11. Juli: Internationaler Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica vor 31 Jahren.
„Schutzzone“ Srebrenica vor 31 Jahren: Auszüge aus „Die letzten Tage von Srebrenica“ von David Rohde – und die unbekannte Geschichte eines niederländischen Oberst, dessen Verteidigungsplan den Völkermord hätte verhindern können, wenn …
Winfried Nachtwei, August 2025 ( www.facebook.com/winfried.nachtwei
Die Belagerung der ostbosnischen Stadt Srebrenica begann 1992 und mündete vor 31 Jahren, am 11. Juli 1995, in die Einnahme und den ersten Völkermord in Europa nach 1945. Hier zusammengefasst nach dem Tag-für-Tag-Bericht „Die letzten Tage von Srebrenica“ des New-York-Times-Journalisten David Rhode, der 1996 für seine Bosnien-Berichterstattung mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.Umfassendere Auszüge auf http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1647 und https://domainhafen.org/category/kriseneinsaetze/page/3/ . 2024 erklärte die UNO den 11. Juli zum Internationalen Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica.
Im Vorfeld des 20. Jahrestages von Srebrenica veröffentlichte ich 2020 hierzu etliche Materialien auf meiner Website. Dabei stieß ich auf das vorbildliche Ausnahmeverhalten eines niederländischen Oberst, der später als Generalmajor stellvertretender Kommandierender General des 1. Deutsch-Niederländischen Corps in Münster wurde. ( https://domainhafen.org/category/kriseneinsaetze/page/2/ )
Das Bergbaustädtchen Srebrenica („Silberstadt“) liegt in einem drei Kilometer langen Tal, umgeben von steilen Hängen, im Osten Bosniens, nur 16 km entfernt von serbischem Gebiet.
Kurz nach Ausbruch der Kämpfe im April 1992 „brachten paramilitärische, nationalistische Verbände aus Serbien die Stadt unter ihre Kontrolle mit dem Ziel, die Muslime aus der Stadt zu vertreiben. (…) Drei Wochen später eroberten sie unter der Führung von Naser Oric, einem 26-jährigen, charismatischen Polizisten, die Stadt zurück.“ Die Serben hielten die Stadt aber eingekesselt. 1993 gingen „bosnische Serben mit der Unterstützung von Truppen, Panzern und Artillerie aus dem benachbarten Serbien zur Gegenoffensive über,“ UN-Lebensmittelkonvois wurden blockiert, US-Maschinen warfen Lebensmittel mit Fallschirmen ab. „Bis Mitte 1993 drängten sich in Srebrenica und dem kleinen Streifen Umland 60.000 muslimische Zivilisten.“ (Rohde S. 15)
Der Oberkommandierende der UN-Truppen in Bosnien, der französische General Philippe Morillon, suchte ohne Absprache mit New York die Enklave auf und versprach dort spontan den Schutz der UN. Als die muslimische Verteidigung zu bröckeln begann, „verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 16. April die Resolution 819 und erklärte Srebrenica und ein 130 Quadratkilometer großes Umland zur ersten UN-Schutzzone der Welt.“ (S. 16) Am 6. Mai beschloss der UN-Sicherheitsrat weitere „safe areas“ für Sarajevo, Tuzla, Gorazde, Zepa und Bihac. Die Forderung von UN-Generalsekretär Boutros-Ghali nach 34.000 Blauhelmsoldaten zur Überwachung der inzwischen sechs Schutzzonen scheiterte an der Weigerung möglicher Truppensteller. Angenommen wurde dann eine „Schutzzonen-light“-Version mit 7.600 Blauhelmsoldaten. Nach Srebrenica wurden 750 leicht bewaffnete UN-Soldaten entsandt, zuerst kanadische, dann niederländische. Ihr Auftrag: Entwaffnung der muslimischen Verteidigungstruppen und „Abschreckung“ gegen bosnisch-serbische Angriffe.
Am 29. Mai beschloss General Janvier, der französische Oberbefehlshaber aller UN-Truppen im ehemaligen Jugoslawien, neue Richtlinien für Lufteinsätze: Diese mussten jetzt statt von den UN-Vertretern im Land vom UN-Generalsekretär in Abstimmung mit dem UN-Sicherheitsrat genehmigt werden. „Die neuen Richtlinien stellten die letzte Runde in einem seit langem geführten Disput dar (zwischen Frankreich, Großbritannien einerseits, USA andererseits), wie viel Waffengewalt die UN-Mission in Bosnien (…) einsetzen sollten, um Resolutionen des Sicherheitsrates durchzusetzen.“ (Rohde S. 44) Sie „machten auch die Prioritäten jener Staaten deutlich, die Friedenstruppen auf bosnischem Boden hatten: ´Die Durchführung des Mandats ist gegenüber der Sicherheit des UN-Personals zweitrangig.` Mit einem Wort: Es war wichtiger, dass Blauhelmsoldaten ihr eigenes Leben retteten, als dass sie ihre Mission erfüllten.“ (S. 49)
Juli 1995: Seit Monaten hatten die bosnischen Serben die UN-Nachschubkonvois blockiert. Seit dem 18. Februar war kein Diesel mehr durchgekommen. Die meisten der 13 UN-Beobachtungsposten (BP) wurden mit Maultieren und Traktoren versorgt. Seit zwei Monaten gab es keine frischen Lebensmittel mehr.
