Am 30. Juli starb 100-jährige Margers Vestermanis, letzter Ghetto- + KZ-Überlebender: Begegnungen mit ihm 1989-2026

Er war das Gedächtnis des Holocaust in Lettland, ein Mann des Jahrhunderts, Humanist und Europäer.

Begegnungen mit Margers Vestermanis 1989-2026

Winfried Nachtwei (August 2026)

(1) Bericht von unserer ersten Riga-Reise im Juli 1989, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=1597

(Anstöße waren politisches Interesse – „im Osten viel Neues“ mit breiter Unabhängigkeits- und Umweltbewegung – und Erinnerungsinteresse an Täter- und Opferspuren zur deutschen Besatzungszeit: in Münster bevorstehender NS-Kriegsverbrecherprozess gegen einen Ex-Haupt-mann der lettischen Hilfspolizei wg. der Vernichtung des Dorfes Audrini und die Tatsache, dass Ende 1941 die erste große Judendeportation aus dem Münsterland in das deutsch besetzte Riga ging. Als „Lettische Sozialistische Sowjetrepublik“ war das Land seit 1945 besetzt.)

Bikernieki-Wald: An der Straße ein Hinweisschild „Fasisma terora upura masu kapu vieta“. Wir folgen dem sandigen Weg in den Fichtenwald. Nach vielleicht einem Kilometer finden wir hinter einer Anhöhe in einer Mulde fünf Massengräber, eingefasst mit Bordsteinen, offenbar kaum gepflegt, an einer Einfassung sogar Hakenkreuz-Kritzeleien und SS-Runen. Den Gedenkstein („Gedenken an 45.600 Sowjetbürger als Opfer des Faschismus“) finden wir nicht. Ob er dort stand, wo Reste eines Fundaments sind? Sonst keinerlei Hinweise – ein lichter, sonniger Wald, friedliches Naherholungsgebiet. Unvorstellbar, was hier geschah! (Anm. 2019: Der größere Teil der insgesamt 55 Massengräber – und die spätere Gedenkstätte – liegt im Wald auf der anderen Straßenseite. Nach jüngsten Untersuchungen sind in Bikernueki mindestens 35.000 Menschen ermordet worden.)

Platz der ehemaligen Großen Synagoge an der Gogolstraße, nicht weit von der Akademie der Wissenschaften. Bis vor kurzem war die Große Synagoge spurlos „verschwunden“. Am 4. Juli 1941 ließ die Einsatzgrupp A von Sicherheitspolizei und SD durch lettische Polizei (Kommando Arajs) Juden wahllos aus der Umgebung in der Synagoge zusammentreiben (zu 300 geflüchteten litauischen Juden im Keller), von MG`s umstellen und anzünden. Handgranaten wurden durch die Fenster geworfen, niemand überlebte. Weit mehr als 300, vielleicht 2000 Menschen kamen hier um! Am 4. Juli 1989 wurde hier endlich ein Gedenkstein aufgestellt – in Anwesenheit prominenter Staats-, Partei- und Fronten-Vertreter. Ein einschneidendes historisches Ereignis!!

Großes Ghetto in der Moskauer Vorstadt: Lacplesa, Moskavas (hier Grenze), dann Kijevas, Ludzas iela bis zur Ecke des Kleinen Ghettos und der Ghetto-Kommandantur. An diesem äußerst schwülen Sonntagnachmittag ist alles völlig leer. Das ganze Viertel runtergekommen, viele Bebauungslücken, verrottete Holzhäuser wie größere Steinbauten. Das einzige vollständig erhaltene jüdische Ghetto des 20. Jahrhunderts! (Press S. 73) Am 27. November 1941 Plakatanschlag, dass am 29.11. um 9.00 Uhr alle Männer in der Sadownikow iela (heute Franzes iela) anzutreten hätten. Es geschieht nichts. Nachmittags neue Anordnung, dass Evakuierung am 30.11. um 6.00 Uhr beginnen solle. Die Vernichtungsaktion beginnt am Abend und umfasst die zentrumsnahe Hälfte des Ghettos. Vor allem lettische Polizei und Kommandos, schwer betrunken; zuerst Massaker in Altersheim; Vertreibung aus den Wohnungen, viele an Ort und Stelle erschossen; Kinder aus dem Fenster geworfen; die Menschen wurden aus dem Ghetto über die Ludzas iela bis nach Rumbula getrieben (bis dahin nur winzige Bahnstation), wo ab 8.15 Uhr bis 19.45 mehr als 15.000 Menschen erschossen werden, darunter auch gerade aus Deutschland eingetroffene Juden. Die zweite Evakuierung und Mordaktion am 8. Dezember mit 11.000 Opfern. Insgesamt 27.8000 am 30.11. und 8.12. aus dem Ghetto nach Rumbula! (…)

Mit dem Zug zur Ministation Rumbula. Gerate zunächst jenseits von Bahn und Hauptstraße zu einer Mülldeponie. Mit Zeichensprache und aufgemalter 1941 kann ich deutlich machen, worum es mir geht. Einer der Männer führt mich zurück, entlang den beiden Bahnsteigen, am Bahndamm Richtung Riga hinauf zu einem abgebrochenen Asphaltweg. 50 Meter neben der Bahn im hügeligen Fichtenwald mit Abständen ca. zehn Massengräber. An der Hauptstraße dasselbe Hinweisschild wie in Bikernieki. Asphaltierte Wege, bei den ersten Massengräbern der offizielle Gedenkstein auf Lettisch und Russisch „1941-1944 wurden hier im Wald von Rumbula 50.000 sowjetische Bürger, politische Häftlinge, Kriegsgefangene und andere Opfer des Faschismus grausam ermordet und erschossen“. Kein Wort, dass hier nur Juden aus Lettland und dem Ausland liegen! (Anm. 2019: Laut nachsowjetischen Forschungen wurden in Rumbula am 30. November und 8. Dezember 1941 27.500 Gefangene des lettisch-jüdischen Ghettos von Riga erschossen.) Hundert Meter weiter bei anderen Massengräbern gestatte die Regierung den Juden nach längeren Verhandlungen die Aufstellung eines zweiten Steines „Den Opfern des Faschismus“ auf Lettisch, Russisch und Jiddisch. Außerdem kleine Tafeln mit den Daten 30. November und 8. Dezember 1941. Am Jahrestag der Ermordungen versammeln sich hier Überlebende, sei den 1960er und 70er Jahren auch Jüngere. Dabei gab es auch Worte gegen verschleierten Antisemitismus in der aktuellen Politik. Gedenkveranstaltungen wurden seitens des KGB durch Umstellungen, Fotografieren und laute Musik gestört.

Erste Begegnung mit Margers Vestermanis (11. Juli 1989, letzter Tag; Kontakt über Prof. Peter Krupnikovs, 9. Juli): Ich treffe an der Turmuhr am Hauptbahnhof wie verabredet einen Herrn um die 65 Jahre, weißes Haar, Zeitung mit lateinischen Buchstaben unterm Arm. Mit der Buslinie 385 die Deglava iela ganz raus, durch den sehr breiten Gürtel hunderter Wohnmaschinen, ca. neun Stockwerke, acht und mehr Eingänge, zig Mal derselbe Haustyp aus Fertigbauteilen, das Gelände drum herum so belassen, Wiese und ab und zu eine Birke, keine sonderliche Gestaltung – ganz im Unterschied zu Minsk. Dann eine Zeit lang Holzhäuser, schließlich, Felder, Wald. Vorbei am Tuberkulose-Krankenhaus zur Waldsiedlung mit vierstöckigen Mietshäusern. Auch hier schäbige Flure, nur Nummern, zweifache dicke Tür mit vielen Schlössern (regelrecht verbarrikadiert). Sehr ordentliche Dreizimmerwohnung. Vom Balkon aus Blick zum eigenen Kleingarten, dahinter irgendwo ein Fluss Richtung Jugla-See.

Als die deutsche Wehrmacht Riga besetzte (1. Juli 1941) war V. 16 Jahre alt.

Am 30. November 1941 war er beim Aufräumen der Leichen im Ghetto dabei. Zusammen mit einem Kameraden hatte er auf der blutüberströmten, vereisten Luczas iela mit einem Kinderschlitten Leichen aufzusammeln und auf dem Alten Jüdischen Friedhof zu stapeln. Eine Kolonne war zum Erschießen aufgestellt, da kam eine schwarze Limousine mit Jeckeln (Höherer SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord), er schaute auf die Uhr, „Aktion beendet“.

Vom Ghetto aus leistete er Zwangsarbeit beim Bahnhofs-Kommando. Wegen kurzfristiger Abwesenheit wurde er vom Chef verprügelt. Er drohte ihm Bunker andann Strafeinsatz im Truppenwirtschaftslager der Waffen-SS. Arbeit in der Tischlerwerkstatt. Geschichte von einem baumlangen, rothaarigen Rottenführer mit Drohungen („du wirst heute Abend erschossen – ich gehe ficken“) und „Moralischem“ („ich habe noch nicht gelernt, dich zu verprügeln“). „Der größte Mörder hat auch menschliche Seiten.“

Nach Auflösung des Ghetto Riga Anfang November 1943 war er Gefangener des KZ Kaiserwald, dann im SS-Seelager Dundangen in Kurland (Zwangsarbeit von 1941-1944), von wo ihm am 27. Juli bei einem Gewaltmarsch von Häftlingen die Flucht in den Wald gelang und er auf eine Partisanengruppe der „Waldbrüder“ stieß. Nach der Befreiung Rigas im Oktober 1944 war die Heeresgruppe Nord der Wehrmacht mit der 16. Und 18. Armee im Kurlandkessel eingeschlossen. Er traf auf den Wehrmachtsdeserteur Egon Klinke, Gebreiter, Kraftfahrer bei der Luftwaffe, ca. 25 Jahre, hoch gewachsen, schlaksig. Seine Partisaneneinheit wurde im Dezember 1944 umzingelt und zerschlagen, von den 22 Männern können nur Egon und Margers entkommen. In der Neujahrsnacht haut Egon ab und kommt durch eine Handgranate um`s Leben.

