den ALTERNATIVEN Westfälischen Friedenspreis für Connection e.V.
Chance zum Friedensdialog? Zum Streit um den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens der WWL 2026 für die NATO und den Alternativen Westfälischen Friedenspreis für Connection e.V. Winni Nachtwei1 (16.09.2026)
Podcast „Friedensfall“ der Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe (WWL) e.V.: Wulf Schmiese (ZDF), https://podcasts.apple.com/us/podcast/friedensfall-der-wwl-podcast-zu-freiheit-frieden-und/id6788697667, mit Annegret Kramp-Karrenbauer, Heribert Prantl, Reinhard Zinkann, Mona Neubaur
Den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens erhalten in diesem Jahr die NATO und das junge Netzwerk „SocioMovens, Giving Europe a Soul“. Letzteres findet volle Zustimmung, aber – da unstrittig positiv – auch wenig öffentliche Beachtung. ( https://www.sociomovens.de/ ) Strittig hingegen ist die Preisverleihung an die NATO. (Begründung: https://www.wirtschaftliche-gesellschaft.de/media/pages/presse/friedenspreis-2026/54770b6cef-1762254567/2026_pm_wwl_ipwf_26.pdf . Der Streitfaktor bietet die Chance, die Schlüsselfrage „Was braucht Frieden heute?“ im Dialog zu diskutieren, zu klären, sich vielleicht sogar zu verständigen. Die Chance würde vertan, wenn der Streit aus Schützengräben geführt würde.
Der Internationale Westfälische Friedenspreis für die NATO
Die Präambel und Artikel 1 und 2 des Nordatlantikvertrages vom April 1949 bestimmen in Übereinstimmung mit der Satzung der Vereinten Nationen den Friedensauftrag der NATO einschließlich des Völkerrechts der individuellen und kollektiven Selbstverteidigung gegenüber bewaffnete Angriffen. Diese Völkerrechtsbindung ist elementar und ausdrücklich zu begrüßen.
Im Kalten Krieg ging der Erhalt und die Weiterentwicklung der „gemeinsamen Widerstandskraft gegen bewaffnete Angriffe“ (Art. 3 NATO-Vertrag) einher mit einem gigantischen Wettrüsten. Bei der atomaren Abschreckung wurde für den Fall ihres Versagens eine atomare „Heimatverteidigung“ vorbereitet. 1983 schrammten die beiden Militärblöcke knapp an einem Atomkrieg „aus Versehen“ vorbei. Zugleich spricht einiges dafür, dass damals die beidseitige atomare Maximalabschreckung dazu beigetragen hat, eine kriegerische Konfrontation zwischen Ost und West zu verhindern. Überschattet wurde der Friedensauftrag der NATO durch wichtige Mitglieder, die außerhalb der NATO in Vietnam, in Kolonien und anderswo völkerrechtswidrig Kriege führten. Das Demokratie- und Freiheitsversprechen des NATO-Vertrages wurde zudem durch Diktaturen in einzelnen Mitgliedsstaaten (Portugal, Griechenland, Türkei) konterkariert.
Seit Ende des Kalten Krieg fördert die NATO mit dem Partnership-for Peace-Programm die militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit europäischen und asiatischen Nicht-NATO-Mitgliedern zwecks Vertrauensaufbau, Kooperation bei Kriseneinsätzen, Förderung demokratischer Kontrolle von Streitkräften u.a.. Dies waren wichtige Stabilisierungsbeiträge in einer Umbruchphase.