6. Juli
Beginn des serbischen Angriffs: Im Südostzipfel der Enklave wird der Raum um einen UN-BP mit sechs niederländischen Soldaten mit Granaten beschossen. Eine erste Anforderung von Luftnahunterstützung bleibt erfolglos. Am 8. Juli nehmen schwer bewaffnete serbische Soldaten mit Panzerunterstützung den BP ein, die UN-Soldaten werden entwaffnet, der BP aufgegeben wenige Stunden später ein weiterer UN-BP. Sechs niederländische Soldaten sind als Geiseln genommen. (…)
9. Juli
Massenflucht aus dem Süden in die Stadt. Einnahme des letzten UN-BP im Südosten und Plünderungen. Inzwischen direkter Beschuss von BP. Der niederländische Bataillonskom-mandeur Oberstleutnant Karremans fordert keine Luftnahunterstützung an, auch die Möglichkeit von show-of-force-Einsätzen über der Enklave wird abgelehnt, weil das die Serben „hätte aufbringen können“. Weitere BP werden ohne einen Schuss geräumt.
David Rohde: „Um 18.00 Uhr waren die Serben fünf Kilometer weit in die Enklave vorgedrungen und standen nur noch knapp einen Kilometer vor Srebrenica. Karremans (…) meldete, dass die bosnischen Soldaten in der Stadt keinen Widerstand leisten. Er wiederholte, dass nur ein massiver NATO-Luftangriff die Serben aufhalten könne. Zum ersten Mal kamen Karremans und Oberst Charles Brantz, UN-Kommandeur für den Nordost-Sektor Bosniens im HQ in Tuzla, auf den Gedanken, dass die Serben vorhaben könnten, die Schutzzone ganz einzunehmen.
Oberst Harm de Jonge, der Chef des operativen Planungsstabes im UNPROFOR-Hauptquartier in Zagreb, entschloss sich zu einem Vorschlag, von dem er hoffte, dass er die spärlichen militärischen Mittel, die den UN-Truppen zur Verfügung standen, optimal zur Nutzung brächte. Nachdem er mit General Nicolai (niederländischer Stabschef in Sarajevo) gesprochen hatte, entwarf de Jonge einen Plan, nach dem das niederländische Bataillon einen knappen Kilometer südlich von Srebrenica eine Auffangstellung errichten sollte. Auf den drei Hauptstraßen, die in die Stadt führten, sollten niederländische Soldaten mit MTWs (gepanzerten Mannschaftstransportwagen) eingesetzt werden. Die Serben sollten offen gewarnt werden, dass die UN-Truppen NATO-Luftnahunterstützung anfordern würden, falls sie die Auffangstellung angriffen. Dahinter stand bei de Jonge die Idee, mit der Auffangstellung einen Fallstrick auszulegen, der die Absichten der Serben unmissverständlich klarmachen und die Vereinten Nationen zum Einsatz von Luftnahunterstützung zwingen würde, um Srebrenica zu verteidigen. Das Konzept war simpel und ließ dem UN-Oberkommando in Zagreb wenig Spielraum zu zaudern.
Den Jonge legte den Vorschlag General Janvier vor, der berüchtigt dafür war, dass er lange brauchte, bis er eine Entscheidung traf. Janvier stimmte dem Gesuch sofort zu. Der gewöhnlich so vorsichtige Legionär schlug sogar vor, in die Warnung an die Serben eine Forderung einzubeziehen, dass sie ihre Truppen bis 21.00 Uhr hinter die früheren Frontlinien der Enklave zurückzuziehen hätten. Der Vorschlag wurde mit Yasushi Akashi, dem zierlichen japanischen Diplomaten besprochen, der wegen seiner allzu zögerlichen Haltung zur Gewaltanwendung so heftig unter Kritik geraten war. Rasch stimmte auch er zu.“ (S. 109) Die Frontlinie der Enklave ist 30 km lang, der Hauptangriff erfolgt aus dem Süden mit vier Panzern und rund 200 Infanteristen.
10. Juli
60 NL Blauhelmsoldaten mit sechs MTW beziehen vier Auffangstellungen. Die inzwischen dritte Anforderungen von Luftnahunterstützung durch OTL Karremans um 8.55 Uhr wird abgelehnt, weil nicht 100%-ig sicher sei, dass die Auffangstellung von Serben beschossen worden sei. Über der Adria kreisen 40 Flugzeuge. Sie sind nur dann für Luftnahunterstützung (close air support / CAS) gedacht, wenn die Serben Auffangstellungen angreifen. Nur sechs der Maschinen sind CAS-geeignet. Die anderen dienen als Eskorte und Unterstützung.
Ab 18.00 Uhr werden ca. 80 serbische Infanteristen auf dem Hang oberhalb des Stadtzentrums von Srebrenica gesichtet. Über Funk aus dem NL Hauptquartier die Meldung: „Bereiten Sie sich auf einen Luftangriff vor“. D. Rohde: „Eindeutig: Die Auffangstellung wurde angegriffen. OTL Karremans forderte Luftnahunterstützung an. Der Fallstrick, den Oberst de Jonge in Zagreb vor zwei Tagen ausgelegt hatte, hatte endlich gewirkt. Die Anforderung (…) ging um 19.15 Uhr in Sarajevo ein. (…) Der niederländische General Nicolai brachte die Anforderung zum stellv. Oberkommandierenden der UN-Truppen in Bosnien, General Gobilliard und empfahl sie zu bewilligen. Gobilliard unterzeichnete das Formular sofort.