Zur Rolle der Wehrmacht im Operationsgebiet: In Lettland keine Zivil-, sondern nur Wehrmachtsverwaltung. Wer bewaffnete die Hilfspolizei? Erste Mordwelle gegen kleine Funktionäre und Aktivisten, gegen keinen einzigen kommunistischen Kommisar/Bonzen. Auch ehemalige sozialdemokratische Aktivisten, Lehrerinnen durch ehemalige Zöglinge, Pionierleiter, „die Kugel saß lose im Lauf“. In ersten Tagen wurden mehr Sowjetaktivisten als Juden umgebracht. Strittig sei, ob die Einsatzgruppe A von vorneherein dabei. Stahleckers (Führer EG A) erste Aktion war die Verbrennung der Großen Synagoge an der Golgolstraße. Vier, fünf Familien sind belegt, wie viele sonst, sei unbekannt… 2.000? Das Abbrennen von Synagogen sei eine „typisch deutsche Aktion“ gewesen. Das gab es vorher im Osten nie.

Er zeigt mir zig Karteikästen mit einer Kartothek der Mörder, des Ghettos („Reichsjudenghetto Riga“). Es gebe viele Memoiren über das Ghetto, aber keine historische Untersuchung. Hier erstmalig eine Auswertung von in der Sowjetunion gelagertem Material. Im Westen sei es lange üblich gewesen, sowjetische Archivalien zu ignorieren.

Ein typischer Vorfall: wo ein Hauptmann Kommunisten, Juden und Kriegsgefangene durch Soldaten zusammenbinden und erschießen ließ. Die lettische Polizei durfte die Leichen nur begraben. Als ich das westdeutsche Tabu von der „sauberen Wehrmacht“ anspreche, kommt V. sofort mit einem positiven Beispiel: Der Chef des Heereskraftfahrparks, der Hauptmann Vogler, habe Hunderten das Leben gerettet, natürlich mit Schmiergeldern, z.B. versteckte er 300 jüdische Frauen im Zentralgefängnis.

Von Seiten der Wehrmacht habe es „im Großen und Ganzen keine besonderen Schikanen“ gegeben. Die Wehrmachtssoldaten seien in ihrer Masse nicht antisemitisch gewesen. Anders Kommandanturen und Sicherungsdivisionen. Die Wehrmachtsbehörden seien an der ersten Phase des Judenmords (Registrierung) beteiligt gewesen. Da lag die reale Macht in ihren Händen!! Ortskommandanturen dachten sich ihre verschiedenen Judenzeichen aus, z.B. in Daugavpils fünfzackig auf Brust, Rücken, Knie ab 4 Jahre. Wehrmachtsorgane betrieben Erfassung, Bezeichnung, Absonderung (nicht in Geschäften mit Kundenschlange einkaufen, nicht auf dem Bürgersteig gehen). Zuggleich wurden lettische Kollaborateure geduldet. Am 05.08.1941 habe die 207. Sicherungsdivision bei Rositten gegen Judenerschießungen protestiert – und sei später bei der Partisanenbekämpfung dabei gewesen. Der Kommandeur der 18. Armee, General Kübler: Die Erschießungen seien „Sache des SD“. Den Wehrmachtseinheiten verbot er, davon zu erzählen: „Verbreitung von Gräuelpropaganda“. Juden durften nur noch unter Bewachung auf die Straße. Sein älterer Bruder (Pianist) wurde auf der Straße aufgegriffen ins Zentralgefängnis gesperrt und im Oktober erschossen. Wehrmachtssoldaten durften nicht in das von „Schutzmannschaften“ bewachte Ghetto. Ein Gefreiter kam doch rein, war auf dem Friedhof voll erschüttert und wurde ohnmächtig. Hier waren vorher Massengräber gesprengt worden, so dass Knochen durch die Gegend flogen.

Von den über 70.000 jüdischen Menschen in Lettland kamen rund 4.000 ins KZ Kaiserwald (und danach KZ Stutthof bei Danzig). Von ihnen erlebten nur um 1.000 die Befreiung. Etliche von ihnen starben kurz später. Überlebende waren oft mit dem Vorwurf der Kollaboration konfrontiert.

Heute leben 27.000 Juden in Lettland (viele Rückkehrer), davon 25.000 in Riga. Sehr wenige fühlen sich als „lettische Juden“. Andere kamen aus der Ukraine, aus Weißrussland.

Am 4. Juli erstmalig öffentliche Solidarität mit den Opfern der NS-Herrschaft im Zentrum.

Als Margers Vestermanis vom „Rigaer Blutsonntag“ berichtet, kommt die Erinnerung hoch, scheint im Gesicht aus der Ferne wieder. Sonst ist er sehr gefasst, nüchtern, farbig erzählend, witzig, sehr detailliert. Er notiert sich drei Suchaufträge:

(a) Fall Maikovskis – dazu habe er sehr viel lettisches Material; was aus ihm in Münster wurde, ist für ihn neu.

(b) Die Judendeportationen aus Münster, Osnabrück, Bielefeld, Köln usw.

(c) Wehrmachts- und Polizeiverbände aus Westfalen.

Bei dem Besuch hätte ich den Recorder dabei haben müssen!! Pünktlich um 15.30 Uhr wieder in Jurmala – bin ganz beseelt von dem Besuch. Gut könnten jetzt noch eine Woche länger bleiben. Immer mehr Kontakte ergeben sich. Für den VAK hinterlassen wir drei Umweltbücher mit Widmung.“

(2) Zehn Jahre Deutsches Riga-Komitee – Erste Gedenkreise des Komitees mit Delegationen der Mitgliedsstädte, Juli 2010, Redebeiträge an Orten der Judenverfolgung und -vernichtung, von W.N., https://www.volksbund.de/erinnern-gedenken/riga-komitee/10-jahre-deutsches-riga-komitee

(…)

(2) Am Alten Jüdischen Friedhof und ehemaligem „Reichsjudenghetto“ (Ecke Tejas/Virsaisu iela in der Moskauer Vorstadt)

Der Alte Jüdische Friedhof war das erste Stück Boden, das von Juden in Riga erworben werden konnte. Seit 1725 wurden hier Tote begraben. Der Eingang befand sich an der Südspitze zur Ebreju iela Richtung Makavas (Moskauer) iela mit einigen Holzgebäuden für das Bet- und Totenhaus und für die Friedhofsbeschäftigten. 1903 entstand ein schönes Gebäude für die Trauerfeierlichkeiten. Architekt war Paul Mandelstamm. In den 20er Jahren entstand ein neuer jüdischer Friedhof in Smerlis.

Am 4. Juli 1941 wütete die vom Kommandeur der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, geplante Aktion auch auf dem Alten Jüdischen Friedhof. Alle seine Gebäude wurden niedergebrannt, in ihnen die Friedhofsangestellten mit ihren Familien sowie in der Umgebung ergriffene Juden., insgesamt etwa 50 Menschen. Die Synagogenvernichtung vom 4. Juli sollte Auftaktsignal zu Pogromen und zur Ermordung der Juden in ganz Lettland sein.

Am 13. August 1941 ordnete Reichskommissar Lohse an: „Das flache Land ist von Juden zu säubern!“ Wo bisher in der ärmlichen Moskauer Vorstadt 10.000 Menschen gewohnt hatten, wurden jetzt 30.000 Rigaer Juden zusammengepfercht. Am 25. Oktober wurde das Ghetto geschlossen. An dem Tag erschien in der „Deutschen Zeitung im Ostland“ ein Artikel zum Ghetto, in dem sich zynisch über die Ghettoinsassen ausgelassen wurde. Drumherum Artikel einer ganz normalen deutschen Zeitungsseite: „Gehwegränder erneuern“, „Spielplan der Rigaer Oper“ etc.

Am 10. November 1941 bekam Riga einen neuen „Höheren SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord“ (HSSPF). Es war der SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln, vormals HSSPF West in Düsseldorf, ab Sommer 1941 HSSPF Russland Süd (Ukraine), verantwortlicher Planer und Organisator der Massaker von Kamenez-Podolsk (23.600 Opfer), Berditschew (18.000 Opfer), Dnjepropetrowsk (11.000) und Babi Jar bei Kiew Ende September (mehr als 33.000 Opfer). Von Himmler bekam er den Befehl, für die schon seit Oktober geplanten Deportationszüge aus dem Reich „Platz zu schaffen“. Am 30. November frühmorgens rückten deutsche und lettische Kräfte ins Ghetto von Westen ein. Menschen mussten raus auf die Straße, erst wurde gebrüllt, dann geprügelt, schließlich geschossen. Marschkolonnen von jeweils 1.000 Menschen setzten sich in Bewegung über die Moskauer Straße nach Rumbula. (nächste Station) Der 16-jährige Margers Vestermanis war mitsamt seiner Familie im Ghetto. Er bekam den Befehl, zusammen mit einem Kameraden, Kinderleichen aufzusammeln und auf einem Schlitten hierher zum Alten Jüdischen Friedhof zu bringen.