Out-of-area-Einsätze (außerhalb des Bündnisgebietes) der NATO begannen 1992 mit der Überwachung des Waffenembargos und der Durchsetzung der Flugverbotszone zu/über Bosnien-Herzegowina – beides mit Mandat des UN-Sicherheitsrates. Zur Verteidigung der UN-Schutzzone Srebrenica (und damit zur möglichen Verhinderung des Völkermordes dort) trugen im Juli 1995 Kampfflugzeuge der NATO nicht bei. Ende August 1995 zwangen NATO-Kampfflugzeuge die bosnisch-serbische Armee zum Rückzug und befreiten damit Sarajevo nach 1.425-tägiger Belagerung. Es folgte die Absicherung des Friedensvertrages von Dayton durch NATO-Truppen mit UN-Mandat, wodurch der Bosnienkrieg beendet und ein Wiederaufflammen bis heute verhindert wurde. 1999 setzte die NATO erstmalig kriegerische Militärgewalt ein: gegen die (Rest-)Bundesre-publik Jugoslawien, um eine lt. UN-Generalsekretär Kofi Annan drohende humanitäre Katastrophe durch Massenvertreibungen zu stoppen. Dies geschah ohne UN-Mandat, verhinderte aber eine Totalvertreibung der Kosovo-Albaner (ein „zweites Bosnien“). Dass es nach 1999 auf dem Balkan zu keinen weiteren kriegerischen Konflikten kam, ist wesentlich der Präsenz von NATO-Truppen zu verdanken. Die bis heute andauernde Kriegsverhütungsleistung von KFOR im Kosovo ist allerdings seit Jahren weitgehend in Vergessenheit geraten.
Das multinationale Zusammenwirken in der NATO ist umfassend, eingespielt und integriert. Es praktiziert gemeinsame Sicherheit. Die „Alternative“ wäre Renationalisierung von Sicherheit.
Der längste NATO-Einsatz war über 18 Jahre der in Afghanistan, 2003 begonnen als UN-mandatierter Stabilisierungseinsatz zur Absicherung des Peacebuilding. Nach Zwischenerfolgen in den Anfangsjahren scheiterte der größte, teuerste und opferreichste Kriseneinsatz der – vor allem westlichen – Staatengemeinschaft 2021. Angeordnet durch zwei US-Präsidenten ließ die NATO ihre afghanischen Verbündeten im Stich.
Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine, der Vernichtungskriegsführung gegen die Lebensgrundlagen der ukrainischen Zivilbevölkerung, den offen proklamierten großrussischen Imperialismus und den eskalierenden hybriden Angriffen auf das demokratische Europa ist die NATO so sehr ein Garant für die europäische Friedensordnung wie kaum je zuvor. Für das demokratische Europa ist sie eine Überlebensversicherung – und durch das unberechenbare Bündnisverhalten von US-Präsident Trump hoch gefährdet.
In Münster befindet sich seit 1995 das Hauptquartier des 1. Deutsch-Niederländischen Korps. In dem Gebäude am Schlossplatz, das während der deutschen Angriffskriege gegen die europäischen Nachbarn Sitz des Befehlshabers des Wehrkreises VI (Rheinland und Westfalen) war. Aus ihm wurden 14 Heeresdivisionen in den Krieg geschickt, der Großteil ab Juni 1941 in den Vernich-tungskrieg gegen die Sowjetunion, zwei im Mai 1940 gegen Belgien und die Niederland. Dass im Deutsch-Niederländischen Korps Nachkommen der ehemaligen Kriegsgegner seit Jahrzehnten hervorragend zusammenwirken, ist ein Vertrauensbeweis sondergleichen und ein sicherheits- und friedenspolitischer Wert an sich. Nach etlichen Begegnungen mit Korpsangehörigen in Einsatzge-bieten stelle ich fest: Das Korps steht durch seine Praxis glaubwürdig für Krisenbewältigung und Friedensunterstützung im Rahmen der UN-Charta und im Auftrag von UN und nationalen Parlamenten und nicht für kriegerische Durchsetzung von Partikularinteressen. Noch nie war Militär in Münster so dicht am Motto des Westfälischen Friedens („Pax optima rerum“) wie das Deutsch-Niederländische Korps.
Zusammengefasst: In der heutigen europäischen Bedrohungslage ist die NATO friedenspreiswürdig. Dasselbe gilt für ihren andauernden KFOR-Einsatz. Ganz und gar nicht preiswürdig ist das strategische Scheitern der NATO und ihrer politischen Führung in Afghanistan und das Im-Stich-Lassen der dortigen Verbündeten.
Die aktuelle friedens- und sicherheitspolitische Wahrnehmung und Auseinandersetzung kreist zu oft ausschließlich um die militärische Dimension. Viel zu wenig Beachtung findet, dass wirksame Friedenssicherung durch Abschreckung und glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit nur gesamtstaatlich und gesamtgesellschaftlich erreicht werden kann, dass demokratische Wehrhaftigkeit in der Breite der Gesellschaft verankert sein muss und dass zivile Friedensförderung unverzichtbar bleibt. Hier gibt es – gerade auch im Vergleich zu unseren Verbündeten im Osten und Nordosten Europas – in Deutschland einen enormen Nachholbedarf.