In Zagreb traf die Anforderung bei Oberst de Jonge um 19.30 Uhr ein. De Jonge eilte in General Janviers Büro und teilte ihm mit, dass eine Kompanie serbischer Soldaten auf einem Berg vor Srebrenica stand. Die Serben rückten auf die Stadt vor. Die niederländische Auffangstellung schieße über ihre Köpfe weg. Janvier zögerte und berief seinen Krisenstab ein. (…) Janvier: „Gestern haben wir den Serben ein Ultimatum gestellt. Sie haben daraufhin weiter geschossen. Aber unser Problem ist, dass wir keine Schussziele haben.“
„Wir haben zwei Panzer, wir brauchen kein rauchendes Kanonenrohr“, erwiderte de Jonge. Er bezog sich damit auf eine Nuance in den UN-Vorschriften, die es der NATO-Luftnahunter-stützung erlaubte, einen Panzer zu zerstören, der sich einer UN-Stellung in feindlicher Absicht näherte, auch wenn er noch nicht geschossen hatte. (…) „Was empfehlen Sie?“ fragte Janvier Oberst de Jonge. „Da Sie gestern eine energische Erklärung gegenüber Mladic abgegeben haben und er sie ignoriert hat, denke ich, dass Sie Luftnahunterstützung anordnen müssen“, sagte de Jonge. (…) Oberst Moné aus Janviers Arbeitsstab war der erste, der sich gegen die Anforderung aussprach. (…) Oberst de Jonge wurde nervös. (…)
Die Anforderung zur Luftnahunterstützung von 19.00 Uhr war mittlerweile anderthalb Stunden alt. OTL Karremans in Srebrenica rief alle Viertelstunde General Nicolai in Sarajevo an, um zu hören, ob sie endlich bewilligt sei. (…) De Jonge, der die Idee mit der Auffangstellung entwickelt hatte, konnte nicht fassen, wie lange es dauerte.“
Rückfrage des niederländischen UNPROFOR-Stabschefs gegen 20.50 Uhr beim NL-Verteidigungsminister, weil jetzt auch das Leben von dreißig niederländischen Geiseln auf dem Spiel steht. Verteidigungsminister Joris „Voorhoeve trifft eine der wenigen mutigen Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Angriff auf Srebrenica. Er entscheidet, dass das Leben der 30 Blauhelmsoldaten gleichrangig zu betrachten ist wie das Leben von 30.000 Muslimen. Die UN-Schutzzone und die Bevölkerung sollen verteidigt werden. (…) keine Einwände gegen Luftnahunterstützung.“ Weitere Rücksprachen Janviers mit Akashi. Rückzug der Serben vom Berg über der Stadt. Umgekehrt serbisches Ultimatum an die UN. Einzelne Offiziere drängen auf Einsatz. Die Flugzeit nach Srebrenica sei 20 Minuten. General Janvier lehnt Luftnahunterstützung ab. Der serbische General Tolimir hat ihm gerade am Telefon versichert, man habe nicht vor, die Enklave einzunehmen. Nach Mitternacht teilt OTL Karremans der muslimischen Führung in Srebrenica mit, dass „bis morgen um 6.00 Uhr 40-60 Flugzeuge über Srebrenica eintreffen werden. Es wird einen massiven Luftangriff geben.“ (S. 158)
11. Juli
Warten, Warten: In der Nacht hört das Artilleriefeuer nicht auf. UN-Militärbeobachter zählen 182 Detonationen. Die UN-Soldaten vor Ort erwarten ab 6.00 Uhr NATO-Luftangriffe. Am Vorabend war eine aktualisierte Zielliste an das übergeordnete Kommando gegangen. 6.00, 7.00 Uhr überall Stille. „Auf den drei strategisch wichtigsten Bergen (…) haben serbische Artillerie und Panzer Stellung genommen.“ (S. 166) Der Nebel lichtet sich, um 8.00 Uhr immer noch keine NATO-Flugzeuge. Das UN-HQ in Potocari (in der Enklave nördlich Srebrenica) fordert erneut beim HQ für den NO-Sektor in Tuzla Luftangriffe an, zum vierten Mal seit dem 6. Juli. In der SO-Ecke wird wieder gekämpft. Um 9.00 Uhr keine Flugzeuge. Bosnisch-serbische Infanterie steht einen halben Kilometer vor Srebrenica. Anruf in Tuzla. Man erfährt, dass die Anforderung von 8.00 Uhr abgelehnt wurde, weil die Niederländer ein Anforderungsformular für Luftangriffe und nicht für Luftnahunterstützung eingereicht hatten. Um 9.45 geht die aktualisierte Anforderung auf dem richtigen Formular von Tuzla nach Sarajevo, die zweimal korrigiert werden muss. „Um 10.45 traf eine korrekte Anforderung in Sarajevo ein. Da war es bereits zu spät.“ Den Flugzeugen, die seit 6.00 Uhr über der Adria kreisten, geht der Treibstoff aus. In zwei Stunden stünden sie wieder zur Verfügung.