(3) 2015, September, Margers Vestermanis, Überlebender des Rigaer Ghettos, Gründer des Museums „Juden in Lettland“, 90 Jahre – Herzliche Ehrung in Riga, von Winfried Nachtwei, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=107&aid=1371 , Fotos auf www.facebook.com/winfried.nachtwei

Am 18. September 2015 wurde Margers Vestermanis auf Einladung der Jüdischen Gemeinde Riga mit einer würdigen und herzlichen Feier in der Universität zu seinem 90. Geburtstag geehrt. Der Staatssekretär im Außenministerium, Andrejs Pildegovics, gratulierte ihm im Namen des lettischen Staates und zeichnete das Mitglied der Lettischen Historikerkommission für seine Forschungen und Veröffentlichungen zur lettischen Geschichte aus: Sein Geburtstag sei ein Grund zum Feiern für alle Letten. „Wir sind stolz auf Sie, wir sind stolz auf Ihre Menschlichkeit und Weitsicht.“ (Rede siehe unten) Die Anwesenheit und Reden vieler ausländischer Botschafter (Österreich, Ungarn, Deutschland, Israel, Großbritannien, USA) unterstrichen die internationale Anerkennung für das Wirken von Margers Vestermanis. Gesungen wurden „Ghettolieder“ einer Widerstandsgruppe, deren einzige Überlebender Margers Vestermanis ist. Besonders zu Herzen gehend waren die Glückwünsche seiner ältesten Urenkelin. Die Nazis hatten seine große Familie ermordet, den älteren Bruder schon im Juli 1941. 74 Jahre danach wurde der 90-Jährige mit Eva, seiner fast 90-jährigen Frau, im Kreis seiner wieder großen Familie geehrt. Auf Wunsch des Jubilars erhielt er vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde ein Zertifikat für eine Grabstelle auf dem Neuen Jüdischen Friedhof.

Viele, viele Blumen bekam Margers Vestermanis überreicht, ein regelrechter Berg. Sie wurden anschließend in Rumbula am Stein der Vestermanis niedergelegt – dort, wo am 30. November und 8. Dezember 1941 um 27.000 Rigaer Juden erschossen worden waren, darunter seine Eltern und seine Schwester. (Zu den Lebensstationen von Margers Vestermanis vgl. Hanna und Wolf Middelmann, Dem Judenmord entkommen, Münster 2015, S. 128, http://www.gegen-vergessen.de/startseite/news-detailseite/article/dem-judenmord-entkommen-bericht-ueber-zwei-jahrzehnte-austausch-mit-den-ueberlebenden-des-hol.html )

Mein schriftlicher GLÜCKWUNSCH AUS MÜNSTER/BERLIN (leider war ich kurzfristig daran gehindert, an der Feier teilzunehmen)

Lieber Margers, liebe Eva, geehrte Festgesellschaft,

im Sommer 1989 kamen meine Frau Angela und ich erstmalig nach Riga. Die wachsende Unabhängigkeitsbewegung hatte unser Interesse und Sympathie geweckt, aber auch die Frage nach dem Schicksal der Münsteraner Juden, die Ende 1941 von den Nazis in das Ghetto Riga deportiert worden waren. Am 11. Juli 1989 traf ich am Uhrturm des Hauptbahnhofs einen weißhaarigen, ca. 65-jährigen Herrn mit einer Zeitung als Erkennungszeichen unterm Arm. Mit dem Bus 385 ging es raus nach Upeslejas.

Meinem Reisetagebuch entnehme ich, dass Du recht schnell auf den 25-jährigen Gefreiten Egon Klinke zu sprechen kamst, Kraftfahrer bei der Luftwaffe, Deserteur… Du zeigtest mir Karteikästen, eine Abteilung zu „Judenmördern“, berichtetest vom 16-jährigen Margers am 30. November 1941. Die wenigen Stunden in Upeslejas direkt vor unserer Rückreise nach Deutschland war der menschlich-politische Zündfunke, der mich auf die Riga-Spur und uns zueinander brachte. Zu einer Zeit, als in Deutschland wie Lettland weitestgehend verdrängt und vergessen war, wie die deutsche Besatzung von 1941 bis 1944 gegen die jüdischen Menschen, gegen Deine Familie gewütet hatte.

Im Juli 1990 begegneten wir uns erstmalig zu viert mit Eva und Angela, besuchten Rezekne in Ostlettland. Im Januar 1991 fieberten wir mit Euch, als die Unabhängigkeitsbewegung bedrohlich unter Druck geriet – und sich mit ungeahnter Kraft behaupten konnte. Dich, Margers, erlebte ich als Türöffner einer mit der Unabhängigkeitsbewegung aufbrechenden Erinnerung: Als unermüdlichen, großen Brückenbauer einer Erinnerung an die vitale und reiche jüdische Kultur, einer Erinnerung an die zahllosen jüdischen Opfer, die Gequälten, Erschossenen, Verhungerten, an die Täter und Helfershelfer der deutschen Besatzer, aber auch an die Judenretter und wenigen Wehrmachtsdeserteure. Das von Dir aufgebaute Museum „Juden in Lettland“ wurde zu einem lebenden Denkmal!

DU machtest es durch Deine Forschungen und Deinen enzyklopädischen Wissensreichtum möglich, dass endlich auch in Deutschland die Erinnerung an die jüdischen Nachbarn von nebenan auflebte. Von denen war über 50 Jahre nur ein „verschollen in Riga“ geblieben. Die Geschichtsstunden und Zeitzeugengespräche mit Dir werden Tausenden deutscher Bürgerinnen und Bürgern für immer im Gedächtnis bleiben. Die Nazi-Staatsverbrecher wollten die totale Vernichtung ihrer Opfer, indem sie auch die Erinnerung an sie auslöschen wollten. Du hast ihnen mit Deiner unermüdlichen Arbeit einen Strich durch die teuflische Rechnung gemacht. Du hast sie auf diesem Feld besiegt.

Du, Margers Vestermanis, hast Dich in höchstem Maße um die Opfer des Holocaust in Lettland, um die Jüdische Gemeinde, um das demokratische Lettland, um Brücken der Erinnerung mit Deutschland und mit jungen Menschen verdient gemacht! Damit wir alle daraus für ein friedliches Europa lernen! Die Jüdische Gemeinde, die lettische Gesellschaft und Politik können wahrlich stolz auf einen Bürger wie Dich sein.

Als menschlichen Glücksfall sondergleichen erlebte ich, wie zwischen uns über intensive Gespräche und häufig auch lachendes Zusammensein geradezu familiäre Nähe und Freundschaft wuchs. Wir sind von ganzem Herzen dankbar, dass wir Dich und Eva kennen lernen durften. Zu Deinem ehrwürdigen 90. Geburtstag am 18. September wünschen wir Dir weiterhin möglichst gute Kräfte, starke Mitstreiter, viel positives Echo und viele frohe Stunden zusammen mit Deinen Lieben. Wir umarmen Dich und Eva ganz herzlich und freuen uns auf unser nächstes Treffen in Riga! Dein Winni und Deine Angela (Mitgliedsnummer 3 des Vereins Museum und Archiv Juden in Lettland)

(4) 2017, 3.-6. Juli Brücken der Erinnerung zwischen Nationen + Generationen: Zweite gemeinsame Gedenk- und Erinnerungsreise aus Städten des Deutschen Riga-Komitees nach Riga, Auszug aus dem Reisebericht, http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&catid=81-120&aid=1490 (…)

Stationen der Reise

(1) Empfang beim deutschen Botschafter Rolf Schütte

(2) die ersten Gedenksteine an die Deportationen aus Hamburg, Hannover, Köln und Münster auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Smerlis

(3) die ehemalige Große Choral Synagoge an der Gogolstraße

(4) das ehemalige Ghetto in der Moskauer Vorstadt

(5) offizielle Gedenkfeier am Mahnmal an der ehemaligen Großen Synagoge an der Gogolstraße anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 4. Juli

(6) die Massengräber und die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki

(7) Gespräche im Jüdischen Zentrum und Besuch des Museums „Juden in Lettland“

(8) Vortrag von Matthias Ester „Riga – eine europäische Erinnerungslandschaft des 20. Jahrhunderts“ im Haus der Lettischen Gesellschaft

(9) Kranzniederlegung am Freiheitsdenkmal und Stadtrundgang

(10) Gespräch mit Margers Vestermanis in der Kleinen Gilde

(11) Empfang durch die Stadt Riga

(12) Rangierbahnhof Skirotava

(13) Ehemaliges Lager Jungfernhof an der Daugava

(14) Gedenkstätte an der Stelle des früheren „Arbeitserziehungslagers“ Salaspils

(15) Massengräber und Gedenkstätte in Rumbula

(16) Schlussbemerkung

(10) Gespräch mit Margers Vestermanis in der Kleinen Gilde

Die Umarmung gestern an der Gogolstraße durch die lettische Parlamentspräsidentin, immerhin Angehörige der Nationalpartei, sei nicht so harmlos gewesen. Sie sprach über die jüdische Tragödie und den lettischen Schuldanteil daran. Lettische Schutzmannschafts-Bataillone (Schuma) waren ab 1941 auch in Weißrussland eingesetzt sowie bei der Bewachung des Warschauer Ghettos. Sie entstanden aus freiwilligen Selbstschutzkräften und waren der Wehrmachtskommandantur unterstellt. Ein Wehrmachtskommandeur organisierte eine Entmannungsaktion gegen 53 jüdische Männer. In Libau wurden erste Geiselerschießungen durch ganz normale Wehrmachtsoffiziere der Stadtkommandantur befohlen.