Die EU Advisory Mission Ukraine arbeitet als einzige zivile EU-Mission in einem Kriegsgebiet für zivile Sicherheitssektorreform, Rechtsstaatsförderung, Verfolgung internationaler Kriegsverbrechen, Abwehr hybrider Bedrohungen und Unterstützung von Veteranen. EUAM UKR wird seit Juli von einer sehr erfahrenen deutschen Missionsexpertin geleitet. Die kompetenten und tapferen Frauen und Männer dieser Mission hätten besondere Aufmerksamkeit und Auszeichnung verdient. Angesichts der steigenden Wehretats in der NATO wäre es ein friedens- und sicherheitspolitisch herausragendes Zeichen, wenn NATO-Generalsekretär Mark Rutte das Preisgeld von 50.000 Euro an eine Organisation spenden würde, die vorbildlich die gesellschaftliche Resilienz und Wehrhaftigkeit in der Ukraine unterstützt.
Der Alternative Westfälische Friedenspreis für Connection e.V.
Der Zweck des Vereins „Alternativer Westfälischer Friedenspreis“ ist laut Satzung die Förderung der Völkerverständigung und der Bildungsarbeit zu Frieden, Verständigung, Toleranz und gewalt-freier Konfliktlösung auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene. Dies soll insbesondere durch die Verleihung eines alternativen Westfälischen Friedenspreises an Personen, Organisationen oder Initiativen geschehen, die sich durch nachhaltiges Engagement für Völkerverständigung, Frieden und Versöhnung auszeichnen.Diese Zwecke sind selbstverständlich zu begrüßen und unterstützenswert. Darüber hinaus sind aber die Äußerungen des Vereins auf seiner Website äußerst spärlich. Das friedenspolitische Anliegen des Alternativen Friedenspreises lässt sich nur aus Einzeläußerungen von Vereins- und Jury-Mitgliedern erschließen.
Pressemitteilung der Friedensinitiativen e.V. in Münster (FIM) vom 13.11.2025: Nach positiver Würdigung einiger früherer Preisträger wird die aktuelle Preisentscheidung der WWL als „höchst fragwürdig“ gewertet:
– Den Friedenspreis erhalte eine „Organisation, die den ersten, nach Auffassung fast aller Jurist:innen völkerrechtswidrigen Krieg nach Ende des 2. Weltkrieges in Europa geführt“ habe. (Anm.: Von den Gegner der damaligen NATO-Intervention konnte niemand sagen, wie man alternativ die Massenvertreibung der Kosovo-Albaner hätte stoppen und rückgängig machen können. Für verantwortliche Politik war das eine extreme Dilemma-Situation.)
– Die derzeitige gigantische Aufrüstung verschärfe die ohnehin schon beträchtliche Klimakrise noch deutlich.
– Die NATO sei ohne USA nicht denkbar. Dieses Land sei unter Führung von Präsident Trump zurzeit unberechenbar. (Anm.: Es ist falsch, den unberechenbaren Trump und die real agierende NATO in eins zu setzen. Bisher zeichnet diese sich durch besondere Verlässlichkeit gegenüber der Ukraine und den besonders bedrohten östlichen und skandinavischen Verbündeten aus.)
– Frieden durch Dialog, die Botschaft des Westfälischen Friedens werde völlig missachtet.
Der neue Preisträger setze auf Abschreckung durch Aufrüstung und Waffen. (Anm.: Je nach Bedrohungslage können Abschreckung und glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit notwendige Mittel der Friedenssicherung sein. In den 1930er Jahren waren die Nachbarn Hitler-Deutschlands unterrüstet und wehrlos. Gerade die östlichen und skandinavischen Verbündeten fordern heute Abschreckung und Wehrhaftigkeit gegenüber der realen russischen Bedrohung.)
