Aus der Sicht eines seit 1989 mit dem Baltikum, vor allem Lettland verbundenen Münsteraners.
Deutsch-Niederländisches Korps übernimmt Verantwortung im Baltkum: Wie aus europäischer Aggressions- und Okkupationsgeschichte gelernt wird.
Winfried Nachtwei (Juli 2026)1 ( www.domainhafen.org , www.facebook.com/winfried.nachtwei )
(1) Zweites NATO-Hauptquartier für Estland und Lettland
Am 30. Juni 2026 übernahm das 1. Deutsch-Niederländische korps (1GNC) aus Münster die Verantwortung für ein zweites taktisches NATO-Hauptquartier, das die NATO-Landstreitkräfte in Estland und Lettland führen wird. Bisher war das Multinationale Korps Nordost (Stettin) zuständig für das gesamte Baltikum und den nordöstlichen Teil Polens. Die Übergabezeremonie fand in der estnisch-lettischen Grenzstadt Valga (lettisch Valka) in Anwesenheit der Verteidigungsminister von Estland, Hanno Pevkur (seit 2022), Lettland, Raivis Melnis (2026) und Deutschland, Boris Pistorius statt. Das neue NATO-Hauptquartier wird die unterstellten NATO-Truppen in Estland und Lettland bei Übungen führen, Verteidigungspläne vorbereiten, neue Kräfte in die militärischen Strukturen vor Ort integrieren. Das Korps-Hauptquartier kann im Konfliktfall bis zu 50.000 Soldaten führen.
Das 1995 gegründete Deutsch-Niederländische Korps verfügt über umfassende operative Führungserfahrungen aus Kriseneinsätzen (2003/09 und 2013 bei ISAF/Afghanistan) und seit 2005 sieben Mal für ein Jahr als Schnelle Eingreiftruppe der NATO. (vgl. meine Beiträge zu „20 Jahre Deutsch-Niederländisches Korps: Positive Kontinuitätsbrüche, friedenspolitische Chancen“, 2015, und „25 Jahre 1GNC: Begegnungen 2003-2010“, 2020, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1370 , 162.800 Aufrufe, und http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=81&aid=1656 )
Die estnisch-russische Grenze (294 km) und lettisch-russische Grenze (283,6 km) sind zugleich die Ostgrenze von EU und NATO.
Die Übernahme des zweiten taktischen NATO-HQ durch das 1. Deutsch-Niederländische Korps ist ein bedeutsamer Schritt zu einer stärkeren Bündnisverteidigung und glaubwürdiger Abschreckung, also Friedenssicherung im nördlichen Baltikum. Leider nahmen die deutschen Tagesmedien davon kaum Notiz. Wie notwendig und gerechtfertigt dieser Schritt ist, zeigt neben der aktuellen Bedrohungslage auch der folgende Rückblick auf die Kriegs- und Okkupationsgeschichte des Baltikums.2
(2) Erinnerung an die deutsche Okkupation 1941-1944
Zwei Tage nach Valka nahm ich an der inzwischen fünften Gedenkreise des Deutschen Riga-Komitees nach Riga teil. Das Riga-Komitee entstand auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Jahr 2000 als Zusammenschluss von 13 Hauptherkunftsorten der insgesamt 25 Judendeportationen 1941/42 nach Riga. Dem einzigartigen Erinnerungsnetzwerk gehören inzwischen fast 90 Städte an. Dank meiner Nachforschungen und Vortragstätigkeit zum Komplex Riga seit 1989 gelte ich als Mitinitiator des Komitees.3 Dem Baltikum, insbesondere Lettland und seinen Menschen bin ich seitdem besonders verbunden.
Die 44 Delegierten aus 34 deutschen Riga-Städten besuchten Tatorte der Judenvernichtung während der deutschen Okkupation 1941-1944:
– Im Wald von Rumbula, wo am 30. November und 8. Dezember 1941 circa 26.500 Rigaer Jüdinnen und Juden erschossen worden waren – um „Platz zu schaffen“ für die angekündigten Deportationszüge aus dem „Großdeutschen Reich“. Verantwortlicher Planer und Organisator des Massenmordes war der Höhere SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord Friedrich Jeckeln. Er war zuvor der Organisator der frühesten und größten Massenerschießungen jüdischer Menschen auf dem Gebiet der Ukraine, darunter Babyn Yar bei Kyjiw.