Zur Zeit der Sowjetunion war die Einstellung, dass es keinen Holocaust gegeben habe, „alle haben gleich gelitten“. Auf Massengräbern der Juden war eine entsprechende Kennzeichnung verboten.

Was geschah in der ersten Nacht der deutschen Okkupation in Riga? Eine Rede im lettischen Radio gab den Auftakt. Die Einsatzgruppe A von Sicherheitspolizei und SD war noch nicht aufgestellt. Es gab Waffendurchsuchungen, Kolbenschläge auf Köpfe, wilde Erschießungen. „Noch nicht organisierter Holocaust der Meute!“ In den Folgewochen verhaftete die lettische Hilfspolizei Männer, darunter seinen älteren Bruder, ein begnadeter Musiker.

Der Bericht des Chefs der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, vom 15. Oktober 1941 meldete, dass in Lettland bis dahin 30.025 Juden und 1.843 „Kommunisten“ erschossen worden seien (davon in Riga-Stadt und –Land 6.378, in Libau 11.860, in Dünaburg 9.845).1 Diese Aktionen liefen noch nicht unter deutscher Führung. Es reichte ein „Wink mit dem Zaunpfahl“. Befehle und Weisungen dazu sind nicht bekannt. Außerdem: Auf dem Land hätte der SD die Juden auch nie ausfindig machen können. In bestimmten Gegenden wurden Juden ausgeraubt, blieben jedoch am Leben, flohen in den Wald.

„Die Täter blieben bei uns anonym.“ Arajs sei sozusagen als schwarzes Schaf „anerkannt“.2 Ein Beispiel für Leugnung und Verklärung sei der Fall Herbert Cukurs, Fliegerheld des unabhängigen Lettland, als Adjutant von Arajs an Massenerschießungen beteiligt. Er schoss in die nach Rumbula ziehenden Kolonnen hinein. Ein Musical über diesen „Nationalheld“ lief 2014/15 mit großem Erfolg in der Akademie der Wissenschaften. Hiergegen protestierte er. Auch die deutsche Botschafterin intervenierte beim Akademiepräsidenten.

„Wir bemühen uns, den Judenrettern Namen zu eben.“ Die Täter blieben anonym. Ein Großteil der Handlanger floh nach Westdeutschland (und wurde da auch nicht belangt). Man verfüge massenweise über Namen auf Karteikarten – aber es gelte nach wie vor „auf keinen Fall Namen nennen!“

Zurück zu der Umarmung bei der Gedenkfeier. Dafür gebe es ein russisches Bild: Jemand öffnet die Arme zur Umarmung, hält in der Achselhöhle aber noch einen Stein.

Stehend, gestützt auf seinen Stock, spricht der 92-jährige Margers Vestermanis zu und mit uns. (Bei anderer Gelegenheit berichtet M. Vestermanis von seinem zentralen Projekt, einem Buch über die Judenretter in Lettland. Inzwischen seien fast 600 identifiziert. Ein Kapitel gebe es auch zu „Helfern im grau-grünen Waffenrock“ (Wehrmacht). Das Buch werde in Lettisch erscheinen, eine deutsche Übersetzung sei in Aussicht.

Angesprochen werden auch „Ghetto- und KZ.-Lieder aus Lettland und Litauen“, aufgezeichnet, gesammelt, erklärt und mit Begleitung versehen von Johanna Spector, Wien 1947. 15 Lieder, teils in Deutsch, teils in Jiddisch. Johanna Spector (1915-2008) stammte aus Libau, verlor alle Angehörigen in der Nazizeit, wanderte in die USA aus und wurde Ethnomusikwissenschaftlerin, Filmemacherin und Professorin. Über ein Wiener Antiquariat habe ich gerade das einzige vorrätige Exemplar erworben. (Auszug s. Anlage.)

(5) 2017 „Der letzte jüdische Partisan. Margers Vestermanis ist der letzte Überlebende des Rigaer Ghettos. Sein Leben hat er der Erforschung des jüdischen Schicksals in Lettland gewidmet.Von Lorenz Hemicker (FAZ 27.11.2017)

„(…) Dass Vestermanis 92 Jahre alt geworden ist, grenzt an ein Wunder. Als Mitglied einer gebildeten jüdisch-deutschen Unternehmerfamilie überlebte er vier Jahre des Nazi-Terrors im Rigaer Ghetto, in lettischen Konzentrationslagern und schließlich als Widerstandskämpfer in den Wäldern Kurlands. Das Deutsche habe seiner Familie immer als Zugang zur Weltkultur verstanden, sagt Verstermanis. Doch als die Wehrmacht im Sommer 1941 die Sowjetunion angreift und Riga einnimmt, kommen statt Dichtern Henker.(…)“

Das große Portrait von Margers Vestermanis erschien am 27. November 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/der-letzte-ueberlebende-des-ghettos-in-riga-15302933.html ; http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1508

im Internet mit Video und weiteren Bildern. Autor ist der FAZ-Redakteur Lorenz Hemicker. Er hatte 2015 auch einen großen Artikel über den 90-jährigen Alexander Bergmann verfasst, den langjährigen Vorsitzenden des Vereins der ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands. 70 Jahre nach seiner Befreiung erschien „Das Ende einer Höllenfahrt“ am 11. April in der FAZ, http://www.faz.net/aktuell/politik/70-jahre-kriegsende/kz-haeftling-alexander-bergmann-das-ende-einer-hoellenfahrt-13527570.html

(6) 8./9. Mai „Tag der Befreiung“ der Völker Europas und Deutschlands vom Naziterror –halbierte Erinnerung?

Bericht bei einem Webinar der „8. Mai-Initiative Bottrop“ über die Erinnerungsarbeit zu den Riga-Deportationen und zum Deutschen Riga-Komitee a

Eine zentrale Person in dem bebilderten Vortrag war Margers Vestermanis, dem ich 1989 zum ersten Mal in Riga begegnet bin. Als 16-Jähriger war er im Herbst 1941 von den deutschen Besatzern mit seiner Familie ins das Ghetto gesperrt worden. Sein älterer Bruder, ein Konzertpianist wurde im Oktober erschossen, sein Vater, seine Mutter und seine Schwester am 8. Dezember 1941, dem nach dem 30. November zweiten Tag der Vernichtung des lettisch-jüdischen Ghettos, als insgesamt über 26.000 Menschen ermordet wurden. Er überlebte zwei Jahre und konnte im Juli 1944 aus einem Todesmarsch des SS-Seelagers Dundangen in Kurland entkommen.

Mit der Öffnung der Erinnerung im unabhängigen Lettland konnte der Historiker seit den 1990er Jahren endlich ungehindert zum Judenmord in Lettland arbeiten, publizieren und das Museum „Juden in Lettland“ aufbauen. Zahllose Besuchergruppen, viele davon aus dem Riga Komitee, erlebten ihn und werden die Begegnungen mit ihm nie vergessen. Zum Schluss meines Vortrages zeigte ich ein Bild des 19-jährigen Margers Vestermanis aus dem Mai 1945 mit seinem Bajonett. Der ehemalige Ghetto- und KZ-Häftling gehörte zu denjenigen, die die angegriffenen und terrorisierten Völker Europas von den Wehrmacht, der SS, den Nazis befreiten. Nach seiner Flucht im Sommer 1944 gaben ihm arme Bauern zu essen und alte Kleidung. Über Bauern kam er zu einer antifaschistischen Partisanengruppe der „Waldbrüder“, zu der auch aus deutscher Gefangenschaft entflohene Sowjetsoldaten und ein deutscher Deserteur gehörte – der Obergefreite der Luftwaffenartillerie Egon Klinke. Egon und Margers wurden gute Kameraden.

Seit Oktober waren die 16. und 18. Armee der deutsche Heeresgruppe Nord im Kurland-Kessel von der Rote Armee eingeschlossen, Am 26. Dezember wurde Margers` 27-köpfige Einheit von Wehrmachtssoldaten, die die Wälder durchstreiften, umzingelt und bis auf ihn, Egon und einen dritten vernichtet. In der Neujahrsnacht verlor Margers seinen Freund Egon durch eine Handgranatenexplosion. Danach schlug er sich – so seine Worte – als „bewaffneter Partisaneneinzelgänger“ in den Wäldern von Kurland durch, ohne Dokumente immer auf der Hut vor deutschen wie sowjetischen Truppen.

