Meine Rede bei der Kundgebung zum 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine in Münster – „Zusammen geht was“

Eine bunte, kreative, lebensfrohe Veranstaltung, die einherging mit Erschütterung, Trauer, Anklage und ungebrochenem Widerstandswillen, getragen von Zusammenhalt.

Kundgebung zum 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine „zusammen geht was“ mit meiner Rede am 24. August 2026 in Münster vor dem Historischen Rathaus

Winfried Nachtwei (25.08.2026)

(auch auf www.domainhafen.org , Bilder auf www.facebook.com/winfried.achtwei )

Rund acht Stunden begingen ukrainische Vereine und Mitbürger:innen den 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine vor dem Historischen Rathaus (des Westfälischen Friedens) auf dem Prinzipalmarkt. Es war eine bunte, kreative, stimmungsvolle und lebensfrohe Veranstaltung, einhergehend mit erschütternden Berichten aus dem Krieg, Trauer um die gefallenen und terrorisierten Angehörigen, zugleich mit ungebrochenem Widerstandswillen, klaren politischen Botschaften und glaubwürdiger Solidarität bei der Kundgebung.

Veranstalter waren der Verein „UAre-Ukrainehilfe aus aller Welt“ aus Greven, der Verein „Ukrainische Sprache und Kultur“ in Münster, die Abteilung „Weltkirche“ des Bistums Münster und andere. Mit Informationsständen, Workshops, Mitmachangeboten, mit ukrainischer Musik und Tanz mit dem Duo Religimus aus Bielefeld, dem Impala Projekt aus Osnabrück, dem Chor Tscherwona Kalyna („Roter Schneeball“) und der Tanzgruppe Ptashky (Kinder + Jugendliche zwischen 6 + 19 Jahren) aus Münster. Zwischendurch wirbelte eine Fahnentänzerin mit den blau-gelben Hälften der ukrainischen Nationalfahne über das Pflaster des Prinzipalmarkts.

Olga Stromberger und Mariya Sharko leiteten und moderierten die Veranstaltung wie immer motivierend, locker und souverän.

Um 17:00 Uhr folgte die Kundgebung: Nach der mit Inbrunst gesungenen ukrainischen National-hymne sprachen Oberbürgermeister Tilman Fuchs, Weihbischof Stefan Zekorn, Winni Nachtwei und Kajo Schukalla (Gesellschaft für bedrohte Völker).

Während der Kundgebung wurde das „Tuch der Unzerbrechlichkeit“ vorgestellt. 21 ukrainische Frauen hatten das 3,5 Meter lange Tuch innerhalb eines Jahres in Handarbeit bestickt. Das Tuch steht für Zusammenhalt, Hoffnung, Verbundenheit mit der Heimat. Es wurde offiziell in das Buch der Rekorde der Ukraine aufgenommen. Die beteiligten Frauen bekamen von OB Fuchs und Bischof Zekorn persönliche Urkunden dazu überreicht.

Nach der Kundgebung zogen über 200 Menschen mit dem Tuch der Unzerbrechlichkeit, einem mehr als 20 Meter langen ukrainischen Fahnentuch, mit Musik und gemeinsamen Liedern zu den Aaseekugeln. In der herrlichen Abendsonne schufen die breit hinter Fahne und Tuch aufgestellten Demonstrant:innen das Bild einer menschlich strahlenden Ukraine. Hier war so viel freundlicher und herzlicher Zusammenhalt sichtbar und spürbar wie sonst bei politischen Veranstaltungen nur sehr selten.

Presseberichte: ´Dank an Münster`: Ukrainische Vereine feiern Unabhängigkeitstag“. Artikel von Milan Blau in den Westfälischen Nachrichten (kaum zur Kundgebung), 25.08.2026, https://www.wn.de/muenster/unabhaengigkeitstag-ukraine-muenster-kundgebung-3625902 . Umfassend auch zur Kundgebung Ukraine-Tag unter dem Motto ´Zusammen geht was!` in Münster“ von Anke Lucht auf der Seite des Bistum Münster, 25.08., https://www.bistum-muenster.de/startseite_aktuelles/newsuebersicht/news_detail/ukraine_tag_unter_dem_motto_zusammen_geht_was_in_muenster

Meine Rede

Guten Tag, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Ukraine, dem Münsterland oder beiden,

zuerst ganz herzlichen Dank den Sängerinnen und Sängern, Tänzerinnen und Tänzern für Ihre schwungvollen Lieder und Tänze. Sie waren Ausdruck – trotz alledem – von voller Lebensfreude.