– Im Wald von Bikernieki, wo ab Sommer 1941 bis 1944 mehr als 35.000 Menschen von der SS und ihren einheimischen Helfern erschossen wurden,
Die Massenmorde hatten schon wenige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Riga begonnen, als hunderte jüdische Menschen in der Großen Synagoge an der Gogolstraße am 4. Juli 1941 von lettischen Nationalisten und Kollaborateuren eingeschlossen, verbrannt oder erschossen worden waren.
Wir besuchten den Rangierbahnhof Skirotava, wo ab dem 29.November 1941 der erste von 25 Deportationszügen aus dem Reich (aus Berlin) eintraf. Von hier waren am 15. Juni 1941 Züge mit 15.443 Angehörigen der lettischen Elite in die Lager des stalinistischen GULAG verschleppt worden. Am 25. März 1949 wurden weitere 42.125 lettische Menschen von hier aus in die stalinistischen Lager deportiert.
(3) 51 Jahre wechselnde Okkupationen von Lettland, Litauen und Estland
1940-41 durch die Sowjetunion, 1941-44 durch Nazi-Deutschland, 1944-1991 wieder durch die Sowjetunion.
Im Lettischen Okkupationsmuseum am Rathausplatz ist anschaulich und umfassend dokumentiert, wie es zu diesem halben Jahrhundert terroristischer Okkupationen kam und wie das möglich wurde. Der Besuch des Museums ist im Baltikum stationierten Soldatinnen und Soldaten und Besuchern aus dem Westen dringend zu empfehlen.
Am 23. August 1939 schlossen Hitler-Deutschland und die stalinistische Sowjetunion einen Nichtangriffspakt, der dem Deutschen Reich die sowjetische Neutralität für den vorbereiteten Angriff auf Polen und den Fall eines möglichen Kriegseintritts der Westmächte garantierte. Ein geheimes Zusatzprotokoll regelte für den Fall „einer territorial-politischen Umgestaltung“ die Aufteilung von Interessensphären: zur deutschen wurde der größte Teil Polens und Litauen gerechnet, zur sowjetischen Finnland, Estland, Lettland, Ostpolen und Bessarabien.
Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 besetzte die Sowjetunion am 17. September Ostpolen. Litauen wurde der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen.
Vom 28. September an zwang die Sowjetunion die baltischen Staaten, beginnend mit Estland, im Rahmen von „Gegenseitigen Beistandspakten“ sowjetische Militärbasen auf ihrem Territorium zuzulassen. Das geografisch nicht isolierte Finnland lehnte ab – und wurdr einige Wochen später am 30. November von der Sowjetunion angegriffen. („Winterkrieg“ bis März 1940)
(Ab jetzt primär zu Lettland)
April/Mai 1940: Wachsender politischer + militärischer Druck der UdSSR, intensive Propaganda, Vorwürfe von Vertragsverletzungen.
(April 1940 deutsche Besetzung Dänemarks und Norwegens; ab 5. Juni deutscher Angriff auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg)
12. Juni: 1940 sowjet. Seeblockade gegen Lettland
(14. Juni dt. Besetzung von Paris)
15. Juni: Angriff von Sondereinheiten des sowjetischen Innenministeriums auf drei lettische Grenzstationen. Drei Grenzschützer sowie Frau und Kind eines Grenzschützers wurden getötet, 10 Grenzschützer und 27 Zivilisten wurden in die Sowjetunion (UdSSR) verschleppt.
