SPD) und Christa Nickels (Grüne).

„1. Der Deutsche Bundestag begrüßt die Initiative aus den beiden großen christlichen Kirchen und Nicht-Regierungsorganisationen für einen „Zivilen Friedensdienst“, der Expertinnen und Experten zur gewaltfreien Bearbeitung von Konflikten und zum Einsatz in innergesellschaftlichen und internationalen Konflikten befähigen soll.

2. Der Deutsche Bundestag begrüßt eine von den Initiatoren des Zivilen Friedensdienstes vorgeschlagene plural zusammen gesetzte Trägerstruktur als Nicht-Regierungsorganisation. Er befürwortet und unterstützt die Zielsetzung des Zivilen Friedensdienstes, in Zusammenarbeit mit Betroffenen vor Ort einen gesellschaftlichen Beitrag zur Festigung ziviler Gesellschaftsstrukturen zu leisten. Dazu gehören insbesondere Einübung in ziviler Konfliktbearbeitung, Entfeindungs- und Versöhnungsarbeit, Hilfe beim Aufbau demokratischer Strukturen, Schutz und Sicherung der Rechte von Minderheiten, Arbeit mit Opfergruppen und (zurückkehrenden) Flüchtlingen

3. Der Deutsche Bundestag begrüßt die Absicht der Trägerorganisationen, durch Eigenbeiträge eine finanzielle Mitverantwortung für den Aufbau und den Unterhalt eines Zivilen Friedensdienstes zu übernehmen. Darüber hinaus fördert und unterstützt der Deutsche Bundestag den Aufbau und den Einsatz des Zivilen Friedensdienstes durch die Bereitstellung von Bundesmitteln.

Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, weitere Unterstützungsmöglichkeiten durch die Einbeziehung anderer Institutionen und Körperschaften (z.B. Bundesländer, EU, OSZE, UN) zu prüfen und gegebenenfalls zu nutzen. Der Deutsche Bundestag prüft, inwieweit für den internationalen Einsatz die Erfahrungen und Regelungen aus dem Bereich der Entwicklungshilfe und internationalen humanitären Hilfe analog auf den Zivilen Friedensdienst angewandt werden können. (…)“

Das „Forum Ziviler Friedensdienst“ plante, binnen zwei Jahren 200 Friedensfachkräfte in Bosnien einzusetzen. Für das 30 Millionen DM kostende Projekt erwartete das Forum zwei bis drei Millionen Mark aus der Staatskasse. Der Gruppenantrag scheiterte schließlich an der Blockadehaltung von Entwicklungsminister Carl-Dieter Spranger (CSU). Dazu „Initiative für Friedensdienst – Bonner Abgeordnete wollen Bosnienhelfer unterstützen“ von Richard Meng, Frankfurter Rundschau 3. Juli 1996

(4) „Frieden muss von unten wachsen: Ausbildung in ziviler Konfliktbear-beitung“, Grußwort beim 1. Kurs von Winni Nachtwei

Am 20. Mai 1997 begann in Frille bei Minden erstmalig in der Bundesrepublik ein Grundkurs des Modellvorhabens „Ausbildung in ziviler Konfliktbearbeitung“. 16 Frauen und Männer, zur Hälfte AusländerInnen, werden in 11 Wochen auf die Arbeit in „Versöhnungsprojekten“ vor allem im ehemaligen Jugoslawien vorbereitet: für die Begleitung und Unterstützung heimkehrender muslimischer Flüchtlinge in der kroatisch verwalteten Stadt Jajce, für die Arbeit in einem multiethnischen Jugendtreffpunkt in Tuzla, in einem unabhängigen Begegnungs-, Gebets- und Meditationszentrum in Sarajewo und mit kriegstraumatisierten Serben und Kroaten in Ostslawonien. Träger des Modellvorhabens sind die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, der Bund für Soziale Verteidigung und das Forum Ziviler Friedensdienst. Das Land NRW finanziert das Modellvorhaben mit 400.000 DM. Bei der Eröffnungsveranstaltung hielt ich das folgende Grußwort:

„Wohl kein parlamentarisches Gremium in Bonn beschäftigt sich so kontinuierlich und intensiv mit Ex-Jugoslawien wie der Verteidigungsausschuss des Bundestages. Lange standen dort Begründung und Planung des Militäreinsatzes, die Leistungen von IFOR im Mittelpunkt der Beratungen. Seit der Debatte um die IFOR-Nachfolge Ende letzten Jahres haben sich die Beratungsschwerpunkte völlig verschoben. Die Leistungen von IFOR/SFOR sind unstrittig, zugleich werden die Grenzen eines Militäreinsatzes immer deutlicher. Laut Außenminister Kinkel ist die Aufgabe der Militärs, die Konfliktparteien auseinander zu halten, relativ leicht – verglichen mit der Aufgabe, die verfeindeten Gruppen wieder zusammenzuführen. Er und Verteidigungsminister Rühe äußern sich wiederholt regelrecht verzweifelt über die totale Unversöhnlichkeit der Machthaber in Bosnien, die ein Funktionieren der Föderation blockiere. Nach einem Mostar-Besuch konstatiert Rühe im Angesicht der EU-finanzierten, aber leeren Brücken die Grenzen auch von Infrastrukturhilfen:“ Auch eine Brücke aus Beton bringt noch keinen Frieden!“ Ein Staatsminister schließlich beklagt, wie verbreitet in der Bevölkerung Lethargie, Misstrauen und Hass seien, dass es keinerlei Aufbruchstimmung gebe. Alle wissen: Der Wandel in den Köpfen ist der Dreh- und Angelpunkt für einen wirklichen Friedensprozess. Auf der Hand liegt, dass daran in erster Linie Nichtregierungsorganisationen arbeiten (können), dass für diese besonders schwierige Entfeindungsarbeit aber Qualifizierung unumgänglich ist.

Hier beginnen jedoch die politischen Blockaden in Bonn! Seit genau zwei Jahren versuchte ich zusammen mit Kolleginnen von SPD und CDU, ein „Startprojekt Ziviler Friedensdienst“ auf den Weg zu bringen, das die Ausbildung und Entsendung von Fachleuten für zivile Konfliktbearbeitung beinhaltet. Als ein interfraktioneller Kompromiss gefunden war, verhinderte der CSU-Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, Spranger, seine Umsetzung. Angesichts des Bonner Versagens ist die Initiative des Landes Nordrhein-Westfalen umso lobenswerter! Sie geht zurück auf die beharrliche Friedensarbeit vor allem des Bundes für Soziale Verteidigung und eine Festlegung im Koalitionsvertrag, zu der Kurt Südmersen (BSV) und ich im Mai 1995 den Anstoß gaben. Angesichts der vielen Konfliktnachrichten aus Düsseldorf endlich eine gute Nachricht von Rot-GRÜN!

Nur 400.000 DM für die Ausbildung von nur 16 Fachkräften – ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Das Modellvorhaben ist ein Pilotprojekt, mit dem zivile Konfliktbearbeitung von unten endlich sichtbar und überprüfbar wird. Es ist der Start zu einer professionellen Friedensarbeit, die sich in den nächsten Jahren erheblich ausweiten wird – weil der Bedarf immer unübersehbarer wird. Insofern nehmen wir heute an einer historischen Geburtsstunde teil! Im Namen der Landtagsfraktion und der Bundestagsfraktion von Bündnis90/DIE GRÜNEN wünsche ich den Kursteilnehmerinnen und Annemarie Müller und Stefan Willmutz als den Trainerinnen langen Atem und Erfolg! Ein Tropfen auf den heißen Stein kann der Anfang eines Regens sein. Dass es so wird, liegt mit an uns!“ (Maulwurf, Zeitung von GAL/Grünen Münster Juni 1997)

(5) Öffentliche Präsentation des Handbuchs

Tilman Evers (Hrg.): Ziviler Friedensdienst – Fachleute für den Frieden am 17.11.2000 im Haus der Geschichte, Bonn, Beitrag von Winni Nachtwei, MdBGuten Morgen!Warum soll ausgerechnet jemand das Buch zum Zivilen Friedensdienst präsentieren, der Mitglied des Verteidigungsausschusses ist und somit als Militärexperte gilt?

