15. August 2021: Zur Vorgeschichte der Taliban-Machtergreifung – Desaster mit Ansage

Auszüge aus meinen Berichten zur Sicherheitslage und vorherige Frühwarnungen.

Zur Vorgeschichte der Taliban-Machtergreifung: Desaster mit Ansage. Auszüge aus aktuellen Beiträgen von Winfried Nachtwei1 auf www.nachtwei.de (14.08.2026)

2021, 23. April „Wir lassen Euch nicht im Stich!“ So hatten wir es afghanischen Partnern seit 2006 immer wieder versprochen – UND JETZT? Bedrohte Menschenrechtsaktivistin heute, Bundestagsreden 2006/21, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1689

Über den Notruf der mit dem Tode bedrohten Marzia Rustami aus Kunduz hier ein großer Artikel, der in den Westfälischen Nachrichten und Partnerzeitungen (Gesamtauflage 400.000) erschien. Was geschieht in den nächsten Monaten mit den demokratischen und Reformkräften, mit den vielen starken Frauen, den Angehörigen von Armee und Polizei, die mit deutschen und internationalen Unterstützen zusammengearbeitet und was auf sie gesetzt haben? Dazu Auszüge aus Bundestagsreden von 2006, als große Hoffnungen bestanden, aber Warnungen zunahmen, und März 2021, als die Warnungen massiv und Hoffnungen zerstört waren. 

2021, 30. April Trump-Taliban-Abzugstermin am 30. April: Aktuelle Nachrichten aus und zu einem Afghanistan auf der Klippe (3), http://nachtwei.de/index.php module=articles&func=display&aid=1691

Am 30. April endete die zwischen Trump-Administration und den Taliban vereinbarte Frist für den Abzug aller internationalen Truppen aus Afghanistan. Hier Nachrichten und wichtige Stellungnahmen (bis zur Rede von US-Präsident Biden) aus Tagen voller Ungewissheit, Risiken und Ängste. Von Krisenprävention und Schutzverantwortung wird inzwischen öfter mal gesprochen. Wie aber jetzt in dem Land des größten + opferreichsten Kriseneinsatzes der (westlichen) Staatengemeinschaft ein drohender Bürgerkrieg und ein Absturz von Menschen- und Frauenrechten verhindert werden kann, ist hierzulande praktisch kein Thema.  Hauptsache heil raus – ist richtig, reicht aber absolut nicht aus. Realitätsverleugnung, Schönrednerei, Selbstbetrug – die Dauerkrankheiten beim internationalen  + multidimensionalen Afghanistaneinsatz sind immer noch nicht überwunden. Die wertvollen Mädchenschulen und anderen Teilerfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Staaten“gemeinschaft“ mit den USA an der Spitze in Afghanistan eine strategische Niederlage erleben. Und die ist noch nicht zu Ende.

2021, 14. Mai: AUFRUF „Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan – Afghanische Ortskräfte in Sicherheit bringen!“ Über 80 Erstunterzeichner*innen mit starkem Afghanistanbezug (Mitinitiator), 14.05.2021, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1694

Der Aufruf ging per Brief an die Bundesminister des Auswärtigen, der Verteidigung, der Entwicklungszusammenarbeit und des Inneren sowie an die entsprechenden Bundestagsausschüsse. Die Liste der Unterzeichner*innen hat besonderes Gewicht und ist ausgesprochen ungewöhnlich. Es sind Persönlichkeiten und Vereine, die sich seit Langem für und in Afghanistan engagieren und von denen etliche hohe Verantwortung im Rahmen des deutschen Afghanistanengagements getragen haben. Sie alle wissen um die besondere Bedeutung und Verdienste der Ortskräfte – und jetzt ihre Bedrohung.   