Am Nachmittag des 9. Mai kam er bei der Kreisstadt Talsi/Talsen mit der Waffe in der Hand aus dem Wald. Nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches zogen Massen an deutschen Soldaten auf dem Weg in die Gefangenschaft an ihm vorbei, jeder zweite, dritte am Stock. (Insgesamt mehr als 200.000 deutsche Gefangene)

76 Jahre später, am Nachmittag des 9. Mai 2021 rufe ich Margers Vestermanis in Riga an und berichte ihm, dass ich ihn bei einer 8. Mai-Veranstaltung als 19-jährigen gerade Befreiten gezeigt hätte, als einen, der zur Befreiung Europas beigetragen hätte. Der 95-jährige „letzte jüdische Partisan“ (FAZ) ist freudig überrascht über den Anruf auf die Stunde genau, erzählt vom Nachmittag des 9. Mai 1945 – und berichtet dann von seinem bald fertigen großen Buch über Judenretter in Lettland: 469 machte er ausfindig, Und es gebe 200 weitere Gerettete, von denen die Retter nicht bekannt seien.

(7) 2022, Juli, Bericht von der 4. Gedenkreise des Deutschen Riga-Komitees – Meilensteine der Erinnerung + traumatische Erfahrungen mit 50 Jahren wechselnder Okkupationen, W. Nachtwei, https://domainhafen.org/2022/11/ (…)

Zeitzeugengespräch mit Margers Vestermanis im ersten Stock des Jüdischen Zentrums in der Skolas Iela: Er sitzt an einem kleinen Tisch mit Mikro. Auf die Frage, ob er vorgestellt werden solle, antwortet er „lieber nicht“ und legt los.

Gut, dass heute Ausländer zum Trauertag gekommen seien. Viele Jahre sei das verboten gewesen. Die Gewalt gegen Juden begann in der ersten Nacht der deutschen Besatzung (1. Juli 1941) . Menschen wurden mit Kolben erschlagen, erschossen. Laut Stahlecker (SS-Brigadeführer, Generalmajor der Polizei und Kommandeur der Einsatzgruppe A von Sicherheitspolizei und SD) sollte das im besetzten Gebiet abschreckend wirken. Er berichtete nach Berlin, dass am 4. Juli 400 Juden getötet worden seien.

„Ich bin Überlebender, das können Sie bestätigen, bald 97 Jahre, Haft, Ghetto, Arbeitslager, KZ Kaiserwald und Dundangen; bei der Evakuierung auf dem Marsch nach Libau zusammen mit nicht weniger als 300 Häftlingen geflohen.“ Im dichten Fichten- und Tannenwald von Kurland habe er von Juli 1944 bis 9. Mai 1945 ums Überleben gekämpft. Er gehörte zu einer Partisaneneinheit, traf auf einen deutschen Soldaten, Egon Klinke (geb. 23.3.1920, Obergefreiter, 2. Batterie der Heeresartillerie-Abt. 929, 18. Armee): „Ich hatt` einen Kameraden, einen besseren gibt es nicht.“ In der Neujahrsnacht war er unvorsichtigerweise besoffen, sang deutsche Soldatenlieder, wurde erschossen. Nach Vernichtung seiner Einheit schlug er sich allein, bewaffnet mit einem Karabiner ohne Visier, bis zum 9. Mai durch.

„Überlebt. Kaum zu glauben. Was mit dem Leben anfangen?“ Als 16-Jähriger habe er die härtesten Monate im Ghetto erlebt.

Während der Sowjetzeit „gab es keinen Holocaust“. Auf jüdischen Massengräbern kein Zeichen, dass hier Juden ermordet worden waren. Der Bericht eines lettisch-jüdischen Historikers wurde nicht ernst genommen.

Seit 1990 gab es offene Erinnerung, wurde die Tatsache von 73.000 jüdischen Opfern in Lettland bekannt. „Erstmalig konnten wir was sagen, reden.“ Am 17. September 1991 verurteilte das lettische Parlament den Holocaust mit knapper Mehrheit, nur „einzelne Letten“ seien daran beteiligt gewesen. Tatsache war, dass schon bis August 1941 35.000 Juden von Nachbarn ermordet worden waren. Die Frage er Mordhelfer sei bis heute offen. Wenn die Nazis nicht so viele Helfer gehabt hätten, wären sie nicht so erfolgreich gewesen. Erste Beiträge zu dem Thema wurden 1995 gedruckt. 1990 sei er mit seiner Frau Eva erstmalig bei Winni und Angela Nachtwei in Münster gewesen. 1991 entstand der erste Film zu den Riga-Deportationen (mit Irmgard Ohl und Ewald Aul aus Osnabrück und Jürgen Hobrecht als Filmemacher) und mit Hilfe von Anita Kugler (Historikerin, taz-Journalistin) das Museum „Juden in Lettland“.

Auf dem Alten Jüdischen Friedhof am Rand des ehemaligen Ghettoviertels seien die jüdischen Massengräber nicht gekennzeichnet. An der Friedhofsmauer habe es massenweise Hinrichtungen gegeben.

Wie am besten darüber schreiben? An der Gedenkstätte sind auf einer schrägen Betonwand die Namen von 272 Rettern aufgeführt. Inzwischen habe er 519 Retter gefunden, plus 127 Fälle, wo die Retter unbekannt seien. „Man konnte was tun! Mit dem Einsatz eigener Sicherheit, des eigenen Lebens. Sie hatten das Bedürfnis, das zu tun.“ Unter Rettern waren auch deutsche Soldaten. Auch Massenmörder waren in Einzelfällen Judenretter. Unbeantwortet sei die Frage, warum die katholische Kirche bei der Judenrettung aktiver war als die evangelische.

Antworten zu Fragen aus der Gruppe:

– Zu seinem guten Deutsch: Er habe 10 Jahre Deutsch in der Schule gelernt, Juden sprachen in der Vorkriegszeit sowieso viel Deutsch. 1933 wurden sie von den allgemeinen Schulen verwiesen. In jüdischen Schulen wurde Deutsch weiter auf hohem Niveau gelehrt. Bei der sowjetischen Okkupation der baltischen Staaten ab Juni 1940 war in der Jüdischen Gemeinde die Erwartung verbreitet, dass Stalin das kleinere Übel als Hitler sei. Aber im Juni 1941 wurden Juden genauso verhaftet und deportiert wie nichtjüdische Letten. Letztendlich: Aus dem GULAG kamen welche zurück, aus den Massengräbern niemand. Für Juden sei der stalinistische Krieg gegen die Nazis ein jüdischer Krieg gewesen. „Ich konnte etwas mitkämpfen. Das war eine Illusion, aber ein kleiner Trost.“

– Zur Jüdischen Gemeinde heute: Heute leben in Lettland rund 5.000 jüdische Menschen, in der Vorkriegszeit waren es 95.000, in Riga allein 34.000. Als das Ausreiseverbot aufgehoben wurde, begann eine regelrechte Flucht. Viele verfolgte Juden gingen nach Deutschland! „wenn ich ausreisen würde, dann nach Israel.“ Die Kulturarbeit der Jüdischen Gemeinde wird auch vom neuen jüdischen Staat unterstützt, auch das Museum. Von Anfang an habe es gute Beziehungen zum neuen Deutschland, viel Zusammen-arbeit mit der Deutschen Botschaft.

24.605 jüdische Menschen seien nach Riga aus Deutschland deportiert worden – die Zahl stimme aber nicht. Nach seinen Angaben seien es 32.000.

Die Mitglieder des Riga-Komitees danken Margers stehend mit langem, herzlichem Applaus für eine Stunde, die niemand vergessen wird. Ich bekräftige seine Leistung, indem ich an sein/seiner Kameraden Lied aus der Ghettozeit erinnere (er habe es mit Kameraden in einem Strafkommando gesungen, in das er als „Fluchtverdächtiger“ geraten war):

„Erinnere Dich an den Dezember,

den Todestag Deiner Lieben.

Wenn Du überleben solltest,

hast Du eine Aufgabe

für Dein ganzes Leben …“

„Das hast Du in die Tat umgesetzt, über Jahrzehnte, gegen Widerstände.“

Nach vorne kommt ein robuster Mann mittleren Alters. Es ist Elmar, Margers` Enkel, dem wir als Zehnjährigem im Riga der 90erJahre begegneten. Heute ist er seinem Großvater eine Gehhilfe.

Interview mit Margers Vestermanis am 2. Juli 2022, einem heißen Samstagabend

Das Filminterview führt Thomas Rey vom Volksbund, der das Riga-Komitee seit vielen Jahren maßgeblich unterstützt und koordiniert.