Seit 1994/95 habe ich ständig mit zugespitzten Krisen und mit verschiedenen Stufen militärischer sog. „Krisenbewältigung“ bis zum Krieg zu tun gehabt. Überdeutlich traten dabei immer wieder die Defizite und Lücken der nichtmilitärischen Gewalt- und Krisenprävention und Friedenskonsolidierung zutage.  Zugleich begleitete ich von Anfang an die Bemühungen für einen Zivilen Friedensdienst. Ich konnte dazu beitragen, dass entsprechende Formulierungen in die rot-grünen Koalitions-verträge in Nordrhein-Westfalen (1996) und im Bund (1998) aufgenommen wurden.

Ziviler Friedensdienst, Krisenprävention, zivile Konfliktbearbeitung: Sind das inzwischen politische Modewörter, gar nur Alibiveranstaltungen für eine entgegengesetzte Politik? In der Koalitionsvereinbarung hatten SPD und Bündnis 90/Die Grünen versprochen, die Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik viel mehr auf Krisenprävention auszurichten und eine Infrastruktur für Krisenprävention und zivile Konfliktbearbeitung aufzubauen. Die primär dafür zuständigen Ministerien, das Auswärtige Amt und das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), begannen 1998 sofort mit der Umsetzung, die allerdings zunächst völlig im Schatten des Kosovokrieges stand. Die eingeleiteten Schritte kann ich hier nur schlagwortartig benennen:

Im Bereich der Krisenanalyse wurden die Früherkennungskapazitäten in der Entwicklungszusammenarbeit verstärkt. Aufgebaut wird zur Zeit die Bundesstiftung Friedensforschung.  Zur Unterstützung von Friedensprozessen werden dringend Fachkräfte benötigt. Diese sollen über den Zivilen Friedensdienst in der Entwicklungszusammenarbeit und die „Aktion Ziviles Friedenspersonal“ des AA qualifiziert und entsandt werden. Nicht zuletzt auch auf deutsches Betreiben hin definieren OSZE und vor allem EU inzwischen ihre Nachfrage nach Friedens-personal. Die Bundesregierung berief einen Sonderbeauftragten für Krisenprävention und beschloss im Bundessicherheitsrat ein Grundkonzept Krisenprävention und Konfliktbeilegung. Mit einem in 2000 um 20 Mio. DM erhöhten Ansatz unterstützt die Bundesrepublik verschiedenste internationale Maßnahmen der Krisenprävention, Friedenerhaltung und Konfliktbewältigung, darunter erstmalig auch viele NGO-Projekte. (vgl. Übersicht „Gewaltvorbeugung konkret“ vom 16.10.2000, www.nachtwei.de )

Die Koalitionsvereinbarung betonte, dass der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren eine besondere Bedeutung zukomme. Den Stellenwert gesellschaftlicher Akteure haben kürzlich auch die katholischen Bischöfe in ihrem Friedenswort unterstrichen. In dem Kapitel „Konfliktnachsorge als Konfliktvorsorge“ lenken sie den Blick auf die „Macht unversöhnlicher Erinnerungen als Virus der Gewaltbereitschaft“. Mit dem Aufbrechen dieser Erinnerungen sind internationale Friedensmissionen überfordert, vom Militär ganz zu schweigen. Hier liegt eine strategische Aufgabe von gesellschaftlichen Akteuren und insbesondere des Zivilen Friedensdienstes.

Nun zum Buch. Ich kann Ihnen nicht nur sagen, wie notwendig das Buch zum ZFD ist. Ich habe es trotz spannender Sitzungswoche in den letzten zwei Tagen gelesen – Sie sehen, wie gebraucht es schon aussieht – und kann deshalb auch beurteilen, wie es geworden ist.  Es ist kein leichtes Buch. Aber wie soll es auch, ist es doch ein Meilenstein! ZFD, zivile Konfliktbearbeitung sind Begriffe, die inzwischen häufiger fallen, aber oft nur vage gefüllt sind. In der Unübersichtlichkeit der Begriffe und Erwartungen, Organisationen und Dienste schafft dieses Buch Klarheit, Präzision und Übersicht. Es ist nicht nur ein Sammelband, wie seine Initiatoren bescheiden sagen, es ist ein Handbuch!

Deutlich wird der Entstehungshintergrund des ZFD und auf wie vielen Schultern er steht: Die langen Wege der verschiedenen Friedensbewegungen, Friedens- und Freiwilligendienste, oft außerhalb öffentlicher Wahrnehmung; das Neue des ZFD, das Ringen um eine privat-öffentliche Partnerschaft, die Hindernisse und Erfolge dabei; die Früchte des langen Atems. Die historische Einordnung des ZFD wirkt gegen das kurze Gedächnis, das kurzatmig macht. Sie stärkt den langen Atem.