Sehr danken möchte ich auch Oberbürgermeister Fuchs und Bischof Zekorn für Ihre sehr klaren, entschiedenen und vor allem glaubwürdigen Worte.

Herr Bischof, sehr zutreffend war auch, was der neue Bischof der Diözese Münster, Heiner Wilmer, in dem großen WN-Interview am letzten Samstag sagte: Es sei „richtig, dass Europa wehrhaft bleibt und sich an die Seite jener stellt, die Opfer sind. Es kann nicht sein, dass ein großer Aggressor Länder frisst und wir tatenlos zusehen.“

Vor 31 Jahren, im Juni 1995, besuchte ich mit einer Delegation des Verteidigungsausschusses des Bundestages erstmalig die Ukraine. Der deutsche Botschafter betonte, dass die Ukraine national immer fremdbestimmt gewesen sei.

Vier Jahre nach der Unabhängigkeit bestand die Absicht, den Umfang der ukrainischen Streitkräfte von 520.000 Soldaten auf 220.000 mehr als zu halbieren. Man habe keine Feinde mehr. Das Land mit dem drittgrößten Atomwaffenarsenal auf der Welt war bereit, auf die Atomwaffen zu verzichten. Man könne sie sich nicht mehr leisten.

In Odessa, der „Perle am Schwarzen Meer“, erlebten wir eine sehr grüne Stadt, lauter Alleen, einmalig viele Straßenlokale. Ganz anders als sonst in der (ehemaligen) Sowjetunion.

Jetzt, am letzte Freitag: Bischof Zekorn sprach es an, den Drohnenangriff auf ein Einkaufszentrum in Krywyj Rih, der Heimatstadt des Präsidenten, zur Einkaufszeit: Nach dem ersten Angriff nach einer halben Stunde der zweite gegen die Rettungskräfte, 16 Tote, 130 Verletzte. Ich hatte viele Jahre mit dem Afghanistaneinsatz zu tun. Das erinnerte mich an die Taktik der Terroranschläge der Taliban: nach dem ersten Anschlag z.B. gegen eine Schule mit Abstand ein zweiter, um Rettungskräfte und Helfer zu zerfetzen. Jetzt in der Ukraine jeden Tag und jede Nacht Staatsterrorismus gegen Zivilbevölkerung!

In der Nacht zum letzten Donnerstag Angriff auf Kiew über neun Stunden, 170 Drohnen, Marschflugkörper und Dutzende ballistische Raketen. Einschläge an neun Stellen in drei Stadtbezirken, 15 Tote.

Am 14. Juli wurde das Nationale Kunstmuseum in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, durch eine Drohne stark beschädigt, 1.000 Grafiken beschädigt. In der Region Charkiw wurde seit 2022 bisher 300 Architekturdenkmäler zerstört bzw. beschädigt und 375 Kulturobjekte wie Bibliotheken, Theater … Angriffe auf die Kultur, die Seele der Ukraine.

Am 15 Juni Angriff auf die Kathedrale „Mariä Himmelfahrt“ im Kiewer Höhlenkloster, einen Ort höchster symbolischer Bedeutung für die Ukraine und Russland. Das 1051 gegründete Kloster gilt als heiligster Ort aller orthodoxen Kirchen in der Ukraine, in Russland und Belarus. In der Nähe wurde auch das Filmstudio „Oleksandr Dowschenko“, „das ukrainische Babelsberg“, schwer getroffen. Dabei wurde die größte Kostümsammlung der Ukraine zerstört.

Im Juli 2026 kamen in der Ukraine mit 437 Ziviltoten so viele Zivilpersonen durch Kriegshandlun-gen um`s Leben wie nie seit dem Mai 2022.

Bei den westlichen Nachbarn der Ukraine und in Deutschland: DARAN DÜRFEN WIR UNS NICHT GEWÖHNEN!