Als von der Auffangstellung Bravo 1 wieder ein MTW den Serben zwecks demonstrativer Beobachtung entgegenfahren soll, revoltieren die niederländischen Soldaten. Auch der Fliegerleitoffizier weigert sich. Serbische Geschütze nehmen wieder die gesamte Enklave unter Beschuss und vor allem auch Stellungen, wo Fliegerleitoffiziere vermutet werden. BP Mike und BP November am Nordrand der Enklave werden um 11.10 Uhr von Mörsern und schweren MG beschossen.
Als kurz nach 11.00 Uhr die Anforderung zur Luftnahunterstützung in Zagreb eintrifft, zögert General Janvier wieder. Die UN-Truppenführung ist sich immer noch nicht sicher, ob die Serben die ganze Enklave einnehmen wollen. Um 12.05 Uhr unterzeichnet Janvier die Anforderung, vier Stunden nach Eingang. Um 12.06 starten die Flugzeuge in Italien. Sie können frühestens um 13.45 über Srebrenica eintreffen.
Fünf Tage nach der ersten Anforderung wird die inzwischen sechste bewilligt.
Luftnahunterstützung: Über der Adria gruppieren sich 18 NATO-Flugzeuge zur Formation, darunter sechs niederländische und amerikanische F-16, zwei F-111 mit Systemen zur Bekämpfung gegnerische Luftabwehr, zwei Tankflugzeuge, eine C-130 als Kommando-, Kontroll- und Fernmeldezentrale, eine AWACS-Maschine und mehrere Eskorten. Die NATO ist eine Stunde hinterm Zeitplan zurück, Eintreffen um 14.30 Uhr.
Um 14.30 Uhr meldet ein Fliegerleitoffizier das Eintreffen von NATO-Flugzeugen, allerdings nur zwei. Es sind zwei F-16 der Königlich-Niederländischen Luftwaffe, eine von einer Pilotin geflogen. Der Fliegerleitoffizier dirigiert die Maschinen zur Straße südlich der Stadt zu einem Panzer. Die F-16 greift im Sturzflug an, wirft eine Bombe. NL Soldaten in der Nähe meinen, „einen brennenden Panzer zu sehen.“ Blauhelmsoldaten jubeln. Mehrfach gehen die beiden Flugzeuge im Sturzflug auf Panzer herunter, werfen aber keine Bomben ab. Eine zieht im Tiefflug über das UN-HQ in Potocari weg und wirft eine zweite Bombe auf dem Berg ab. Dann verschwinden die Flugzeuge. Das Artilleriefeuer geht unvermindert weiter. Die Flugzeuge hatten keine lasergesteuerten, sondern frei fallende Bomben. Die Serben hatten die Niederländer gehindert, die entsprechende Laserausstattung mit in die Enklave zu bringen.
Zwei weitere amerikanische F-16 haben Schwierigkeiten, geeignete Ziele auszumachen. In Potocari meldet sich ein serbischer Dolmetscher: „Wenn die NATO-Angriffe nicht sofort aufhören, werden alle niederländischen Blauhelmsoldaten in serbischem Gewahrsam getötet. Auch das niederländische Lager in Potocari wird unter Beschuss genommen.“ (S. 188)
Nach Potocari zieht eine gut drei Kilometer lange Kolonne von 13.000 Flüchtlingen, Die Serben nehmen sie nicht unter Beschuss.
Einmarsch serbischer Soldaten in Srebrenica: Gegen 16.15 dringen Soldaten der Bosnisch-Serbischen Armee in das UN-Lager in Srebrenica ein. „Die erste UN-Schutzzone der Welt ist gefallen. Ein niederländischer und etwa 50 bis 75 muslimische Soldaten sind bei der Verteidigung der Schutzzone getötet worden. Ebenso viele bosnisch-serbische Soldaten sind bei den Kämpfen um diesen wohl überraschendsten Sieg des Krieges gefallen“ (S. 191 f.)
Die niederländische Regierung bittet den zivilen Leiter der UN-Mission, keine weiteren Angriffe zur Luftnahunterstützung zu fliegen.
Um 17.00 Uhr zieht General Ratko Mladic triumphierend in Srebrenica ein: „Wir machen dem serbischen Volk diese Stadt zum Geschenk. Nach der Rebellion der Dahijas (Anm.: serbischer Aufstand, den die Türken 1804 gewaltsam niederschlugen) ist endlich der Zeitpunkt gekommen, Rache an den Türken dieser Region zu nehmen.“ (S. 193)
In Potocari lassen die Niederländer etwa 5.000 Zivilisten auf das Gelände des UN-HQ.
12.-16. Juli
UN-Basis Potocari: Auf dem Parkplatz vor dem UN-HQ 20.000 Flüchtlinge. Gegen 13.00 Uhr nähern sich dem UN-HQ ein serbischer Panzer und ein MTW. 20 bis 30 schwerbewaff-nete Serben nähern sich. Zwei Kanonen, zwei Panzer, drei Mehrfachraketenwerfer und ein Flak-Geschütz haben die Serben in unmittelbarer Sichtweite des NL-Lagers aufgestellt.
Erste Selektionen von Männern beginnen – angeblich zur Befragung.