Nachdem Margers so oft Interviews zum Holocaust in Lettland hatte, will er heute Neues berichten. Seine Monate mit dem Wehrmachts-Obergefreiten Egon Klinke ab August 1944, Er beginnt mit „Ich hatt` einen Kameraden, einen besseren hatt` ich nicht.“ Im Juni 1944 war Kurland heftig umkämpft. Seit 27. Juli war Magers bei einer Partisaneneinheit im Wald. Es waren Fahnenflüchtige aus der 19. Lettischen-Waffen-SS-Division, aus einem Schuma-Bataillon, fünf, sechs geflohene sowjetische Kriegsgefangene, große Zahl von jungen Burschen, die dem Mordbefehl nicht nachkamen, anfänglich 37 Mann. Ein Mann in Försteruniform wurde geschnappt. „Verräter!“ Er schwieg. „Du spionierst für die Deutschen!“ Zum Kommandeur. Jetzt hatte M. ein Problem. Er war in die Partisaneneinheit mit der Legende aufgenommen worden, er sei Fahnenflüchtiger aus der 15. Lett. Waffen-SS-Division. Der geschnappte „Förster“ war ein deutscher Soldat, Kraftfahrer, bei schweren Kämpfen um Tukum von Lkw geflohen. (…)

Sehr detailliert und konkret berichtet M. von Egon, auch seinem familiären Umfeld, von seinem Ende, vieles auf den Tag genau, mit allen Namen. Von der Bedeutung seines Karabiners: Auch wenn der kein Visier hatte, so war er nicht mehr wehrlos – nach all den Frauen, Kindern, Verwandten in den Gruben, nach Kindern, die ermordet, nicht erschossen wurden, wo er nicht mehr an Gott glauben konnte.

Er schildert auch die Zeit direkt nach der Befreiung, als er sich natürlich nicht ausweisen konnte – bis ihm seine Beschneidung als Beweismittel einfiel.

Gesamtlänge des konzentrierten Interviews eine Stunde 50 Minuten! Ein historisches Interview mit dem letzten noch sprechfähigen Holocaust-Überlebenden in Lettland! Das ganze Interview auf https://www.riga-komitee.eu/zeitzeugeninterview-mit-magers-westermanis , Kapitelübersicht auf https://www.riga-komitee.eu/fileadmin/redaktion_gedenkportal/Riga-Komitee/zum_Zeitzeugeninterview_mit_Margers_Vestermanis.pdf

(8) 2025, 5. Mai, Buchpremiere „Mein Großvater, der Täter“ von Lorenz Hemicker im Gespräch mit Prof. Dr. Carlo Masala – Erinnern für die Gegenwart von Winfried Nachtwei, https://domainhafen.org/2025/05/

(…)

Die Botschaft des fast 100-jährigen Holocaust-Überlebenden und Historikers Margers Vestermanis angesichts der politischen Großwetterlage (zusammengefast aus unseren regelmäßigen Telefonaten)

(Der mehrsprachige Margers beobachtet die politischen Entwicklungen in Lettland, dem Baltikum, in Russland, Deutschland und Europa zeitlebens mit großer Wachsamkeit und enormem historischen Wissen.) 

Am zweiten Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine erinnerte sich der 96-jährige Ghetto-Überlebende, der am 9. Mai 1945 seine Befreiung durch die Rote Armee erlebt hatte, an das Jahr 1939. Damals der deutsche Angriff. Jetzt der russische Angriff. (Er sieht Parallelen und weiß zugleich um die Systemunterschiede.)

Es sei genau wie in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre: Sehenden Auges ließ man Hitler agieren. Dass man das am Lebensende erleben muss, dass die Fehler sich wiederholen, dass die vier Urenkel da ihr Leben beginnen – eine abscheuliche Zeit!

„Für uns Juden ist die Lage besonders dramatisch“: Beim Kampf gegen Hitler sei Russland für uns die große Hoffnung gewesen. Jetzt sei Russland der Feind. Der Feind Europas.

Ganz Europa werde in der Ukraine angegriffen. Wir seien alle gemeinsam Europäer gegen einen gemeinsamen Feind. Wenn wir bloß nationale Interessen verteidigen würden, werde Russland weitere Aggressionen anzetteln! Es gehe nicht nur um die Ukraine, um das Baltikum. Es gehe um die Stellung Russlands, das Aufwachsen des Imperiums, den Westen als Feind.     Wieweit sei das Land und die Bevölkerung bereit, sich der Situation zu stellen? Der russischsprachige Bevölkerungsteil in Lettland befürworte eindeutig die Idee einer russischen Großmacht. Mit Phrasen, Plakaten und Demonstrationen sei wenig geholfen. Es gehe um die Verteidigung Europas. Dazu sei Europa nicht bereit – das sei dramatisch! Reden über Demokratie schön und gut. Aber heute gehe es um Widerstand, militärische Widerstand. Und dafür brauche es Waffen.  Dazu sei die Bevölkerung nicht bereit. Verbreitet seien Verdrängung und Wunschdenken.       Es sei wie am Vorabend des 2. Weltkrieges, als viele nicht sehen und kämpfen wollten.  Dass Europa sehenden Auges ins eigene Unglück gehe, sei nicht zu verstehen!

In seinem Alter sei er vor weiteren schrecklichen Entwicklungen geschützt. Aber er habe Urenkel, die ihr Leben anfangen wollen – in einer hoffnungslosen Situation!

Anmerkung W.N.: In der deutschen Erinnerungskultur bleibt das richtige „Nie wieder!“ meist auf die Bekämpfung von demokratiefeindlichen Ideologien und innenpolitisch beschränkt. Die sicherheitspolitische Dimension des Umgangs mit Friedensbedrohungen und Aggressoren (siehe Art. 1 VN-Charta), das „Nie wieder wehrlos, nie wieder allein!“ bleibt sehr oft ausgeklammert.

(9) 2025, 18. September, Ein Lebens-Erntedankfest – Feier zum 100-jährigen Geburtstag von Margers Vestermanis, von Winfried Nachtwei (September 2025), https://domainhafen.org/2025/09/ , www.facebook.com/winfried.nachtwei

Die Feier zum hundertjährigen Geburtstag von Margers Vestermanis in Riga am 18. September 2025 wurde ein Fest des Wiedersehens, der Dankbarkeit, Ehrung und herzlichen Freude.

Es begann am Vormittag mit dem Besuch des lettischen Staatspräsidenten Edgars Rinkevics in seiner Privatwohnung. (Am 24. September will ihn auch noch Ministerpräsidentin Evika Silina besuchen.) Unter „Heute vor …“ erschien auf https://www.demokratiegeschichten.de/das-grosse-raetsel-der-menschenliebe-margers-vestermanis-zum-100-geburtstag/ , dem Blog von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“, ein Beitrag von Liane Czeremin, der dem Jubilar in besonderer Weise gerecht wird.

Die Feier fand im Großen Saal des Jüdischen Gemeindehauses in der Skolas iela statt. Im Juli 1993 sprach hier im Rahmen des 1. Welttreffens der Lettischen Juden Margers Vestermanis zur ersten Ehrung von Judenrettern durch den lettischen Staat.

Am 18. September 2025 öffnet sich im selben Saal um 16.00 Uhr der Vorhang. Auf blauen Tuchbahnen strahlte eine große 100 in den Saal, links davor sitzt der Jubilar hinter einem Mikrofon, die Hände gestützt auf seinen Gehstock zwischen den Knien. Mit fester, klarer Stimme begrüßt er die Gäste: „Wo ich Sie sehe, schlägt mein altes Herz fröhlich.“

Wie er überlebt habe? In den folgenden 30 Minuten nimmt er die Versammlung mit auf seinen (Über-)Lebensweg, beginnend mit den ersten Monaten der deutschen Okkupation ab Juli 1941, als „unsere Schutzmänner“ auf dem Land wüteten, als in Riga bis September schon 7.000 jüdische Männer erschossen worden waren, darunter sein älterer Bruder. Ende November 1941 gehörte der 16-Jährige zu den 4.000 jüdischen Männern, die zur Zwangsarbeit eingeteilt wurden, während Alte, Frauen und Kinder in Rumbula erschossen wurden, darunter seine Eltern und Schwester.

Aus dem Mund des ehemaligen Ghetto-, dann KZ-Häftlings, Partisanen, des durch die Rote Armee Befreiten, der jetzt allein auf der Welt war, des Historikers des Holocaust unter Betätigungsverbot während der Sowjetzeit kommen diese düsteren Jahre den Gästen ganz nahe. Mit der lettischen Unabhängigkeit kann er seit seinem siebten Lebensjahrzehnt endlich frei zu seinem Lebensauftrag des Berichtens forschen, schreiben und reden. „Ein Traum ging in Erfüllung.“

Der Traum gipfelt auf der Geburtstagsfeier in der Präsentation seines 470-Seiten-Buches „Humanity Wasn`t Dead After All“ über die mehr als 600 Judenretter in Lettland. (Inhaltsverzeichnis am Schluss) An dem Buch arbeitete Margers Vestermanis seit vielen Jahren. In seinem 100. Lebensjahr vollbrachte er sein Hauptwerk. Es soll außer in Lettisch demnächst auch in Englisch und Deutsch erscheinen. Die Idee zum Buchtitelbild von zwei Händen, die behütend wirken (nach der Skulptur „Kathedrale“ von Ogista Rodena), stammt von seiner Urenkelin Undine Culkestena.

Die folgenden über 30 Gratulationsrednerinnen und -redner erhalten alle von einer Urenkelin des Autors sein Werk überreicht. Als erste spricht seine Redakteurin Jolantu Treili und überreicht ihm eine Lilie. Sie sei Symbol der Retter, so Margers, die im schwarzen Sumpf gewachsene weiße Lilie.