Gestern besuchte der deutsche Außenminister Johann Wadephul Charkiw im Nordosten, 30 km von der Front entfernt. In der Tagesschau gestern Abend seine Wagenkolonne, rechts und links immer wieder zerstörte Tankstellen. Der Besuch ständig begleitet durch Luftalarme. Der Minbisterbesuch war ein sehr wichtiges und glaubwürdiges Zeichen: „Wir sehen hin! Wir bleiben an Eurer Seite, lassen nicht mit unserer Unterstützung nach.“

Ein Thema bei den Gesprächen war auch die weitgehende Wehrlosigkeit gegenüber ballistischen Raketen. Drohnen sollen wohl zu 90% abgeschossen werden. Gegenüber ballistischen Raketen sind aber nur die Raketenabwehrraketen Patriot wirksam. Und die sind äußerst Mangelware. Die USA haben einen Großteil ihrer Bestände im Kontext des Iran-Krieges verschossen. Andere Länder wie Spanien, Griechenland, Südkorea, Japan verfügen noch über gewisse Bestände, sagen aber, auf sie nicht verzichten zu können. Entscheidend kommt es deshalb darauf an, beschleunigt Raketenab-wehrsysteme und -raketen zu produzieren. Hierzu gibt es eine französisch-italienische Initiative. Die muss die Bundesregierung schleunigst unterstützen. (Am Folgetag dazu genauere Informationen in der FAZ: Es geht um das französisch-italienische Boden-Luft-Raketensystem SAMP/T und die zugehörigen Aster-Lenkflugkörper zur Abwehr von Flugzeugen, Marschflug-körpern und ballistischen Raketen auf bis zu 150 km. Mit den jüngst freigegebenen EU-Geldern für Waffenhilfe wird die ukrainische Regierung mehrere Batterien SAMP/T kaufen.)

Solidarität von unten: Das ist ein Thema der hohen Politik, das wir nicht beeinflussen können. Aber deshalb sind wir nicht ohnmächtig. Im letzten Winter produzierten ukrainische Frauen im Keller des Franziskus-Hospitals aus Wachsresten Massen an Dosenkerzen. Die schufen Licht und Wärme zu Zeiten, als russische Angriffe auf die Energieversorgung zielten und den Krieg zur Waffe machten. Oder Hilfsgüter wie Powerbanks, Trockenduschen und Staubinden, die von Olga und UAre Charity mit Hilfe von Spendengeldern besorgt und in die Ukraine geschafft wurden. https://www.facebook.com/profile.php?id=100091381386724&locale=is_IS ; https://www.instagram.com/uare_charity/ Also: Im Internet nachsehen, spenden, wirksam helfen!

Die Losung heute Zusammen geht was!“

Zusammenhalten für die Unabhängigkeit und das Überleben der Ukraine: DAS GEHT UNS ALLE AN! Das ist im deutschen und europäischen demokratischen Interesse insgesamt!

Es lebe die Ukraine! Slava Ukrajinu! Für gerechten Frieden!

ERGÄNZUNG

Im Vorfeld hatte ich an drei weitere mögliche Botschaft gedacht, diese aber wg. selbstverständlich begrenzter Redezeit nicht angesprochen:

Das Vermächtnis von Margers Vestermanis, des letzten Holocaust-Überlebenden und letzten ehemaligen jüdischen Partisan in Lettland, Freund seit Anfang der 1990er Jahre. Am 30. Juli ist er im Alter von fast 101 Jahren gestorben.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine erinnerte ihn von Anfang an an die selbst erlebten 1930er Jahre: Als in Westeuropa die Aggressivität Nazi-Deutschlands verkannt und verharmlost wurde, die Staaten wehrlos und jeweils auf sich gestellt waren und damit ermöglichten, dass Nazi-Deutschland seine Nachbarn der Reihe nach überfallen, besetzen und vor allem im Osten mit Vernichtung überziehen konnte. Margers äußerte bis in jüngste Zeit immer wieder die Befürchtung, dass sich die Fehler von damals wiederholen würde. Ganz Europa werde in der Ukraine angegriffen. Wir seien alle gemeinsam Europäer gegen einen gemeinsamen Feind. Wenn wir bloß nationale Interessen verteidigen würden, werde Russland weitere Aggressionen anzetteln! Es gehe nicht nur um die Ukraine, um das Baltikum. Es gehe um die Stellung Russlands, das Aufwachen des Imperiums, den Westen als Feind.