16. Juni, Sonntagnachmittag: Sowjetisches Ultimatum mit Sechsstundenfrist, „begründet“ mit fünf angeblichen Vertragsverletzungen durch Lettland: LET habe angeblich eine geheime militärische Allianz mit EST und LIT vereinbart; LET habe nicht seine Militärallianz mit Estland von 1923 beendet; die balt. Staaten hätten zwei Geheimkonferenzen ihrer Außenminister durchgeführt; die Generalstäbe der drei balt. Staaten hätten Gespräche geführt, ohne sowjet. Vertreter einzuladen; die drei balt. Staaten hätten gemeinsam eine neue „militärische“ Publikation (Revue Baltique) herausgegeben.
An der sowjetisch-baltischen Grenze standen die Rote Armee mit 435.000 Soldaten, 8.000 Geschützen, 3.000 Panzern, 2.600 Flugzeugen und Marine. Das Ultimatum forderte die sofortige Bildung einer neuen Regierung sowie den Einmarsch sowjetischer Truppen in Lettland ohne jegliche Einschränkung. In der Hoffnung, ein Blutbad zu verhindern, gab Präsident Karlis Ulmanis nach.
17. Juni: Panzer der Roten Armee in Riga (Besetzung Litauens am 15.06., Estlands am 17.06.)
20. Juni: Bildung einer „Volksregierung“ (Marionettenregime); inszenierte Massendemonstratio-nen, Ausschreibung von Wahlen zum Parlament 10 Tage vor dem 14. + 15. Juli. Die einzige zugelassene Kandidatenliste „Block der Werktätigen Lettlands“ „erhält“ bei einer „Wahlbeteili-gung“ von 94,8% 97,8% der Stimmen; am 21. Juli erklärt die „gewählte“ Volks-Saeima Lettland zu einer „sozialistischen Sowjetrepublik“ und beantragt die Aufnahme in die UdSSR.
21. Juni: Suizid des Kommandeurs der Lettischen Border Guard Brigade, General Ludvigs Bolsteins, in seinem Dienstzimmer. Für seine von den Sowjets eingesetzten Vorgesetzten hinterließ er die Worte: „We Latvians built for ourselves a new stately building – our own state. A foreign power wants to force us to tear it down. I cannot take part.“ Um seine Untergebenen zu schützen, nahm sich Oberst Fricis Celmins, Chef des Geheimdienstes und der Spionageabwehr, einen Monat später das Leben.
Allein auf sich und die eigenen schwachen militärischen Kräfte gestellt waren die drei baltischen Staaten der sowjetischen Übermacht und ihren militärischen und hybriden Operationen völlig ausgeliefert. Sie waren wehrlos und allein.
In den folgenden Jahrzehnten wurden rund 850.000 Nichtletten in Lettland angesiedelt. Der lettische Anteil an der Gesamtbevölkerung sank von 73% nach dem Krieg auf rund 50% Ende der 80er Jahre.
4. Appeasementpolitik der Westmächte in den 1930er Jahre
Im öffentlichen Meinungsstreit um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine taucht heutzutage wohl immer mal wieder die Appeasement-Politik der 1930er Jahre als Schlagwort auf. Insgesamt scheinen aber die Erfahrungen mit dieser Politik des Umgangs der Westmächte mit Hitler-Deutschland wenig präsent zu sein.
Nach den traumatischen Erfahrungen mit dem Menschenschlachthaus Erster Weltkrieg war in den westeuropäischen Gesellschaften wie Führungsschichten eine Friedenssehnsucht sehr verbreitet und überaus berechtigt. Allerdings nahmen maßgebliche Politiker im Westen trotz unübersehbarer Zeichen und Warnungen das Aggressionspotenzial Hitler-Deutschlands nicht wahr, pflegten friedenspolitisches Wunschdenken und gaben „Mit Hitler reden“ und Beschwichtigungspolitik als Friedenssicherung aus. Der britische Historiker Tim Bouverie:
„Den wahren Charakter des NS-Regimes und Adolf Hitlers nicht erkannt zu haben, muss als das größte Versäumnis der politischen Entscheidungsträger Großbritanniens in dieser Zeit gelten, denn daraus ergaben sich erst alle nachfolgenden Versäumnisse – das Versäumnis, ausreichend aufzurüsten, das Versäumnis, Allianzen zu schmieden (nicht zuletzt mit der Sowjetunion), das Versäumnis, die britische Machtfülle zu vermitteln, und das Versäumnis, die Öffentlichkeit aufzuklären.“4
Nazi-Deutschland konnte ab 1. September 1939 der Reihe nach seine europäischen Nachbarn überfallen, besiegen, besetzen und vor allem im Osten mit Vernichtung überziehen, weil sie jeweils allein auf sich gestellt, wehrlos und unzureichend gerüstet waren.