Jeweils vorgestellt von Ilja Lenski, dem heutigen Leiter des Museums „Juden in Lettland“ folgen die Präsidentin des Lettischen Parlaments Daiga Mierina, die Kultusministerin Dace Melbarde, ein hoher Vertreter des Außenministeriums, der Präsident des Vereins der Jüdischen Gemeinden Lettlands Arkadi Suharenko, die Direktorin der Stiftung des Janis-Lipke-Memorials, die Botschafter:innen Israels und Deutschlands (Botschafterin Gudrun Masloch verliest das Gratulationsschreiben von Bundespräsident Steinmeier), Ungarns und Österreichs, des Sonderbeauftragten für Beziehungen zu jüdischen Organisationen im deutschen Auswärtigen Amt Botschafter Christian Heldt (mit Verlesung des Schreibens des Vorsitzenden von Yad Vashem), ein ehemaliger Staatspräsident, Leitende der Nationalbibliothek, des Okkupationsmuseums (Prof. Dr. Valters Nollendorfs), des Staatsarchivs, des Kriegsmuseums. Besonders beglückt ist Margers darüber, dass neben dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinde und dem Rabbi der Synagoge die Oberhäupter aller christlichen Konfessionen anwesend sind und dass frühere Streitigkeiten Vergangenheit sind.

Ehemalige Schülerinnen der Jüdischen Mittelschule und ein Student erinnern mit rührenden Worten an ihren „besonderen, lieben Lehrer“, den „Meilenstein unserer Geschichtsstunden“. Aus Deutschland sprechen die Historikerin, Journalistin und Schriftstellerin Anita Kugler, die ab 1989 in der taz über das vergessene Schicksal der baltischen Juden schrieb; die Historikerin Katrin Reichelt von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Bücher über die Hilfe für verfolgte Juden im deutsch besetzten Lettland, Weißrussland und Litauen verfasste, und der Autor dieses Berichts, der 1989 auf der Suche nach den Spuren der in das „Reichsjudenghetto“ Riga verschleppten deutschen Juden Margers Vestermannis kennenlernte und das Deutsche Riga-Komitee seit 2000 unterstützt.

Margers` Sohn, der Arzt Viktors Vestermanis, beendet nach drei Stunden die offizielle Feier mit dem Aufruf, nie mehr gleichgültig zu sein, wenn Menschen erschossen werden. NIE WIEDER!

Danach stehen Dutzende weitere Gäste Schlange, um Margers persönlich zu gratulieren und herzliche Worte zu wechseln, unter ihnen Hermann Kuhn, Unterstützer des Museums von Anfang an und langjähriger Grünen-Politiker aus Bremen, Anna Wiktorin, 2012-15 deutsche Botschafterin in Riga (1992-95 Kulturreferentin) und Thomas Rey, seit mehr als 15 Jahren im Hauptstadtbüro des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge der Ansprechpartner für das Riga-Komitee.

Margers´ vier Urenkelinnen unterstützen ihren Urgroßvater bei der Annahme der zahllosen Blumen und Geburtstagsgeschenke. Es heißt, die alkoholischen Geschenke könnten für die nächsten 20 Jahre reichen.

Beim anschließenden Empfang, spontanem Singen, Anstoßen, Umarmen erlebt der Hundertjährige, der sonst seine Wohnung nicht mehr verlassen kann, eine Sternstunde an herzlicher Zuwendung und Gemeinschaft.

Eröffnet wird im Jüdischen Zentrum die Ausstellung „You Have a Goal in Your Life. Margers Vestermanis – 100“. Sie schildert seine glückliche Kindheit, die Tragödie des Zweiten Weltkrieges und des Judenmordes, die Geschichte seines Überlebens, seine wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit und die Restriktionen des Sowjetregimes, die Gründung des Museums und die ständige Arbeit für die Popularisierung der jüdischen Geschichte und ihres Erbes. Auf einer Tafel heißt es:

„The song that Margers heard in Riga Ghetto from a young fellow inmate named Izja:

Remember the month of December

The day your wife and children died

And you should always remember

What is the goal of your life

I still sing this song at the piano when no one is around, it has become like

a credo for my life.“

Ganz herzlichen Dank den vielen, die diese Geburtstagsfeier so würdig und hell gestaltet haben, an ihrer Spitze Gita Ulmanovska, die Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde, Ilja Lenski, der Direktor des Museums „Juden in Lettland“, und Elmar Vestermanis, die Hauptstütze seines Großvaters!

Gratulationsworte von Winfried Nachtwei aus Münster

Lieber Margers, liebe Familie Vestermanis,

im Sommer 1989 besuchten meine Frau Angela und ich erstmalig das noch sowjetische Riga: aus Interesse an der lettischen Unabhängigkeitsbewegung, auf der Suche nach Spuren Hunderter Juden aus Münster, die Ende 1941 in das deutsch-besetzte Riga deportiert worden waren.

Wir lernten Dich, Margers, und Deine Frau Eva kennen, erlebten Deine Arbeit, den Aufbau des Museums „Juden in Lettland“.

Um die Erinnerung an die 1941/42 rund 25.000 aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Riga deportierten jüdischen Menschen zu wecken und lebendig zu gestalten, entstand im Jahr 2000 auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Deutsche Riga-Komitee. Zu ihm gehörten anfangs 13 Herkunftsorte der Deportationen, inzwischen sind es über 80 Mitgliedsstädte. 60 Jahre nach dem „Rigaer Blutsonntag“ konnte auf den Massengräbern von Bikernieki eine würdige Gedenkstätte eingeweiht werden.

Du, Margers, machtest durch Deine Forschungen, Deinen enzyklopädischen Wissensreichtum und Deine Gesprächsoffenheit möglich, dass endlich auch in Deutschland die Erinnerung an die jüdischen Nachbarn auflebte, von dem über 50 Jahre nur ein „verschollen in Riga“ geblieben war. Die Zeitzeugengespräche mit Dir bleiben Tausenden deutschen Bürgerinnen und Bürgern für immer im Gedächtnis!

Die Nazi-Staatsverbrecher wollten die totale Vernichtung ihrer jüdischen Opfer, auch jeder Erinnerung an sie. Du hast ihnen mit Deiner unermüdlichen Forschungs- und Aufklärungsarbeit einen Strich durch die teuflische Rechnung gemacht. Du hast sie auf diesem Feld besiegt.

Zugleich hast Du mit Deinem Buch über die Judenretter in Lettland ein großes Zeichen der Hoffnung geschaffen.

Margers, Du bist ein Glücksfall für das demokratische Lettland und für das demokratische Europa!

Als wir kürzlich über die düsteren und äußerst beunruhigenden Entwicklungen in Europa und weltweit telefonierten, da war Deine Botschaft aus Deiner 85-jährigen Erfahrung unermüdlich: WIR KÄMPFEN WEITER! WEITERMACHEN!

Als Geburtstagsgeschenk habe ich für Margers eine 22-seitige Fotodokumentation zu seinen / unseren letzten 36 Jahren zusammengestellt: „Dem Pionier und Großmeister der Erinnerung gegen die Unmenschlichkeit zu seinem Hundertjährigen“.

INHALTSVERZEICHNIS von „Die Menschlichkeit war doch nicht tot

I. Die Zeit des Krieges 17

II. Zwei Okkupationen 55

III. Jüdischer Widerstand 87

IV. Das Phänomen der Retter 157

V. Die Retter und die Geretteten 209

I. Periode: Sommer 1941 215

II. Periode: Herbst 1941 – Sommer 1943 254

III. Periode: Ende 1943 – 9. Mai 1945 322

Die Retter sind nicht zu töten 383

Weder Retter noch Gerettete sind bekannt 412

(…)

(10) 2036, Anfang Juli, Begegnungen im Kontext der 5. Gedenkreise des Deutschen Riga-Komitees

Am 3. Juli Teilnahme an der offiziellen Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zum lettischen Holocaust-Gedenktag an der Ruine der Großen Choral-Synagoge / Holocaust-Denkmal an der Ecke ehem. Gogolstr.(Drei Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Riga wurde am 4. Juli 1941 die Synagoge mit mehreren hundert jüdischen Menschen von einer 15 Mann starken Gruppe des lettischen Arajs-Kommandos verbrannt.)

Vor einigen hundert Menschen sprechen der neue Ministerpräsident Andris Kulbergs, der Älteste des Parlaments, der Vorsitzende des Stadtrats, der Jüdischen Gemeinde, Botschafterinnen, der Sohn des langjährigen Präsidenten der „Jewish Survivors of Latvia“, eine Vertreterin des Riga-Komitees, moderiert von Ilya Lenski, Direktor des Museums „Jews in Latvia“.  Neben der Reihe der offiziellen Redner und Rednerinnen sitzt Margers, der sonst seine Wohnung seit etlichen Jahren nicht mehr verlassen kann, im Rollstuhl. Wie in jedem Jahr spricht er auch heute, unbeeindruckt vom Starkregen, mit fester Stimme. (s. Fotos)

Erleichterung äußert er anschließend, dass die politischen Spitzenvertreter den lettischen Antisemitismus so konkret verurteilt hätten wie nie zuvor. „Dafür muss man 100 Jahre alt werden!“ Berührend ist, wie der neue Ministerpräsident Andris Kulbergs, ein Zwei-Meter-Mann, nach der Veranstaltung zu Margers geht, vor ihm kniet, beide sich an den Händen halten und lebhaft und zugewandt miteinander sprechen.