Die Beiträge des Handbuchs treffen wesentliche Klarstellungen:

  • Beim ZFD geht es um Unterstützung einheimischer Partner und Friedensallianzen, um Friedensunterstützung – und ganz und gar nicht um Friedenskolonialismus“.
  • Friedensarbeit, die wirksam sein soll, braucht Professionalität. Auffällig ist, wie sehr die AutorInnen dabei einen hohen Anspruch betonen. Die Vorbehalt, hier würden „naive Idealisten“ ausgesandt, ist haltlos.
  • Belegt und illustriert werden die großen Aufgaben und Chancen des ZFD. Zugleich wird falschen Erwartungen widersprochen. Natürlich ist der ZFD kein neues Allheilmittel. Hoffnungen auf schnelle und einfache Lösungen kann selbstverständlich auch der ZFD nicht erfüllen. A + O jeder wirksamen Gewaltvorbeugung ist das gute Zusammenwirken verschiedener Akteure und Instrumente.

Das Handbuch zeichnet sich aus durch eine Pluralität der Perspektiven und Standpunkte. Hier treten Positionen nebeneinander und damit auch in Dialog, die in der gesellschaftlichen und politischen Realität oft völlig getrennt voneinander existieren oder in Teilen der Friedens-bewegung gar nicht mehr miteinander reden: von der Gewaltfreiheit als Lebenshaltung (Thomas Nauerth) und einem umfassenden Antimilitarismus (Andreas Buro) bis zu NATO-kompatiblen Regierungspositionen. Konsense werden deutlich, Dissense markiert. Das Buch präsentiert eine Plattform für zivile Konfliktbearbeitung.

Ich behaupte: Das Jahr 2000 brachte für die Politik der Gewalt- und Krisenprävention einen Durchbruch. Dieses Buch ist dabei ein Meilenstein. Die Autorinnen und Autoren, vor allem aber den Herausgeber Tilman Evers möchte ich dafür beglückwünschen und ihnen sehr, sehr herzlich danken. Wenn ich von einem Durchbruch spreche, ist zugleich klar, dass wir längst nicht am Ziel sind, sondern „nur“ erste wichtige Schritte getan haben. Um zu einer effektiven – natürlich nie garantierten – Gewalt- und Krisenprävention zu kommen, liegt noch ein weiter Weg vor uns.

Mein Glückwunsch und Dank an Sie (Faust mit hoch gestrecktem Daumen) weist zugleich (mit vier Fingern) auf uns, auf die Verpflichtung der Politik, dafür auch die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Und die bestehen nun mal in einer stetigen Steigerung der entsprechenden Haushaltsansätze. Ansonsten bliebe unser Eintreten für zivile Krisenprävention bloß schönes Reden am Sonntag.  Dankeschön.

Dringende Empfehlung:

Tilman Evers (Hrg.): Ziviler Friedensdienst – Fachleute für den Frieden”, Leske + Budrich, November 2000, 29,90 DM. Erhältlich über den Buchhandel oder beim forumZFD, Wesselstr. 12, 53113 Bonn, 0228/9 81 45 15, Fax 0228/9 81 45 17 (forumZFD@t-online.de)

(6) 10 Jahre Forum Ziviler Friedensdienst

Schreiben von Claudia Roth, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Winni Nachtwei , sicherheits- und abrüstungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion

Liebe Freundinnen und Freunde, März 2006

im politischen Alltag dominieren schlechte Nachrichten.

Heute möchten wir Euch auf ein ausgesprochen erfreuliches Ereignis aufmerksam machen und zugleich um vermehrte Unterstützung werben:

Am 6. März feiert das forumZFD in Berlin seinen 10jährigen Geburtstag.

Mit dem forumZFD ist eine neue gesellschaftliche Friedenskraft entstanden, die beispielhaft ist für ihre Innovationskraft, ihre Beharrlichkeit, ihre Aufbauleistungen. Dafür danken wir den Freundinnen und Freunden des forumZFD, stellvertretend Helga und Konrad Tempel, Heinz Wagner und Tilman Evers von ganzem Herzen.  Der Geburtstag ist wahrlich ein Grund zum Feiern, aber auch für eine Zwischenbilanz und neue Initiativen.