An verschiedenen Orten finden bis zum 16. Juli Massaker statt, denen mehr als 8.000 bosnisch-muslimische Männer und Jungen zum Opfer fallen. Es ist der erste Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. (Zum 12.-16. Juli Auszüge von D. Rohde auf https://domainhafen.org/category/kriseneinsaetze/page/3/ )
Die Kolonne der Männer aus dem Nordwesten der Enklave ist acht Kilometer lang, einer marschiert hinter dem anderen. Mehr als 20% der Strecke sind gefährlich freies Gelände. Viele Väter gehen neben ihren Söhnen. „Es war ein grausames Gelände. Endlose Berge und Täler zehrten an den Kräften der Männer. Ihre Essensvorräte reichten für einen Tag, aber vor ihnen lag ein sechstägiger Marsch. (…) In regelmäßigen Abständen hallten Artilleriefeuer und Detonationen über die Berge. Gelegentlich pfiffen Gewehrsalven über ihre Köpfe.“ (S. 218)
UN-Basis Potocari: Gegen 13.00 Uhr nähern sich dem UN-HQ ein serbischer Panzer und ein MTW. 20 bis 30 schwerbewaffnete Serben nähern sich. Zwei Kanonen, zwei Panzer, drei Mehrfachraketenwerfer und ein Flak-Geschütz haben die Serben in unmittelbarer Sichtweite des NL-Lagers aufgestellt. OTL Karremans an seine Vorgesetzten: „Ich bin nicht imstande, (a) diese Menschen zu verteidigen, (b) mein eigenes Bataillon zu verteidigen.“ Der einzige Ausweg seien Verhandlungen auf höchster Ebene. (S. 222) „In den Fabrikgebäuden fangen die Serben an, den Niederländern CD`s, persönliche Dinge und andere Ausrüstungsgegen-stände zu stehlen. (…) Eifrig bemüht, die Serben nicht zu provozieren, hatten niederländische Offiziere beschlossen, alle Niederländer zu entwaffnen und die Waffen der Blauhelme in einem der MTW`s zu deponieren.“ (S. 223) Einzelne Serben bieten den Niederländern Schnaps und Zigaretten an.
Erste Selektionen von Männern: Serben beginnen, Männer aus der Flüchtlingsmenge zusammenzutreiben. Angeblich, um sie zur Befragung wegzubringen. Gegen 15.00 Uhr kommt ein kleiner Laster, von dem serbische Soldaten den Menschen Brot zuwerfen. Ein Fernsehteam filmt die Szene.
General Mladic: Um 16.00 Uhr trifft General Mladic ein. „Vor laufenden Kameras verteilen seine Männer Süßigkeiten an die Kinder. Mladic spielt den liebevollen Großvater. ´Es wird niemandem etwas geschehen. Sie haben nichts zu befürchten. Sie werden alle evakuiert.“
„Evakuierungen“: Es fahren Busse und Laster vor, wenden und parken in einer langen Reihe. Der niederländische Offizier vom Dienst zu Mladic: „Wir werden in keiner Weise kooperieren. Sie dürfen die Leute nicht ohne unsere Erlaubnis wegbringen. Was haben Sie vor?“ Mladic: „Wir bringen die Flüchtlinge an einen besseren Ort. Uns hält nichts auf.“ (S. 231)
Serbische Soldaten zerren Niederländer aus der Blauhelmkette, um Flüchtlinge zu den Fahrzeugen zu treiben. 50 schwer bewaffnete serbische Soldaten stehen 30 weitgehend unbewaffneten Blauhelmsoldaten gegenüber. Muslime hasten zu den Bussen und Lastern und werden von den Serben beschimpft. „Einigen Blauhelmsoldaten werden mit vorgehaltener Waffe ihre Helme und Schutzjacken abgenommen. (…) Die Serben führen die muslimischen Männer weg, die kaum oder gar nicht Widerstand leisten. (…) Die Serben verhaften, verspotten und vertreiben Menschen, die die Niederländer beschützen wollen. (…) Die Demütigung ist komplett.“ (S. 232)
Alte und behinderte Männer werden in ein nahe gelegenes Gebäude getrieben.
Der niederländischer Leutnant van Duijn stößt sich daran, wie die Serben mit den Flüchtlingen umgehen und wird selbst initiativ. Als serbische Soldaten muslimische Männer von ihren Familien trennen und in ein nahes Haus führen, fragt van Duijn nach. Sie würden verhört und überprüft, ob es Kriegsverbrecher seien. Mehrfach protestiert van Duijn am Nachmittag, denn er findet, dass die fortgebrachten Männer zu jung oder zu alt sind. Die Männer werden freigelassen.
UN-Soldaten begleiten einzelne Flüchtlingskonvois, die muslimische Zivilisten tatsächlich nach Zentralbosnien bringen. Bei Durchquerung von bosnisch-serbischem Gebiet “verhöhnen serbische Menschenmengen die Muslime und bewerfen den Bus mit Steinen.“ (S. 239) „Die Vertreibung der muslimischen Bevölkerung der Stadt war offenbar von langer Hand geplant.“ (S. 240) In Potocari verhalten sich die serbischen Soldaten auch gegenüber den UN-Soldaten immer dreister, Pistolen und Schutzjacken werden ihnen abgenommen. (Zum Bild der Muslime in der nationalistisch-serbischen Propaganda, S. 241 ff.)