6. Juli Taliban Vormarsch zur Machtergreifung? Meldungen + Hintergrund zum Schnellstabzug der NATO-Truppen + zur Unsicherheitslage in Afghanistan, vor allem im Norden, laufend aktualisiert (22.06.-06.07.), http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1704

Nach fast 20 Jahren verließen die NATO-Truppen, darunter deutsche, Afghanistan. Hier Meldungen zur rasant sich verschärfenden Lage: Im Nordosten, jetzt sogar in Badakhshan, Takhar fallen Distrikte so schnell wie nie. Die Region Nord, halb so groß wie die Bundesrepublik, Haupteinsatzgebiet der Bundeswehr, etliche Jahre die relativ stabilste Region, könnte binnen Wochen oder Monaten fallen und in den Kollaps von ganz Afghanistan münden. Vor Monaten titelte ich „Afghanistan auf der Klippe im Nebel“ Jetzt stürzt das Land offenkundig ab – und „internationale Verantwortung“, Worst-Case-Verhütung scheinen kein Thema zu sein. Sommerpause. Wenn die afghanischen Kinder mit ihren Eltern endgültig in den Brunnen gefallen sind, kann sich die Staaten“gemeinschaft“ ja an die Aufarbeitung dieses sicherheits- und friedenspolitischen Super-GAU`s machen.

23. Juli Taliban-Vormarsch zur Machtergreifung. Laufend aktualisierte Meldungen und Berichte http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1709

Die Lage nach dem Abzug der NATO-Truppen ist höchst unübersichtlich und unberechenbar. Der schnelle Fall vieler Distrikte im Norden, vor allem in Badakhshan und Takhar, trifft die Basis der Kabuler Machthaber. Die Eroberung wichtiger Grenzübergänge nehmen der Regierung wichtige Zolleinnahmequellen. In der Provinz Ghazni werden nur noch zwei der 16 Distrikte der Regierung zugerechnet. Akut bedroht ist der Distrikt Jaghori (Hazara-Enklave), der bisher von der Jaghori-Miliz gegen mehrere Talibanangriffe verteidigt wurde. Hier befindet sich die vom Freundeskreis Afghanistan seit 1981 (!) unterstützte Schullandschaft Jaghori – eine Hoffnungsinsel sondergleichen! www.fk-afghanistan.de

29. Juli: UNAMA-Bericht (I/2021) zu Zivilopfern in Afghanistan: Mehr Frieden durch Abzug? Im krassen Gegenteil: In Mai + Juni Zivilopfer wie nie in 20 Jahren! (Links zu Zivilopferberichten seit 2012), http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1710

Die schlimmen Befürchtungen bestätigten sich. Wie 2014: Massive menschliche und politische Kollateralschäden von politischen Entscheidungen, die innenpolitisch motiviert keine Rücksicht auf die Lage vor Ort nahmen – allen großen Versprechungen zum Trotz. Daraus resultiert ein dritter Kollateralschaden: Die Glaubwürdigkeit der – vor allem westlichen – Staaten“gemeinschaft“.

2021, 7. August: AFGHANISTAN AUGUST 2021: Taliban nehmen zwei Provinzstädte, weitere in Helmand, Kunduz, Takhar, Badakhshan hart unter Druck. Laufend aktualisierte Meldungen zur Konfliktlage (25.07.-07.08.2021) und jüngster (52.) SIGAR-Quartalsbericht, 07.08.2021,  http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1713 (93.387 Aufrufe bis 12.08.2026)

Heftige Kämpfe toben seit etlichen Tagen in den Provinzstädten Herat im Westen (mit über 500.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes) und Lashkar Gah (über 200.000 Einwohner) in der Hauptopiumprovinz Helmand zwischen den angreifenden Taliban und Regierungskräften. Zwei Provinzhauptstädte fielen am 6. und 7.8.. Der Quartalsbericht des US Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction SIGAR verdeutlicht, dass die stärksten Teile der afghanischen Streitkräfte Afghan Air Force, Special Security Forces) auch besonders von der US-Unterstützung, insbesondere bei der Instandhaltung durch Contractors, abhängig waren. Nur mit einer dünnen „over-the-horizon“-Unterstützung werden sie kaum länger als wenige Monate durchhalten können. 