Als politische Wegbegleiter und Förderer des Zivilen Friedensdienstes von Anfang an teilen wir Bündnisgrüne die Grundidee, dass Frieden immer auch von unten wachsen muss und dass die „Wachstumshilfe“ Professionalität braucht: Frieden braucht Fachleute. Friedensprozesse ohne gesellschaftliche Fundierung bleiben zerbrechlich und von ständigem Rückfall in die Gewalt bedroht.  Zur Förderung des ZFD in zivilgesellschaftlicher Trägerschaft taten sich vor zehn Jahren Nichtregierungsorganisationen und Einzelpersonen zum forumZFD zusammen.

Beim Aufbau und der Etablierung des Zivilen Friedensdienstes erlebten wir das forumZFD als Pionier und treibende Kraft für ein Projekt professioneller Friedensarbeit, das es in diesem Umfang bisher nicht gab.  Nach dem den Bosnienkrieg beendenden Vertrag von Dayton lag die Dringlichkeit gesellschaftlicher Verständigungs- und Friedensförderung auf der Hand. Unsere gemeinsame parlamentarische Initiative für ein „Startprojekt Ziviler Friedensdienst“ scheiterte an einem Minister der Union. Über die ersten rot-grünen Koalitionsverträge 1995 in Düsseldorf und 1998 in Bonn konnten wir dann aber die Tür zum Aufbau des ZFD und seiner staatlichen Förderung öffnen. Der ZFD wurde zu einer wichtigen Säule der Infrastruktur für Zivile Konfliktbearbeitung. Mit seinen quantitativ geringen Kräften leistete das forumZFD als Motor eines Zivilen Friedensdienstes Enormes – gegen den breiten Strom friedenspolitischer Phantasielosigkeit und Gleichgültigkeit. Seit 1997 wurden mehr als 200 Menschen zu Friedensfachkräften ausgebildet. Gegenwärtig arbeiten 130 vor Ort in Krisenregionen, davon 12 im Auftrag des ForumZFD. Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit fördert den ZFD zzt. mit ca. 14 Millionen Euro. Völlig richtig und weitsichtig ist der Einsatz des Forum für die Etablierung des ZFD in Deutschland einerseits und die internationale Vernetzung andererseits

Bei Besuchen auf dem Balkan und in anderen gewaltträchtigen Regionen lernten wir immer wieder Friedensfachkräfte kennen, die dort in ZFD-Projekten mit Jugendlichen, Frauen, ehemaligen Kämpfern, Flüchtlingen, Friedensaktivisten arbeiten – nicht als „Friedensmissionare“, sondern als professionelle und verlässliche Unterstützer einheimischer Friedenspotenziale und Zivilgesellschaft. Was wir da an langem Atem, an positiver Energie, an Kreativität und Fortschritten erlebten, hat uns begeistert und ermutigt. Wissenschaftliche Evaluierungen bescheinigten dem ZFD seit Jahren gute Leistungen.

Bei alledem sehen wir sehr nüchtern, dass der ZFD noch nicht über die Größenordnung eines Pilotprojekts hinaus ist, dass er eine Vervielfachung seiner Ressourcen und Kräfte braucht, um zu einer kritischen Masse bei der Förderung gesellschaftlicher Friedensprozesse zu werden.  Dafür braucht es nicht nur eine stärkere staatliche Unterstützung, die zu mobilisieren unter den heutigen Bedingungen noch schwieriger geworden ist. Dafür braucht es insbesondere auch mehr gesellschaftliche Unterstützung. Denn nur mit dieser ist auch die weitere Unabhängigkeit und Arbeitsfähigkeit des forumZFD angesichts gestiegener Anforderungen und daran weniger interessierten Regierungskoalitionen zu gewährleisten.

Frieden braucht Fachleute. Friedensfachleute brauchen Lobby.

Politisch haben wir Bündnisgrüne den Zivilen Friedensdienst immer unterstützt. Die politische Zustimmung ist einhellig. Viele WählerInnen der Grünen arbeiten im Rahmen des ZFD.  Viel zu spärlich sind aber noch unsere Beiträge zur direkten Unterstützung des ZFD. Das sollten wir ändern.