Erschießungen: Unter den Augen der Niederländer versuchen fünf muslimische Gefangene zu fliehen. Zwei werden auf der Stelle erschossen, drei ergeben sich. Ein anderer Zwischenfall: Ein mit Pistole bewaffneter serbischer Soldat führt fünf muslimische Männer in das Fabrikgebäude gegenüber der UN-Basis. Minuten später sind fünf oder sechs Schüsse zu hören, und der serbische Soldat kommt allein heraus. „Auch aus den Bergen hinter dem Haus, in das man die alten Männer gebracht hatte, halten Schüsse wieder. Als Leutnant van Duijn und ein UN-Militärbeobachter das Gebäude nachmittags kurz inspizierten, fanden sie nur völlig verängstigte Muslime. Später war aus den Wäldern zwei bis vier quälende Stunden lang systematisches Einzelfeuer von Kalaschnikow-Sturmgewehren zu hören.“ (S. 244)
Eine Kolonne zwischen der Enklave und Konjevic Polje: Neun Stunden haben die Männer bis Kamenica gebraucht. Dreimal mussten sie einen Höhenunterschied von 600 m bewältigen. „Plötzlich sausten Granaten über ihre Köpfe hinweg. Ohne Vorwarnung hallten Schüsse wider. Immer wieder ließen sie Leichen am Wegrand zurück. Eine serbische Mörsergranate war um 13.00 Uhr vor ihnen eingeschlagen und hatte fünf Männer getötet. (…) Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich in der Kolonne Gerüchte über Serben, die sich als Muslime verkleidet hätten.“ (S. 254)
Gegen 20.30 Uhr: Der Hang explodiert. Schreie gellen. Schrapnelle bersten in der Luft und prasseln auf den ganzen Hang nieder. Aus allen Richtungen schießen Automatik-Gewehre. „Männer hetzten den Hang hinunter, hinauf und kreuz und quer. In dem Inferno lassen sie Waffen und Taschen fallen. Männer fallen hin und bleiben keuchend und stöhnend liegen. Träger lassen die Verwundeten zu Boden fallen und suchen im nächsten Gebüsch oder Wäldchen Deckung. Männer, die bergab rennen, stolpern und fallen in dem steilen Gelände kopfüber 50 Meter tief. Die wenigen, die Gewehre haben, wissen nicht, wohin sie schießen sollen, weil das Feuer aus so vielen verschiedenen Richtungen kommt.
Das serbische Flugabwehrgeschütz und der Mörser stehen offenbar auf dem Hang unmittelbar gegenüber der Wiese, auf der 3.000 bis 5.000 Muslime rasteten. Die Kanoniere haben als Ziel eine knapp einen Kilometer breite Lichtung voller Menschen vor sich. (…) Schließlich liegen mindestens 125 Tote und Hunderte Verwundete auf dem Hang zerstreut. Die Verwundeten bleiben sich selbst überlassen, verurteilt, langsam an ihren Verletzungen zu sterben. Die Lebenden kauern sich schutzsuchend unter das Gebüsch oder rennen panisch durch den Wald. Tausende sind von ihren Verwandten, Freunden oder Führern getrennt. Die zehn Kilometer lange Kolonne ist in zwei Teile gerissen.
Srebrenicas Führung, die an der gut bewaffneten Kolonnenspitze geht, entkommt dem Gemetzel. Als der Überfall aus dem Hinterhalt losbricht, ist die fünf Kilometer weit vorn.“ (S. 255 f.)
Potocari: „Abgrundtiefe Angst breitet sich in Potocari aus. Sie nagt an den 15.000 Muslimen auf den Parkplätzen und in den Fabrikgebäuden; hysterisch, ausgehungert, jenseits der Erschöpfung. Sie lähmt die Niederländer, die vorsichtig die nähere Umgebung der Basis patrouillieren oder sich auf dem Lagergelände verstecken. Und sie berauscht die Raubtiere unter den serbischen Soldaten und Polizisten.“ (S. 257) „Männer und Jungen verstecken sich unter Decken oder verkleiden sich als Frauen. Junge Mädchen verhüllen ihre Gesichter.“ (S. 258)
13. Juli
An der UN-Basis Potocari: Im Lauf der Nacht beobachtet Camila Omanovic, wie Serben aus der Flüchtlingsmenge an der UN-Basis Dutzende von Männern abholen, vier von ihnen kennt sie. Keiner wird zurückkehren. Am Morgen und Vormittag werden in der Umgebung der UN-Basis mehrere Leichen gefunden: Ein Bauarbeiter, der am Vortag verhört wurde, hat sich erhängt. Ein zweiter Selbstmörder wird in einem Gebäude auf der anderen Straßenseite in einem als Toilette benutzten und verdreckten Raum gefunden. In Fabrikgebäuden rund um die UN-Basis werden weitere Leichen entdeckt: ein erhängtes 14-jähriges Mädchen, das serbische Soldaten in der Nacht vergewaltigt haben, ein Baby, eine alte Frau und zwei alte Männer. Später an einem Bach auf der anderen Straßenseite neun männliche Leichen: alle mit Schusswunden im Rücken und in der Herzgegend. Die Flüchtlinge, die mittlerweile 36 Stunden ohne Essen vor dem niederländischen Lager verbracht haben, plündern die Gärten und Küchen der naheliegenden Häuser.