Die Petition „Kein Friedenspreis an die NATO“ der Friedensinitiative Paderborn (unterstützt von der FIM Münster, über change.org verbreitet, bisher von rund 6.000 Menschen unterzeichnet) behauptet, die NATO stehe den Grundsätzen des Westfälischen Friedens diametral gegenüber, dem „das Streben nach einem Miteinander ohne Waffengewalt zugrunde“ liege. (Anm.: Der Westfälische Frieden ist keineswegs ein pazifistischer Vertrag.) Die NATO sei zu einem Sicherheitsrisiko in der westlichen Hemisphäre geworden; sie symbolisiere eine „Strategie, die auf militärische Lösungen“ ziele. (Anm.: Dass die NATO auf militärische Lösungen setze, ist eindeutig falsch. Immer wieder betonten NATO-Offiziere bei den Kriseneinsätzen der letzten Jahrzehnte, dass Militär dabei keinen Frieden schaffen könne, sondern im besten Fall nur die Rahmenbedingungen für politische Lösungen.)
Das Bündnis „Frieden statt NATO“ ruft für den 1. Oktober von 9:30 bis 15:00 Uhr zum Protest vor dem Historischen Rathaus auf. Es reden u.a. Reiner Braun, Sevim Dagdelen, Patrik Köbele. (Anm.: Diese Redner stammen aus dem BSW-, DKP-Spektrum und sind Apologeten der russischen „Friedenspolitik“.)
Heribert Prantl, Jury-Mitglied und prominenter SZ-Journalist, im Podcast „Friedensfall“ der WWL im Gespräch mit Wulf Schmiese (ZDF): Er warnt zu Recht vor uferloser Aufrüstung und drängt zu Recht auf geduldige diplomatische Bemühungen. In der Tat müssen auch bei notwendiger Wiederherstellung von Verteidigungsfähig-keit immer Möglichkeiten der Rüstungskontrolle mitgedacht werden. Wer weiß schon, dass das Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr weiter als Kompetenzzentrum für Rüstungs-kontrolle arbeitet. Und zu den Pflichtaufgaben von Diplomatie gehört es, auch in düsteren Zeiten weiter nach Gesprächsfäden zu suchen. Auffällig ist aber, dass der sonst so kluge und kundige Journalist kein Wort verliert zum Putin`schen Unrechts- und Gewaltsystem, Neoimperialismus und Vernichtungswillen. In Prantl`s Argumentation spielen die kollektiven Erfahrungen europäischer Nachbarn mit der Aggressions- und Okkupations-politik Nazi-Deutschlands und der Sowjetunion keinerlei Rolle. In den 1930er Jahren waren die europäischen Staaten wehrlos und auf sich allein gestellt. So konnten sie der Reihe nach von Wehrmacht und Einsatzgruppen überfallen., besetzt und im Osten mit Vernichtung überzogen werden. Seitdem ist bei ihnen eingebrannt: NIE MEHR WEHRLOS, NIE MEHR ALLEIN! Die Ignoranz gegenüber den Kollektiverfahrungen europäischer Nachbarn ist in Deutschland trotz aller entfalteter Erinnerungskultur sehr weit verbreitet.
Heribert Prantl meint, eine Friedenspreisverleihung an die NATO sei wie ein Vegetarierpreis für die Metzgerinnung. Damit spricht er der NATO und ihren Truppen jeden Friedenswillen und jede Friedensleistung ab. Dieses Pauschalbild verzerrt die ambivalentee Realität der NATO und ist faktisch ein Feindbild.
Margot Käßmann wird die Laudatio auf Connection e.V. halten. Zeitweilig war sie Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer. Gerade erschienen ihr Buch „Warum ich Pazifistin bleibe“. Am 1. September 2022 hielt sie in Münster eine Rede zum Antikriegstag. Dazu meine „Widerworte“ auf https://domainhafen.org/2022/09/ .
Preisverleihung an Connection e.V.
Des öfteren habe ich als MdB mit Connection zusammengearbeitet und in einzelnen KDV-Fällen unterstützt. Connection betreibt wichtige Menschenrechtsarbeit. KDV-Unterstützung hilft Wehrpflichtigen dabei, nicht aktiv in kriegerische Konflikte verwickelt zu werden und ihren individuellen Frieden zu finden. Das ist völlig legitim und eines Menschenrechtspreises würdig. Als Alternative zum WWL-Preis für die NATO soll die Auszeichnung von Connection aber offen-bar eine friedenspolitische Alternative zur NATO(-Politik) darstellen. KDV auf verantwortliche Politik übertragen läuft darauf hinaus, das Völkerrecht der nationalen und kollektiven Selbstver-teidigung zu verneinen, konkret der Ukraine alle militärischen Überlebenshilfe zu verweigern, generell freie Bahn für Aggressoren und Friedensstörer.