12. August: Afghanistan im Absturz: Taliban erobern in acht Tagen 17 Provinzhauptstädte, darunter Kunduz (mit Flugplatz + Corps-HQ), den ganzen Nordosten (ehem. dt. Einsatzgebiet), den ganzen Westen + Süden (mit Kandahar + Herat als dritt- und viertgrößter Stadt) (laufend aktualisiert zur Sicherheitslage, Stand 9.-14.8.2021, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1715 (90.537 Aufrufe bis 12.08.2026)

Nach dem bedingungslosen Abzugsbeschluss des US-Präsidenten hatten viele den Vormarsch der Taliban befürchtet, in dieser Schnelligkeit aber nicht erwartet. Kriegsgewalt eskaliert, Angst grassiert. Vor 17 Jahren besuchte ich Kunduz erstmalig, vor 14 Jahren erlebten wir Kunduz noch als Hoffnungsprovinz. Hier Links zu frühen Berichten -und zu Wendepunkten 2009 und 2015. So viel Einsatz und Engagement, so viele Kosten und menschliche Opfer – was zwischenzeitlich mit vielen Fort-Schritten Hoffnung machte, droht jetzt ganz zunichte gemacht zu werden. Auch wenn ich mir als Politiker solche Gefühle eigentlich nicht erlauben will: Ich bin politisch wie menschlich verzweifelt.

18. August: Beiträge + Artikel zu Lage + Perspektiven in Afghanistan und zur Bilanzierung des militärischen und zivilen Einsatzes seit Ende 2019 – und einige frühe Warnungen, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1718 (465.716 Aufrufe bis 12.08.26)

Letzter Beitrag auf www.nachtwei.de . Seitdem ist die Website „eingefroren“: Texte können wohl aufgerufen werden. Es können aber keine Neuen eingestellt werden. Seitdem www.domainhafen.org )

Kollektives Führungsversagen – Was die Politik aus 20 Jahren Afghanistaneinsatz lernen sollte, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2024, https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/august/kollektives-fuehrungsversagen

VORHERIGE FRÜHWARNUNGEN (Auswahl)

2006, 5. September Brief der MdB Winni Nachtwei und Jürgen Trittin an die Minister Steinmeier, Jung, Wieczorek-Zeul und Schäuble zur akuten Situation in Afghanistan:

„(…) Der sehr schwierige Stabilisierungsprozess kann heute durchaus Ergebnisse aufweisen – etwa der Abschluss des Bonn-Prozesses und die inzwischen 7 Millionen Schülerinnen und Schüler. Aber der Aufbauprozess ist in diesem Jahr ins Stocken geraten. Ja, nach erheblichen Rückschlägen ist er inzwischen akut vom Scheitern bedroht

Die Kämpfe im Süden haben inzwischen das Ausmaß eines Aufstandes angenommen. ISAF-Truppen der NATO sind dort Tag für Tag in Kampfhandlungen verwickelt. Zahl und Raffinesse der Anschläge nehmen landesweit und auch im relativ „ruhigeren“ Norden zu. Die Drogenanbaufläche ist in diesem Jahr um 59% gegenüber 2005 ausgeweitet worden. Enttäuschung und Frustration über die Zentralregierung und die Internationale Gemeinschaft breiten sich aus. Die bisher von der Bevölkerung respektierte ISAF droht immer weniger als Sicherheitsunterstützungstruppe und immer mehr als Besatzungstruppe wahrgenommen zu werden.

Ein Scheitern des Stabilisierungsprozesses kann sich die Internationale Gemeinschaft, die VN wie die NATO aus ureigenem Sicherheitsinteresse nicht erlauben. Es hätte desaströse Konsequenzen für die Menschen in Afghanistan. Es wäre aber auch eine strategische Niederlage der Internationalen Gemeinschaft gegenüber dem internationalen Terrorismus.

(1) Nach fünf Jahren Afghanistan-Engagement der Bundesrepublik ist eine offene und bewertende Zwischenbilanz überfällig – des ISAF-Einsatzes und des Wiederaufbaus. Die bis Mai 2006 alle 2-3 Monate erscheinenden „Unterrichtungen des Bundestages durch das Auswärtige Amt über die relevanten Fragen der Entwicklung und des Wiederaufbaus in Afghanistan“ waren als Tätigkeitsberichte hilfreich, reichen als Bilanz aber keineswegs aus.