Wir möchten Euch herzlich zur direkten Unterstützung des forumZFD ermuntern:

  • Orts- und Kreisverbände wie einzelne Parteimitglieder können beim forumZFD Mitglieder werden oder eine Fördermitgliedschaft übernehmen;
  • Engagement ist möglich und gewünscht im Rahmen von Regionalgruppen, die Partnerschaften zu einzelnen ZFD-Projekten pflegen;
  • Auf Veranstaltungen stellen Friedensfachkräfte gern ihre Arbeit vor. So wird Friedensarbeit anschaulich, persönlich, konkret. (Solche Veranstaltungen können wir gern seitens der Fraktion unterstützen.)

Näheres findet Ihr auf der Homepage des forumZFD unter www.forumZFD.de.

Mit herzlich-grünen Grüßen, Claudia Roth Winni Nachtwei

(7) 15 Jahre Ziviler Friedensdienst – Verabschiedung von ZFD-Fachkräften nach Afghanistan, Burundi, Kenia, Kongo, Kosovo, Sierra Leone, Timor Leste + Zimbabwe, 8. Oktober 2014, Winfried Nachtwei, MdB a.D.

In der Katholischen Akademie in Berlin kamen am 8. Oktober 2014 150 Gäste zusammen, um 15 Jahre Ziviler Friedensdienst zu feiern und elf ZFD-Kräfte in ihre Einsätze in Krisenländern zu verabschieden: „Erinnern fördern, Versöhnung stärken – Erfahrungen aus der ZFD-Praxis“. (Veranstaltungsbericht www.ziviler-friedensdienst.org/de )

Arnd Henze, Fernsehkorrespondent im ARD-Hauptstadtstudio, moderierte die lebendige und ermutigende Veranstaltung, die mit Videobotschaften von Partnern in Kolumbien, westlichem Balkan, Burundi, Kambodscha begann und von der Band Easy Goin`beschwingt wurde.

Für die neun im Konsortium ZFD zusammenarbeitenden deutschen Friedens- und Entwicklungsorganisationen sprachen Carsten Montag und Martin Vehrenberg, für das Entwicklungsministerium Gunther Beger, Leiter des Leitungsstabes des BMZ. Im November 1999 waren die ersten ZFD-Kräfte in Krisenregionen entsandt. Seitdem kamen fast 1000 ZFD-Kräfte in rund 50 Ländern zum Einsatz. Heute arbeiten um 250 Frauen und Männer in 38 Ländern.

Im Gespräch mit Arnd Henze berichteten Dieudonné Kibinakanwa (Burundi), Anja Petz (Kurve Wustrow), Hans-Peter Baur (Leiter BMZ-Unterabteilung Frieden, Demokratie, Menschenrechte, soziale Entwicklung) und zwei ZFD-Kräfte aus Zimbabwe und Peru aus der ZFD-Praxis. Ein besonderer Höhepunkt war schließlich die Vorstellung und Verabschiedung von elf ZFD-Fachkräften – viele von ihnen mit reicher Auslandserfahrung – vor ihrer Ausreise nach Afghanistan, Burundi, Kenia, Kongo, Kosovo, Sierra Leone, Timor Leste und Zimbabwe. Trägerorganisationen sind die AGEH (Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe, fünf Fachkräfte), GIZ, Brot für die Welt und forumZFD. Besonders freute mich, dabei drei künftigen „AfghanInnen“ zu begegnen: den ZFD-Fachkräften Ilona und Markus sowie einer aus dem Beirat Zivile Krisenprävention vertrauten BMZ-Referatsleiterin, die nun an die Botschaft in Kabul geht. Dass die drei das in der jetzigen Umbruchsphase des internationalen Afghanistanengagements tun, wo die Ungewissheiten besonders groß sind, finde ich besonders stark und anerkennenswert! Euch wünsche ich viel Kraft, gute KollegInnen vor Ort, alles Helferglück!