Besuch bei Margers Vestermanis zuhause: Am Folgetag treffe ich Margers in seiner Wohnung. Als erstes begrüßt mich an der Tür eine kleine Hündin, „Mona“, von Margers Mona Lisa genannt. Er berichtet: Wenn Mona Lisa morgens mit ihrer Herrin Tatjana (eine der vier im Wechsel Margers umsorgenden Damen) in die Wohnung komme, dann flitze sie direkt unter Margers` Bettdecke. Sie ist ihm ein kleines Alltagsglück. (vgl. Foto von Anita Kugler vom März) Sechs Stunden verbringen wir miteinander, von der sehr zugewandten Tatjana bestens mit leckeren Speisen versorgt.

Themen sind zuerst der Stand der Deutsch-Übersetzung seines im September letzten Jahres erschienen Buches und Lebenswerks über die Judenretter in Lettland (Arbeitstitel „Menschlichkeit ist nicht vergebens“). Es könnten insgesamt um 1.000 Retter gewesen sein. Ein Buch dieser Art gebe es in ganz Europa nicht.

Dann die Rolle der lettischen Milizen bei der massenhaften Ermordung der jüdischen Bevölkerung auf dem Land in den ersten Monaten der deutschen Besatzung, die „Eigeninitiativen“ der Wehrmachts-Kommandanturen bei der Kennzeichnung von Juden und ersten Erschießungsaktionen; Vergewaltigungen vor und während Erschießungen; Zwangsarbeit im KZ Kaiserwald und SS-Lager Poperwahlen in Kurland (Torfstechen) und sein bester Freund Joel Weinberg, sein „Mentor“; Todesangst, die im Unterleib zu spüren war; Schuldgefühle von Überlebenden („keiner von der Familie überlebte, habe kein Recht zu vergessen“); ein Artikel zu seinem Hundertsten hatte die Überschrift „Die trotzige Schnecke“ (die Vergangenheit wie ein Schneckenhaus, er wird sie nicht los); im Lettischen Geschichtsarchiv (60er Jahre) seine Arbeit an der Studie „Wir klagen an“, Publikationsverbot und Rauswurf.

Themen sind aber auch die allgemeine sicherheitspolitische Lage angesichts des russischen Angriffskrieges; die so notwendige wie unzureichende westliche Hilfe für die Ukraine; die große Sorge um die Zukunft der prächtigen Urenkelinnen; was tun gegen den Anstieg der AfD in Deutschland?

Beim Abschied ist ungewiss, ob wir uns wiedersehen. Er ist bereit zu gehen. Aber ganz selbstverständlich bleiben wir beim „bis zum nächsten Mal!“

(11) Beerdigung von Margers Vestermanis auf dem Neuen Jüdischen Friedhof „Smerli“ am 4. August, gestorben am 30. Juli.

Im Trauersaal des Friedhofs ist Margers hinter einem Hügel von Blumen aufgebahrt. Rundum stehend hören der Sohn Viktors mit Frau, die Enkel Sandra und Elmars, die vier Urenkelinnen und rund 150 Trauergästen die 25-minütige Trauerrede. Aus Deutschland sind seine langjährigen Freunde Anita Kugler (Berlin), Hermann Kuhn (Bremen) und ich angereist. Anschließend verabschieden sich seine Nächsten und etliche Trauergäste von dem im offenen Sarg ruhenden Margers, streicheln seine Stirn, seine Hände, auch Anita Kugler und ich.

Der Trauerzug bewegt sich zum Grabstein des Ehepaars Vestermane/is, wo die am 31. März 2022 gestorbene Hava begraben ist und auf dem Grabstein seitdem unter Havas Namen schon der von Margers mit dem Geburtsdatum 18.9.2025 eingraviert ist.

Nach dem Herablassen des Sargs sprechen und singen ein Kantor aus Riga (auch auf Yiddisch) und einer aus Osnabrück. Bedienstete des Friedhofs schaufeln das Grab zu und bilden eine sargähnlichen Hügel, auf den Kränze und Dutzende Blumensträuße abgelegt werden.

Viele tragen sich in das ausliegende Kondolenzbuch ein, darunter mehrere Botschafterinnen (Israel, Deutschland, Österreich, Ungarn). Am Folgetag trage ich im Zentrum der Jüdischen Gemeinde meine Beileidsworte und im Auftrag auch welche für Lorenz-Hemicker, FAZ-Redakteur und Autor von „Mein Großvater der Täter“, in das Kondolenzbuch ein.

Besuch am Grab von Margers einen Tag später: Ein Blumenhügel umhüllt Margers` Grabstätte. Auf der Rückseite des Grabsteins steht seit Aufstellung in Erinnerung an seine 1941 ermordeten Eltern, Bruder, Schwester:

„Holokausta 1941.gada

Noslepkavotas gimenes

Poeminai

Abrams Vestermanis 1882.21.XI

Roza Vestermane 1894.25.I

Arons Vestermanis 1921.20-VII

Sonja Vestermane 1923.7.II

(In seinem Arbeitszimmer hatte Margers links neben seinem Schreibtisch immer die Fotos der lebenden Eltern und Geschwister vor Augen)

Allein mit Margers und Hava kann ich mit ihnen innere Zwiesprache halten.

NACHRUFE

Latvia: The historian Margers Vestermanis, the award-winning founder and long-time former director of the “Jews in Latvia” museum, has died, aged 100, 31. July 2026, https://jewish-heritage-europe.eu/2026/07/31/latvia-vestermanis-obit/

Nichts vergessen, aufschreiben, Zeugnis ablegen – Margers Vestermanis war der letzte Überlebende von Ghetto, KZ und Waldbrüderzeit in Lettland. Zugleich war er Historiker des Holocausts. Ein Nachruf von Anita Kugler, 5. Juli 2026, https://taz.de/Historiker-Margers-Vestermanis-gestorben/!6201455/

Trauer um Margers Vestermanis, Nachruf von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., https://gegen-vergessen.de/news/trauer-um-margers-vestermanis/

Margers Vestermanis: ein großer europäischer Brückenbauer, Nachruf von Thomas Rey (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) für das Deutsche Riga-Komitee, https://www.riga-komitee.eu/aktivitaeten/ueberblick/meldung/margers-vestermanis-ein-grosser-europaeischer-brueckenbauer

Trauer um Margers Vestermanis – Eine Biografie aus dem Baltikum als Beweis für Mut in den unterschiedluichen Zeitläufen. https://www.stadt-muenster.de/villa-ten-hompel/trauer-um-margers-vestermanis

Holocaust-Überlebender und Historiker Margers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben, Nachruf, Jüdische Allgemeine, https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/holocaust-ueberlebender-und-historiker-margers-vestermanis-mit-100-jahren-gestorben/

Zu den Fotos (nur auf Word-Dokument)

1) Rede von Margers Vestermanis am 3. Juli 2026 zum lettischen Holocaust-Gedenktag

2) Begegnung zwischen Ministerpräsident Andris Kulbergs und Margers Vestermanis

3) Margers mit dem Hündchen Mona in seiner Wohnung, im Hintergrund Fotos seiner Frau Hava und rechts er mit der lettischen Präsidentin Vaira Vike-Freiberga (Foto von Anita Kugler, März 2026)

WEITERE BEITRÄGE

– Zeitzeugengespräch mit Margers Vestermanis über seine Zeit bei einer lettischen pro-sowjetischen Partisaneneinheit (27.7.1944-9.5.1945) am 2. Juli 2022, 1:50, https://www.riga-komitee.eu/zeitzeugeninterview-mit-magers-westermanis

– Buchpremiere „Mein Großvater, der Täter – eine Spurensuche“ (zur Tätergeschichte des „Rigaer Blutsonntags“) von Lorenz Hemicker im Gespräch mit Prof. Dr. Carlo Masala – Erinnern für die Gegenwart, 13.05.2025, mit aktueller Botschaft von Margers Vestermanis und Bericht von der ersten Begegnung mit ihm 1989 in Riga, https://domainhafen.org/2025/05/13/buchpremiere-mein-grossvater-der-taeter-von-lorenz-hemicker-im-gespraech-mit-prof-dr-carlo-masala-erinnern-fuer-die-gegenwart/ ; www.facebook.com/winfried.nachtwei

Bericht von der 4. Gedenkreise des Dt. Riga-Komitees, Oktober 2022, https://domainhafen.org/2022/11/02/bericht-von-der-4-gedenkreise-des-dt-riga-komitees-meilensteine-der-erinnerung-traumatische-erfahrungen-mit-50-jahren-wechselnder-okkupationen/

Erinnere dich des Monats November“ – Zur Vortragsreise des lettischen Historikers Margers Vestermanis, von Anita Kugler, 23.11.1996, https://taz.de/Erinnere-dich-des-Monats-November/!1427002/

Stofffetzen mit Nummern – In Riga wird heute das Museum „Juden in Lettland“ eröffnet. Seine Entstehung verdankt es der Zähigkeit des Ghetto-Überlebenden Margers Vestermanis, von Anita Kugler, 6.5.1996, https://taz.de/Stoffetzen-mit-Nummern/!1458687/

1 Hans-Heinrich Wilhelm, Die Einsatzgruppe A der Sicherpolizei und des SD 1941/42, Frankfurt/M. 1996, S. 114

2 Das Kommando Arajs umfasste im Juli 1941 rund 100 Mann und wuchs bis 1943 auf 1.219 Mann (Vestermanis). Ihm sollen direkt mindestens 26.000 Menschen zum Opfer gefallen sein.

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