Mit Phrasen, Plakaten und Demonstrationen sei wenig geholfen. Es gehe um die Verteidigung Europas. Dazu sei Europa nicht bereit – das sei dramatisch! Reden über Demokratie schön und gut. Aber heute gehe es um Widerstand, militärischen Widerstand. Und dazu brauche es Waffen. Dazu sei die Bevölkerung nicht bereit. Verbreitet seien Verdrängung und Wunschdenken.

Die zweite Aussage des neuen Bischofs von Münster, Heiner Wilmer, zu Krieg und Frieden in seinem großen WN-Interview am 22. August: „Im Krieg muss der Frieden vorbereitet werden. Das heißt, schon jetzt muss alles dafür getan werden, die Nachkriegszeit vorzubereiten, den Wiederaufbau, die Gerechtigkeit und die Frage, wie wir mit der nachwachsenden Generation umgehen.“

Völlig richtig. Das lenkt den Blick auf die zivile Unterstützung der Ukraine. Sie ist für das Überleben und die Zukunft der Ukraine elementar wichtig, wird aber angesichts des verbreiteten Tunnelblicks oft nur auf die militärische Dimension bei uns kaum wahrgenommen. Seit Jahren wird damit die Lebens- und Durchhaltefähigkeit, die Resilienz und Widerstandskraft der Ukraine gestärkt:

z.B. durch Unterstützung der Dezentralisierungsreform in der Ukraine durch EU und GIZ seit 2014; z.B. Finanz-, Wirtschafts-, Wiederaufbau und humanitäre Hilfe;

zum Beispiel durch die zivile EU Advisory Mission (EUAM) Ukraine mit ihren insgesamt 437 Mitarbeiter:innen, davon 228 internationale aus 23 EU-Staaten und 209 nationale. Ihre Hauptaufgaben sind Unterstützung bei der zivilen Sicherheitssektorreform, Förderung von Rule of Law, Unterstützung bei der Verfolgung internationaler Kriegsverbrechen, Abwehr hybrider Bedrohungen, Reintegration von Veteranen. EUAM UKR ist die einzige zivile EU-Mission in einem Kriegsgebiet, die riskanteste und für europäische Sicherheit wohl wichtigste. Geleitet wird sie seit Anfang Juli durch die äußerst erfahrene, vom Zentrum Internationale Friedenseinsätze (ZIF) sekundierte deutsche Peacekeeperin Cornelia Taylor. Ein Vertrauensbeweis sondergleichen!

Thomas Körner, Head of International Crimes Legal Unit bei EUAM UKR. wurde bei der Feierstunde zum Tag des Peacekeeping am 11. Juni 2026 für seinen Einsatz ausgezeichnet – wie ein Jahr zuvor Cornelia Taylor. (Interview mit ihm bei „Matthay fragt“ auf rbb-inforadio https://www.inforadio.de/rubriken/debatte/matthay-fragt/2026/06/thomas-koerner-peacekeeper-des-jahres-eu-beratungsmission-ukraine.html

An diesem Kundgebungsort fällt mir was auf

Am zweiten Kriegstag, dem 25. Februar 2022, versammelten sich an dieser Stelle überraschend rund 5.000 Menschen zum Protest. Zu den Solidaritätskundgebungen an den Jahrestagen des Großangriffs auf die Ukraine und zum Unabhängigkeitstag am 24. August kamen seitdem nur noch wenige hundert Menschen, überwiegend ukrainische Frauen, Kinder und wenige Männer zusammen, kaum Deutsche.

Anlässlich der Neujahrsempfänge der AfD im Rathaus-Festsaal protestierten hier jedes Mal viele Tausende. Zu Recht. Wo sind sie jetzt? Warum kein Massenprotest gegen den Angriffskrieg des Großen Bruders der AfD (und des BSW) und für Solidarität mit der überfallenen Nachbarn in der Ukraine und unter uns? Demokratischer Protest gegen die antidemokratische AfD müsste doch eigentlich selbstverständlich einhergehen mit Protest gegen einen russischen Neoimperialismus, der Staatsterrorismus gegenüber der ukrainischen Zivilbevölkerung praktiziert und hybrid immer stärker das demokratische Europa attackiert.

Weitere Beiträge

Meine Reden auf allen Kundgebungen zur Ukraine-Solidarität in Münster auf www.domainhafen.org , Fotos immer auf www.facebook.com/winfried.nachtwei

 

 

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