Kolonne Richtung Nova Kasaba: „Überall in den Bergen ließen Freunde und Verwandte Verwundete sterbend zurück. Andere irrten orientierungslos umher.“ (S. 274)
In der Kolonne fünf Kilometer voraus an der Landstraße zwischen Nova Kasaba und Konjevic Polje: „Nur ein neun Meter breiter Asphaltstreifen, ein nahezu ausgetrocknetes Flussbett und dahinter ein 200 Meter breites Feld trennen Tausende von Muslimen von der Freiheit. Die meisten Männer aus Srebrenica waren vor dem Krieg unzählige Male durch diese Landschaft gefahren. Jetzt hatte sich das vertraute Tal und die Straße (…) in einen Todesstreifen verwandelt. bewacht von einstigen Freunden, die heute Feinde waren.
Die letzten Flüchtlingsgruppen huschten gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit hinüber. (…) Serbische MTW`s bezogen entlang der Straße Stellung. Verstärkt waren jetzt serbische Fußstreifen im Einsatz. (…) Serben in gestohlenen niederländischen Uniformen patrouillierten in der Umgebung in ebenfalls gestohlenen gepanzerten MTW`s der UN.
Nördlich von Konjevic Polje wurden 17 Gefangene ans Ufer des Flusses Jada geführt. Ohne Vorwarnung eröffneten die Wachen das Feuer. Abseits der Landstraße verschwanden plötzlich die Wachen, die vor einer Gruppe von 25-30 Gefangenen hergingen. Von hinten eröffneten die übrigen Wachen das Feuer. (…)
Dutzende erschöpfter, benommener und unbewaffnete Muslime stolperten bei der Hitze von über 32° C aus den Wäldern. Sie trugen Verwundete auf improvisierten Tragen aus Decken und Baumstämmen. Ihre schweißbedeckten Gesichter waren gezeichnet von Resignation und Angst. Es waren gebrochene Menschen.“ (S. 275)
Lagerhalle in Bratunac mit über 400 Gefangenen: Die Wachen haben es vor allem auf jene Muslime abgesehen, die in Bratunac gut bekannt waren, und auf jüngere und gesündere Gefangene. Diese werden geprügelt, verhört und gefoltert. Einzelnen wird mit einer Axt in den Rücken geschlagen oder die Kehle aufgeschlitzt. (S. 279)
Fußballplatz in Nova Kasaba: „Tausende muslimische Männer knien auf dem Platz, die Hände übe dem Kopf, ihre Blicke gesenkt. Serbische Soldaten brüllten etwas. (…) Hier liegt etwas in der Luft, ein deutlicher Unterschied zu den serbischen Soldaten, die die Enklave eingenommen hatten. Viele gehören anscheinend zu den Drinawölfen. (…) Viele der Männer gehören nicht zu den großspurigen muslimischen Soldaten (…); es sind stolze, eigensinnige Bauern, vor denen sie Respekt haben.“ (S. 284)
Gefangene auf einer Wiese an der Straße von Bratunac nach Konjevic Polje: Unter den 1.000 bis 2.0000 muslimischen Gefangenen sind auch Männer, die sich nach dem gestrigen Hinterhalt von Kamenica ergeben haben. Nach einer Rede von General Mladic marschieren die Gefangenen in Kolonne nach Kravica, bewacht von Soldaten mit Kalaschnikow`s. Die Gefangenen werden in drei Betonlagerhallen gebracht, die sonst als Scheunen genutzt werden. Die Männer, die der Tür und den Fenstern am nächsten sitzen, sind vermutlich bestürzt, als sie sehen, wie die Serben ihre Gewehre heben. Sie stehen vor den Fenstern und Türen, eröffnen plötzlich das Feuer und werfen Handgranaten in die Halle. Im Innern bricht Chaos aus. Männer schreien, als ihnen klar wird, dass sie in der Falle sitzen. Andere heulen auf, als Granatsplitter und Kugeln sie treffen. Die wenigen, die über die Leichen springen und ins Freie gelangen, werden niedergemäht. Mit ohrenbetäubendem Lärm explodieren Hand- und Gewehrgranaten im Innern der Scheune. Leichen werden völlig zerfetzt. (…) Lebende verstecken sich unter den Toten.“ (S. 292)
„Muslime jagen“: Nach dem Hinterhalt von „Kamenica hatten Serben in kleinen Gruppen angefangen, in der Todeszone der Landstraßen „Muslime zu jagen“. Schwer bewaffnete Serben durchstreiften die Wälder, legten Minen, versteckten Sprengladungen und schossen aus dem Hinterhalt auf muslimische Soldaten und Zivilisten.“ (S. 293)
Nova Kasaba: „In der Umgebung patrouillieren Hunderte von Serben, teils mit Hunden, um Muslime aufzuspüren. Viele von ihnen gehören zu den Drinawölfen. (…) Im Laufe des Abends sind vom Fußballplatz und aus den Wäldern im Norden Gewehrschüsse zu hören. (…) Gegen 2.30 Uhr werden vom Fußballplatz einzelne Schüsse. nicht von einem Feuergefecht – gehört. Da geht anderthalb Stunden so.“ (S. 307) (Weiter bis zum 16. Juli Auszüge von D. Rohde auf https://domainhafen.org/category/kriseneinsaetze/page/3/ )
30 Jahre später am Rande des Corps-Biwaks in Münster
Für den 28. August 2025 hatte der Kommandierende General des 1. Deutsch-Niederländi-schen Corps, Generalleutnant Peter Mirow, wieder zum alljährlichen Corps Bivouac im Innenhof des Hauptquartiers in Münster eingeladen. Vor genau 30 Jahren, am 1. September 1995, war das Corps in Dienst gestellt worden. Dabei begegnete ich einem besonderen Gast – dem ehemaligen niederländischen Generalmajor Harm de Jonge, der 1995 zur Zeit des Bosnienkrieges als Oberst Chef des operativen Planungsstabes der UN Protection Force (UNPROFOR) im ehemaligen Jugoslawien war. 2008 bis 2010 war er stellvertretender Kommandierender General des Deutsch-Niederländischen Corps in Münster. Kurz vorher, im August 2008, war ich dem Generalmajor im südafghanischen Kandahar begegnet, wo er stellv. Kommandeur des ISAF Regional Command South war.