(2) Überfällig ist zweitens eine Bilanzierung und kritische Bewertung der Gesamtoperation Enduring Freedom (OEF) in Afghanistan.
(…) Die Ausweitung der einzelnen Kämpfe und Anschläge im Süden zu einem regelrechten Aufstand – längst nicht nur der Taliban – zeigt, dass OEF bei der Bekämpfung der Oppositionellen Militanten Kräfte im Süden und Südosten Afghanistans nicht erfolgreich war. Aus verschiedenen Studien und aus Berichten von deutschen Soldaten und Zivilisten mit Afghanistan-Erfahrung verdichtet sich der Eindruck, dass die Art und Weise der Operationsführung von OEF und des Auftretens von US-Soldaten nicht unwesentlich zum Anwachsen der Militanten beigetragen hat. (…)“ (100.951 Aufrufe 18.2.2024) http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=36&aid=395

(Fünf weitere FRÜHWARN-Beiträge)

2009, 8. November Persönliches Schreiben an Bundespräsident Horst Köhler: „Afghanistan wie weiter?“, 08.11.2009 (nach einem einstündigen Gespräch mit ihm über die aktuelle Lage Afghanistans in Schloss Bellevue): „(…) Deutsche Afghanistan-Politik braucht zuallererst Ehrlichkeit – in der Sicht der Dinge und in der Sprache. Ohne sie ist ein politisches und menschliches Desaster vorprogrammiert. (…) Am Vorabend des 9. (!) Jahres des internationalen und deutschen Afghanistan-Engagements, angesichts seiner düsteren Aussichten und der sogar in Großbritannien und USA wegbrechenden öffentlichen Zustimmung ist eine umfassende, ungeschönte und unabhängige Bilanzierung und Überprüfung dieses Engagements zwingend erforderlich – auf internationaler Ebene, aber auch auf deutscher Seite. Hier darf sich die Bundesrepublik nicht hinter dem Multilateralismus verstecken! Nur mit einer solchen unabhängigen Überprüfung besteht die Chance, bisherige Beschönigungen und Halbherzigkeiten zu überwinden, das Steuer herumreißen und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen zu können. Letzteres wird dadurch erschwert, dass die äußerst verwickelten und unterschiedlichen Entwicklungen im fragmentierten Afghanistan auch für interessierte Bürger eine permanente Überforderung darstellen.“

(13 weitere FRÜHWARN-Beiträge)

2015, 7. August: 6 Monate nach ISAF-Abzug aus Afghanistan: Höchststand an Zivilopfern, v.a. bei Frauen und Kindern; Anstieg komplexer und Suizid-Attacken um 78% (UNAMA-Bericht 1. Halbjahr 2015): „(…) Auch wenn die Informationen über die reale Lage in Afghanistan immer spärlicher werden und das Land zunehmend im Aufmerksamkeits- und Interessenschatten der anderen, näheren Krisen + Kriege verschwindet – sieben Monate nach Ende des ISAF-Großeinsatzes und Beendigung des internationalen Kampfeinsatzes ist ein Abflauen der Kämpfe nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Erwartung von Gegnern des Afghanistaneinsatzes, mit dem Abzug der internationalen Truppen würde auch der Hauptkriegsgrund schwinden und der Krieg schrumpfen, bestätigte sich ganz und gar nicht. (…)

Extremwerte an Zivilopfern und Verlusten der ANDSF zeigen, dass der termingerechte Abzug kein sichereres Umfeld (so war der Kernauftrag) hinterließ. Der weitest gehende Wegfall der alliierten Schlüsselfähigkeiten von Aufklärung, Luftnahunterstützung erlaubt den Aufständischen zunehmend auch Angriffe in Großformationen. Der politisch einmütig gewollte und verantwortete, terminfixierte Abzug gelang mit äußerster Rücksicht auf die eigenen Kräfte. Er stellt sich zunehmend als ein Abzug ohne Rücksicht auf Verluste der Afghanen, ihrer Bevölkerung und Sicherheitskräfte, heraus. (…) Jetzt sehe ich vermehrt die Gefahr, wächst meine Angst, dass Afghanistan wegrutscht. (…) Aber was vor fast 14 Jahren mit hohem politisch-moralischen Aufwand (und Illusionen) begonnen, dann mit einem nie dagewesenen militärisch-zivilen Einsatz (und strategischen Fehlern) verfolgt wurde, was neben gigantischen finanziellen Kosten enorme menschliche Opfer forderte, das darf und kann nicht einfach abgehakt, abgeschoben und vergessen werden.“