Aktuelle mahnende Erinnerungen an die Appeasement-Politik der 1930 Jahre werden heute oftmals mit dem Vorwurf zurückgewiesen, das liefe auf eine Gleichsetzung von Putin mit Hitler hinaus und würde die Singularität der NS-Menschheitsverbrechen relativieren. Der Vorwurf ist zweifach verfehlt: Erhebliche Unterschiede zwischen Hitler-Deutschland damals und Putin-Russland heute werden keineswegs geleugnet. Aber bei der aktuellen Erinnerungen an die Appeasement-Politik der 1930er Jahre geht es um die generelle, schon in Art. 1, 1 der UN-Charta thematisierte Schlüssel-frage: Wie umgehen mit aggressiven Mächten, Friedensstörern und Angriffshandlungen? Wie können sie realitätsnah erkennt und eingeschätzt werden, wie können sie einhegt und verhindert, wie kann ihnen wirksam widerstanden – und nicht etwa Vorschub geleistet werden?
Ein Beispiel: Sechs Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde eine Rede des Fliegerpioniers Charles Lindbergh auf 133 Sendern der „Mutual Broadcasting National“ ausgestrahlt, in dem er zum Widerstand gegen amerikanische Waffenlieferungen an Frankreich und Großbritannien aufrief. „Je mehr Munition die kämpfenden Heere erhalten, desto länger dauert der Krieg, desto verwüsteter wird Europa., desto geringer ist die Hoffnung auf Demokratie. Hätten England und Frankreich Deutschland die Hand gereicht, als es demokratisch war, gäbe es heute keinen Krieg.“ Lindbergh war es „unverständlich, wie gewisse Amerikaner von Zivilisation und Humanität reden könnten, aber gleichzeitig willens seien, offensive Zerstörungswaffen auf Europas Schlachtfelder zu schütten.“ Dies würde Amerika nicht nur in den Krieg hineinziehen, sondern es an der Zerstörung Europas mitschuldig machen.
Die Ähnlichkeit mit heutigen Aufrufen von AfD, BSW, Linke und großen Teilen der traditionellen Friedensbewegung gegen Waffenlieferungen an die überfallene Ukraine ist auffällig.
Mit gewalt- und kriegsbereiten Mächten muss grundsätzlich auf dieser Welt immer wieder gerechnet werden. Diese Grunderfahrung durchzieht die UN-Charta (Art. 1, 2, 39-51), die lt. Präambel „fest entschlossen (ist), künftige Geschlechter von der Geißel des Krieges zu bewahren“. Diese historische Grunderfahrung haben wechselnde Bundesregierungen und die Fraktionen des Bundestages in den letzten Jahrzehnten verdrängt. Ich war daran beteiligt. Der beste Schutz gegen (potenzielle) Friedensstörungen und kriegsbereite Mächte sind neben Bemühen um friedliche Streitbeilegung weitsichtige Wachsamkeit, Systeme kollektiver Sicherheit mit einer Verteidigungsfähigkeit, die glaubwürdig abschreckend wirkt und im schlimmsten Fall eine Aggression abwehren kann.
Der Verlauf des Zweiten Weltkrieges zeigt,
– dass die radikale und hochprofessionellen Eroberungs- und Vernichtungspolitik Nazi-Deutsch-lands, die vor allem im Osten jeden zivilen Widerstand liquidierte, nur noch militärisch durch den Verteidigungskrieg der Alliierten und ihre Gegenoffensive bis zum totalen Sieg über das Deutsche Reich beendet werden konnte;
– wie immens die menschlichen Opfer, Verheerungen und wirtschaftlichen Kosten steigen, wenn Aggressoren nicht frühzeitig, wehrhaft und gemeinsam begegnet wird.