Neue Publikationen:

(8) ENTSCHIEDEN FÜR FRIEDEN – 20 Jahre forumZFD: ein großer Grund zum Feiern, Winni Nachtwei, MdB a.D. (Juni 2016)

Am 4. Juni feierten im Friedenshaus „Am Kölner Brett“ in Köln Ehrenfeld 200 Gäste und 70 internationale MitarbeiterInnen das zwanzigjährige Bestehen des forumZFD (Ziviler Friedensdienst). Bericht zur Jubiläumsfeier (mit Videos der Reden + der Gesprächsrunde) unter http://www.forumzfd.de/Stimmen_zum_Jubilaeum , Fotos auch auf www.facebook/winfried.nachtwei

Ausgesprochen gern nehme ich an der Feier teil. Deutlich erinnere ich mich an die Anfänge in den frühen 90er Jahren, an die zivilgesellschaftliche Initiative, den Versuch eines fraktionsübergreifenden Antrages angesichts des akuten Bedarfs in Bosnien & Herzegowina, die Blockade durch den CSU-Entwicklungsminister, die Förderung des ersten Ausbildungsgangs Zivile Konfliktbearbeitung ab Mai 1997 durch das Land NRW, dann die Institutionalisierung des ZFD ab 1999. Bei zig Besuchen in Krisenländern lernte ich ZFD-Kräfte immer wieder als diejenigen kennen, die besonders dicht an den dortigen Konflikten und den Menschen dran waren, die mit Ausdauer und Zuversicht an den Friedenschancen arbeiteten.

In den 20 Jahren seit 1996 haben die GründerInnen, MitarbeiterInnen und UnterstützerInnen des forumZFD etwas geschaffen, was höchste Anerkennung – und viel mehr Aufmerksamkeit + Unterstützung – verdient: Aufgebaut wurden Fähigkeiten professioneller gesellschaftlicher Friedensförderung, die es vorher so nicht gab. Helga + Konrad Tempel, Heinz Wagner, Tilman Evers, Cornelia Brinkmann und andere – Pioniere in Peacebuilding von unten!

Eine Freude war es, Ihnen wieder zu begegnen. Eine doppelte Freude war es, festzustellen, dass der Stab von vielen Jüngeren übernommen wurde.  Zurzeit arbeiten 70 Friedensfachkräfte des forumZFD auf dem Westbalkan in Bosnien & Herzegowina, Serbien, Kosovo + Mazedonien, in Israel/Palästina + Libanon, Kambodscha + auf den Philippinen und in mehreren deutschen Kommunen. (Für das forumZFD und die anderen acht friedens- und entwicklungspolitischen Organisationen des „Konsortium Ziviler Friedensdienst“ arbeiten zzt. knapp 300 Fachkräfte in 39 Ländern. Sie werden vom BMZ mit 42 Mio. Euro gefördert. Seit Gründung des ZFD 1999 wurden mehr als 1.100 Fachkräfte in 39 Länder entsandt.)

Die Broschüre „Ziviler Friedensdienst wirkt! 20 Jahre forumZFD“ präsentiert einzelne Projekte und Erfolgsgeschichten: https://www.ziviler-friedensdienst.org/de/aktuelles/ziviler-friedensdienst-wirkt-20-jahre-forumzfd

In dem kleinen Buch „Entschieden für Frieden. Rückblick auf 20 Jahre Forum Ziviler Friedensdienst“ zeichnen drei Gründungsmitglieder im Gespräch mit Andreas Zumach die Entwicklung des Vereins von einer ehrenamtlichen Friedensinitiative zu einer weltweit engagierten Friedensorganisation nach: http://www.forumzfd.de/20JahreforumZFD .

Im Unterschied zum „Tag des Peacekeepers“ drei Tage zuvor im Auswärtigen Amt waren Am Kölner Brett – bis auf den Kölner Bundestagsabgeordneten Rolf Mützenich (SPD) – keine Vertreter der „Berliner“ Politik zu erkennen. Angesichts des hohen Liedes, das dort und auch drei Tage später bei der Konferenz „Entwicklung, Sicherheit, Frieden“ im BMZ auf das „vernetzte Handeln“ angestimmt wurde, ist das reichlich unverständlich.

Im Folgenden einige Beiträge aus der politischen Geschichte des ZFD:

  • Brief von Claudia Roth und mir anlässlich 10 Jahre forumZFD an die Grüne Partei

  • Resolution Grüner Länderrat Mai 1996 in Erfurt

  • Fraktionsübergreifende Initiative für einen ZFD

  • Ziviler Wiederaufbau + Friedensförderung

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