2015, April Die Politik und Afghanistan: Persönliche Bilanz und Ausblick eines parlamentarischen Auftraggebers, in: Rainer L. Glatz/Rolf Tophoven (Hrsg.), Am Hindukusch – und weiter? Die Bundeswehr im Auslandseinsatz: Erfahrungen, Bilanzen, Ausblicke, Bundeszentrale für politische Bildung: (…)

Das erste Hauptziel des internationalen Afghanistaneinsatzes, die Beseitigung der afghanischen Infrastruktur des Terrornetzwerks Al Qaida, wurde erreicht – allerdings weder gründlich noch nachhaltig. Die Taliban und andere Gruppen der bewaffneten Opposition konnten ausweichen, sich in ihrem Rückzugsgebiet Pakistan reorganisieren und binnen weniger Jahre zu einer Aufstandsbewegung aufwachsen, deren Anschlägen und Attacken Abertausende afghanische Sicherheitskräfte, Zivilpersonen und alliierte Soldaten zum Opfer fielen. (…)

ISAF wurde zurückbeordert, ohne dass sein militärischer Auftrag, ein sicheres Umfeld zu schaffen, erfüllt gewesen wäre. (…)

Das zweite Hauptziel der Internationalen Gemeinschaft war die Unterstützung des Staatsaufbaus. Ausgehend vom Petersberg-Prozess entstanden eine Verfassung, ein Parlament und staatliche Institutionen. Diese waren mangels qualifizierten Personals nicht nur schwach. Sie wurden auch zunehmend von Korruption geprägt. Laut Transparency International liegt Afghanistan an der dritten Stelle der korruptesten Länder weltweit. Die schlechte Regierungsführung, die vielen als größte, die Taliban übertreffende Bedrohung gilt, erreichte in dem fünfmonatigen Machtgerangel nach der Präsidentschaftswahl im April 2014 einen Höhepunkt an Verantwortungslosigkeit. (…)

Nicht nur in Deutschland tat sich mit der Zeit immer mehr eine Schere auf: Zwischen den Soldaten, aber auch Polizisten und Zivilexperten, die ihre Aufgaben mit höchstem Einsatz – bis zum Einsatz von Leben und Gesundheit – erfüllten, und einem Primat der Politik, die diesen nur halbherzig ausfüllte. Symptomatisch war, dass in Deutschland nie ein Spitzenpolitiker sichtbar für den umfassenden Afghanistaneinsatz stand. Der Knackpunkt des abgedrifteten Einsatzes war ein kollektives politisches Führungsversagen. Wo die Parlamentsbeteiligung bei Auslandseinsätzen so weit geht wie in Deutschland, trägt dafür der Bundestag mit seinen Fachausschüssen erhebliche Mitverantwortung. Über die Neigung zur Mikrokontrolle, über zweifellos auch wichtige Ausrüstungsfragen gerieten die strategischen Fragen des Einsatzes, der Kohärenz der staatlichen Akteure und der Unausgewogenheit der Mittel aus dem Blick.“

(Weitere über 20 FRÜHWARN-Beiträge bis April 2021)

1 MdB von Bündnis 90/Die Grünen 1994-2009, ab 2002 sicherheits- und abrüstungspolitischer Sprecher, seit 2010 Mitglied Beirat Zivile Krisenprävention der Bundesregierung, Vorbereitungsteam der Villigster Afghanistan-Tagung, Sachverständiger in der Enquete-Kommission des Bundestages 2022-25

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