5. Aktuelle Bedrohungslage und Wehrhaftigkeit
Von der imperialen Geschichte der Sowjetunion hat sich die russische Führung nie losgesagt, geschweige für die Okkupationsverbrechen entschuldigt. Was im kollektiven Gedächtnis der lettischen, litauischen und estnischen (und auch der finnischen) Gesellschaft eingebrannt ist, wurde durch die aggressive Politik Russlands unter Putin reaktiviert: Den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, die offen proklamierte Zielsetzung der Rückgewinnung des russischen Kolonialreichs und die umfassende und zunehmende hybride Kriegsführung vor allem gegenüber den baltischen Staaten und Gesellschaften. Ihre Felder sind z.B.
– Verletzungen des Luftraums durch Drohnenüberflüge (letzte Drohnenalarme über Distrikten in Lettgallen, https://eng.lsm.lv/article/society/defence/19.05.2026-air-threats-detected-over-latvia-and-estonia.a647542/ ), erstmaliger Abschuss einer Drohne am 7. Juni durch ein französisches Jagdflugzeug)
– Desinformationskampagnen + Propaganda: Verbreitung entsprechender Narrative über social media (vgl. EU DISINFO LAB, Disinformation landscape in LATVIA, August 2025, https://www.disinfo.eu/wp-content/uploads/2025/08/20250809_Disinfo-landscape-in-Latvia-v2.pdf
Der Jahresbericht 2025 über die Aktivitäten des Latvian State Security Service (VDD) kommt im Kapitel zu schädlichen und psychologischen Operationen der russischen Geheim- und Sicherheitsdienste zu dem Ergebnis, dass „Russland die einzige existentielle Bedrohung für Lettlands Eigenstaatlichkeit bleibt.“5
Angesichts dieser Bedrohungslage und dem einhelligen Interesse der lettischem, litauischen und estnischen Politik und Gesellschaft ist die Stärkung der NATO-Bündnisverteidigung im Baltikum durch das vom 1. Deutsch-Niederländischen Korps geführte zweite NATO-HQ – wie auch die Stationierung der Brigade „Litauen“ der Bundeswehr – ein notwendiger und wesentlicher Schritt zur Erhöhung der Abschreckungsfähigkeit und Friedenssicherung bei europäischen Nachbarn, die akut in ihrer Eigenstaatlichkeit bedroht sind.
Aus dem gemeinsamen verheerenden Versagen der Appeasementpolitik der 1930er Jahre wird jetzt die richtige Schlussfolgerung gezogen: Nie mehr wehrlos und nie mehr allein sein, damit Aggressoren nicht mehr freie Bahn haben und Frieden gesichert bleibt.
In einem ganzseitigen Interview in den Westfälischen Nachrichten am 18. Juli 2026 brachte Generalleutnant Peter Mirow, Kommandierender General des Korps, den Auftrag des 1GNC auf den Punkt: „Der Krieg darf gar nicht erst beginnen“.
Die historische Bedeutung der neuen Hauptaufgabe des 1. Deutsch-Niederländischen Korps wird noch deutlicher, wenn man die Geschichte des Korps-Stabsgebäudes am Münsteraner Schlossplatz (früher Hindenburgplatz) beachtet. Hier befand sich 1940 das Generalkommando des VI. Armeekorps der Wehrmacht und der Befehlshaber des Wehrkreises VI (Rheinland und Westfalen). Von hier wurden insgesamt 14 Divisionen in den Angriffskrieg gegen die europäischen Nachbarn geschickt, der Großteil davon in den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion (darunter die 16. Panzerdivision aus Münster, die 14 Monate auf dem Gebiet der Ukraine Krieg führte).
Am 10. Mai 1940 griffen 29 Heeresdivisionen der Heeresgruppe B Holland und Belgien an, darunter aus dem Wehrkreis VI die 227. und die 253. Infanterie-Division. Die 227. I.-D. griff aus dem Raum Gronau vorbei an Enschede Richtung Deventer, Fort Pannerden, Grebbelinie, Gent, Zwolle, Amersfort an. Am Grebbeberg leisteten holländische Truppen mehrerer Tage unter großen Verlusten erbitterten Widerstand.
