Zum 3. „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ am 8. Mai: Geschichtsblind gegen demokratische Wehrhaftigkeit? Von Winfried Nachtwei

Protest gegen Wehrpflicht am Tag der Befreiung – Befreiung durch wen? Leserbrief, Informationen, Kritik des bundesweiten Aufrufs

Meldung im Münsteraner Lokalteil der Westfälischen Nachrichten (WN) am 4. Mai 2026:

Dritter Schulstreik gegen Wehrpflicht

Die bundesweite Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ ruft für Freitag, (8. Mai) zum dritten Schulstreik gegen das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz auf. In Münster beginnt die Demonstration laut Ankündigung der Veranstalter von „Zukunftsmacher Münster“ um 10 Uhr am Hauptbahnhof. (…) Schon zwei Mal demonstrierten Jugendliche gegen das Gesetz, das unter anderem die verpflichtende Musterung und den Wiederaufbau einer Wehrerfassung vorsieht.“  

Nachdem ich mir die ersten beiden Schüler-Demos Anfang Dezember und März angesehen und darüber berichtet hatte ( https://domainhafen.org/category/friedens-sicherheitspolitik/ ), bin ich am kommenden Freitag leider verhindert.

Zur Meldung mein Leserbrief an die WN vom 5. Mai

Protest gegen Wehrpflicht am Tag der Befreiung – Befreiung durch wen? (vollständig in der WN veröffentlicht am 08.05.2026)

Gegen eine mögliche Wehrpflicht zu demonstrieren, ist völlig legitim. Dass sich Schülerinnen und Schüler für Selbstbestimmung, Freiheit und Frieden engagieren, ist zu begrüßen. 

Bei den bisherigen Schüler-Demos im Dezember und März fiel mir aber auf, dass die eigene Selbstbestimmung und Freiheit absolut gesetzt wurde und die Ablehnung der Wehrpflicht fundamentalistisch war. Kein Wort zum seit vier (!) Jahren tobenden russischen Angriffs-krieg gegen die Ukraine und zur Terrorisierung der Zivilbevölkerung, kein Wort zu den täglichen hybriden Angriffen aus Russland gegen das demokratische Europa und insbesondere Deutschland. Diese akute Bedrohung unserer Freiheit wurde in Parolen und Reden völlig ausgeklammert. Eine Bedrohung wurde einzig und allein durch die Aufrüstung im Westen angeprangert.

Eine rationale Auseinandersetzung um eine künftige Wehrform muss die konkrete sicherheitspolitische Lage einbeziehen. Eine Wehrpflicht prinzipiell und ohne Beachtung des sicherheitspolitischen Kontextes abzulehnen, ist gerade an einem 8. Mai, dem Tag der Befreiung vor 81 Jahren, geschichtsblind sondergleichen. Ohne Wehrpflicht hätten die Armeen der Sowjetunion, der USA, Großbritanniens und anderer Verbündeter die Wehrmacht und Nazi-Deutschland nie besiegen und Europa befreien können. Kein Grund zum Nachdenken?   

Winfried Nachtwei, Vorstandsmitglied von „Gegen Vergessen – Für Demokratie“

Ergänzende Informationen

Die Wehrpflicht wurde eingeführt

im nationalsozialistischen Deutschland 1935;

in Großbritannien am 3. September 1939 (drei Tage nach dem deutschen Angriff auf Polen)

in Frankreich erstmalig im Kontext der Französischen Revolution und zu Beginn des 20. Jahrhunderts fest verankert, nach dem Ersten Weltkrieg, um eine große stehende Armee ggb. Deutschland zu gewährleisten;

in der Sowjetunion seit 1925, verschärft 1939 und 1942;

in den USA in Friedenszeiten erstmalig im Oktober 1940.

Zusammengefasst: Die Wehrpflicht konnte ein wesentlicher Aufrüstungsschritt einer aggressiven Macht sein. Sie konnte auch ein unverzichtbarer Beitrag zur Herstellung völkerrechtskonformer Verteidigungsfähigkeit gegenüber einer Aggression sein. Es kommt also immer auf das Wofür im sicherheitspolitischen Kontext an.

Der bundesweite Aufruf „Heraus zum 8. Mai: Nie wieder Wehrpflicht! Nie wieder Krieg! Für ein Zeitalter der Schulstreiks statt Großmachtpolitik! https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/ )

Am 08. Mai 1945 wurde der zweite Weltkrieg beendet. Der Krieg hatte 2000 Tage lang täglich Zerstörung, Leid und Tod mit sich gebracht. Etwas, das niemand von uns erneut erleben möchte. Doch heute wird in Deutschland wieder aufgerüstet, fast jeder zweite Euro des Bundeshaushalts wird für Panzer, Bomben und Infrastruktur, die das Land auf den Krieg vorbereitet, ausgegeben. Die Kassen der Rüstungsindustrie klingeln – damals wie heute. (…) Es wird sich auf einen Krieg vorbereitet und wir junge Menschen sollen das Kanonenfutter dafür sein. (…) Am 08. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg, der Bombenhagel verstummte. Danach waren breite Teile der Bevölkerung sich einig: Von deutschem Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen. „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ war die Losung. (…) Am 08. Mai wird es in ganz Deutschland durch die Straßen schallen: Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“

Widerworte

(a) Dass der 08. Mai nicht nur Ende des Weltkrieges in der westlichen Hemisphäre war, sondern zugleich der Tag der Befreiung war und ist, dass es in dem Weltkrieg Angreifer und Verteidiger / Befreier gab, wird ausgeblendet. 41 Jahre nach der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes fallen „friedensbewegte“ Demonstranten hinter seine historische Feststellung zurück: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“ ( https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw19-de-gedenkstunde-rede-weizsaecker-1062288 ) Das Schweigen zur Befreiung durch die alliierten Truppen ist kein Zufall. Es ist ein Muster, dass auch bei Großdemonstrationen der traditionellen Friedensbewegung (zuletzt 3. Oktober 2025) auffällt. Wenn überhaupt ist nur pauschal von einem „Ukrainekrieg“ die Rede, allermeistens nicht von Angreifern und Verteidigern, Unrecht und Recht.

(b) Wenn es nach drei Sätzen zum zweiten Weltkrieg heißt, „Doch heute wird in Deutschland wieder aufgerüstet“ und „die Kassen der Rüstungsindustrie klingeln – damals wie heute“, dann wird damit indirekt eine Kontinuität zwischen Aufrüstung in Nazi-Deutschland und im demokratischen Deutschland heute unterstellt.

(c) Die Aussage „fast jeder zweite Euro des Bundeshaushalts wird für Panzer, Bomben und Infrastruktur“, für Kriegsvorbereitung ausgegeben, ist eine blanke Lüge: Beim Bundeshaushalt 2026 von 524,5 Mrd. Euro entfallen auf Arbeit und Soziales 37,6% (197 Mrd.), auf Verteidigung 20,6% (108,2 Mrd.), davon 24,7 Mrd. allein für`s Personal.

 

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