Meine Vermutung, dass sein vorbildliches Offiziersverhalten während des internationalen Großversagens weitestgehend unbekannt geblieben sei, trifft zu. Damals sei der gesamte Ablauf um Srebrenica so peinlich und negativ für die Niederlande, Frankreich, Großbritannien, die USA, die UN, die ganze Welt gewesen, dass da kein Platz war für eine positive Geschichte. Damals hätten auch wenige Leute verstanden, was er vorhatte. Es gab den Vorwurf, dass sein Plan mit den Auffangstellungen ein zu großes Risiko für die eigenen Soldaten bedeutet hätte. Er hätte damit kein Problem gehabt. Der Auftrag sei gewesen, die Serben aus der Schutzzone rauszuhalten. Luftunterstützung sollte es geben für den Fall, dass wir angegriffen werden. Auch bei Militärs habe es die Haltung gegeben „bloß keine eigenen Opfer“. Das Signal an die Soldaten war: Risikovermeidung. Die Haltung war geprägt von der Denkweise des Kalten Krieges, wo immer nur geübt wurde, wo nicht unter Risiko gekämpft werden musste. General Janvier sei ein harter Militär (Fremdenlegion) gewesen, der aber vor allem auch politisch geacht habe. Die UNPROFOR-Erfahrung sei gewesen: Die Serben gingen mit kleinen Schritten vor, testeten, klärten auf. Da niederländische Kräfte bei jedem Schritt zurückwichen, wirkte das als Ermutigung.
Meine Schlussfolgerung: Ob der Angriffs- und Vernichtungswille der serbischen Kräfte bei einer konsequenten Umsetzung des de-Jonge-Plans gestoppt worden wäre, lässt sich mit Sicherheit nicht sagen. Auf jeden Fall wurde mit seiner Nicht-Umsetzung eine erhebliche Chance vertan, die relativ schwachen serbischen Angreifer zu stoppen – und die folgenden Massaker, den Völkermord zu verhindern. Oberst Harm de Jonge hat mit der Erarbeitung des realistischen Verteidigungsplanes und seiner klaren Vertretung gegenüber Vorgesetzten seine UN-Schutzpflicht vorbildlich erfüllt. Er war mir und der Mehrheit meiner damaligen grünen Fraktionskolleg:innen weit voraus. (Wir lehnten damals ein militärisches Eingreifen mehrheitlich ab.) Oberst de Jonge war ein Pionier der Responsibility to Protect, die 2005 vom Weltgipfel der Vereinten Nationen ausdrücklich anerkannt wurde. Die Erinnerung an solches vorbildhaftes Verhalten eines Staatsbürgers in Uniform sollte gepflegt werden. Solche wehrhaften Peacekeeper sind lehrreich und ermutigend.– Srebrenica vor 25 Jahren (I): Es war Völkermord in Europa – und die Regierungen und Gesellschaften (wir damals) ließen es geschehen. Übersichtsartikel, Dossiers, Chronologie, 04./08.07.2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1644
– Srebrenica vor 25 Jahren (II): Verweigerte Schutzverantwortung – Anstoß zur Schutzverantwortung. Beiträge aus dem Bosnien-Streit der Grünen 1995 ff. – Erfahrungen + Lehren, 04./08.07.2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1645
– Srebrenica (III) – Was damals geschah: Dokumente, Videos, Zeitzeugenberichte, Auszüge von „Die letzten Tage von Srebrenica“ (David Rohde/1997), Juli 2020). http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1647
– Srebrenica, 30. Jahrestag (III.) Auszüge aus „Die letzten Tage von Srebrenica – Was geschah und wie es möglich wurde“ von David Rohde, Reinbek 1997, 476 Seiten; + Dokumente, Videos, https://domainhafen.org/2025/07/11/srebrenica-30-jahrestag-auszuege-die-letzten-tage-von-srebrenica-b-12-16-juli-1995-dokumente-videos/
– Medienberichte zum 25. Jahrestag des Srebrenica-Genozid Juli 2020 (IV) + Report des UN-Generalsekretärs „The fall of Srebrenica“ (1999), 18.07.2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1648