1995 ging aus dem I. Korps der Bundeswehr und dem 1. Niederländischen Korps in Apeldoorn das 1. Deutsch-Niederländische Korps hervor mit Deutschland und den Niederlanden als „Rahmennationen“. Dass die Nachkommen der ehemaligen Angreifer und Überfallenen sich militärisch integrierten, war ein Versöhnungs- und Vertrauensbeweis sondergleichen.
Im Rahmen des KFOR- und ISAF-Einsatzes begegnete ich seit 1999 immer wieder Soldaten und Offizieren des Korps. Nach meiner Erfahrung steht es durch seine Praxis glaubwürdig für Krisenbewältigung und Friedensunterstützung im Rahmen der UN-Charta und im Auftrag von UN, NATO und nationalen Parlamenten – und nicht für eine kriegerische Durchsetzung von Partikularinteressen. Dabei ist das Deutsch-Niederländische Korps bundes-, ja europaweit ein Vorreiter einer klugen und partnerschaftlichen, zivil-militärischen Zusammenarbeit unter dem Primat der Politik. (vgl. https://www.common-effort.com/ )
Münster, die Stadt des Westfälischen Friedens, hatte als Garnisonsstadt bis 1945 eine sehr kriegerische Tradition. Noch nie war Militär in Münster so dicht am Motto des Westfälischen Friedens „Pax optima rerum“ wie mit dem 1. Deutsch-Niederländische Korps.
Über Jahrzehnte galt Münster als die Hauptstadt der Exilletten im Ausland. Heute wird von Münster eine Brücke der Bündnisverlässlichkeit nach Lettland und Estland geschlagen – für gemeinsame europäische Sicherheit.
Nachbemerkung
Die akute Bedrohung vor allem der östlichen EU-Nachbarn und Verbündeten, aber auch des demokratischen Europa insgesamt vor allem durch Russland wird in Deutschland von AfD, BSW, Teilen der Linken und vielen in der traditionellen Friedensbewegung geleugnet oder zumindest ignoriert (z.B. auf den Schüler-Demos gegen die Wehrpflicht). Die Herstellung der Fähigkeit zur Bündnisverteidigung und glaubwürdigen Abschreckung gegenüber Russland wird als „Kriegs-vorbereitung“ gebrandmarkt. Diese Kräfte nehmen für sich Friedensfähigkeit in Anspruch, praktizieren aber das konträre Gegenteil: Bedrohungsleugnung, Friedenswunschdenken, Denunziation demokratischer Wehrhaftigkeit, Förderung von Wehrlosigkeit. Wem nutzen sie?
1Mitglied im Beirat Innere Führung des Verteidigungsministers, im Beirat Zivile Krisenprävention & Friedensförderung der Bundesregierung, im Vorstand von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. , MdB 1994-2009 (Verteidigungsausschuss), Mitinitiator des Deutschen Riga-Komitees (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge), 28 Baltikum-Reisen seit 1989. Im Beirat Innere Führung begleiten wir den Aufbau der Brigade Litauen (Panzerbrigade 45) kritisch-konstruktiv.
2Vgl. Wegweiser zur Geschichte Baltikum, i.A. des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr hrsg. Von Bernd Lemke, Paderborn 2018, S. 109 ff., https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/zmsbw-publikationen-wegweiser-baltikum-5324218
3 Vgl. „Die Erinnerung an das Ghetto Riga, die Deportationen und das Dt. Riga-.Komitee“, 2014, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1267
4Tim Bouverie, Mit Hitler reden – Der Weg vom Appeasement zum Zweiten Weltkrieg“, Hamburg 2021, S. 599, meine Zusammenfassung auf https://domainhafen.org/2023/04/06/wider-die-geschichtsvergessenheit-auszuege-aus-mit-hitler-reden-von-tom-bouverie/
5 Annual Report 2025 des VDD, S. 10, https://vdd.gov.lv/en/useful/annual-reports