Zusammengefasst
Ausgehend vom Westfälischen Frieden als erstem Verhandlungsfrieden in der Geschichte Europas ist das Motto „Frieden durch Dialog“ ein fundamentales Prinzip für ein friedliches Zusammenleben von Staaten und Völkern: Konfliktlösung und Friedenssicherung durch Verhandlung und Vermitt-lung. Dieses Leitmotiv spiegelt sich auch in der UN-Charta (Art. 1/2-4, 2/3 usw.), die im Unterschied zum Westfälischen Frieden auch ein explizites internationales Gewaltverbot fixiert, zugleich aber auch Regelungen für Fälle von Friedensbedrohungen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche trifft. (Art. 1/1). Das Kapitel VI der Charta benennt Maßnahmen zur friedlichen Beilegung von Streitigkeiten, Kapitel VII Maßnahmen bei Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen – bis zum Einsatz von Waffengewalt im gemeinsamem Interesse. (Art. 42 ff.) Die Friedensprinzipien der UN-Charta schließen also den Schutz vor Friedensbedrohungen und den gemeinsamen Umgang mit ihnen ein (Wehrhafter Frieden).
Die UN-Charta war 1945 DIE Schlussfolgerung aus Weltkrieg und Völkermord, hat nichts an Aktualität verloren – und ist heute so sehr unter Beschuss wie kaum je zuvor. Dieser Kompass der UN-Charta spielt bei den Unterstützern des Alternativen Friedenspreises bisher keine erkennbare Rolle.
Bei allen ihren bisherigen Verlautbarungen fällt auf, dass der russische, auf die Vernichtung der ukrainischen Eigenstaatlichkeit gerichtete Angriffskriegskrieg, der Staatsterrorismus gegenüber der ukrainischen Zivilbevölkerung und die eskalierenden hybriden Angriffe gegen das demokratische Europa weitestgehend beschwiegen werden. Es wird eher der Eindruck nahegelegt, die NATO sei der Haupttreiber von Kriegsgefahr in Europa. (Von Seiten der der AfD, DKP und BSW wird das auch offen behauptet.) Keinerlei Empathie, geschweige Solidarität ist zu hören und zu sehen gegenüber ukrainischen Nachbarn, die seit viereinhalb Jahren mit Drohnen, Gleitbomben, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen bombardiert und deren Lebensgrundlagen systematisch zerstört werden. Dieses Wegsehen und Beschweigen bei krassem Unrecht ist ein Verhaltensmuster, das im Kontext der Aufarbeitung der NS-Verbrechen mal als indirekte Beihilfe zu Massenverbrechen identifiziert wurde.
Ich befürchte, dass von der Verleihung des Alternativen Friedenspreises am 25. September im Rathaus des Westfälischen Friedens eine Botschaft der Entsolidarisierung gegenüber der überfallenen und terrorisierten Ukraine ausgeht. Das würde der im März geschlossenen Solidaritätspartnerschaft Münsters mit Winnyzja in den Rücken fallen und darf nicht geschehen.
Umso erfreulicher ist, dass Oberbürgermeister Tilman Fuchs vor wenigen Tagen erstmalig seit seinem Amtsantritt im November 2025 die ukrainische Solidaritätspartnerstadt Winnyzja besucht hat. „Russland darf den Krieg nicht gewinnen“ zitiert ihn die örtliche WN. Bei den Solidaritäts- kundgebungen am 24. Februar und 24. August vor dem Rathaus sprach Tilman Fuchs sehr klar, engagiert und glaubwürdig zur politischen und praktischen Solidarität Münsters mit der Ukraine, mit den Menschen in Winnyzja.
Zu hoffen ist, dass die Redner:innen und Unterstützer:innen des Alternativen Friedenspreises am 25. September Farbe bekennen zu dieser europäischen Solidarität.
1 Mitglied im Beirat Zivile Krisenprävention und Friedensförderung der Bundesregierung, im Beirat Innere Führung des Verteidigungsministers, im Vorstand von „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“, in der AG „Gerechter Friede“ von Justitia et Pax, BAG Frieden & Internationales von Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestages zu Afghanistan 2022-2025, MdB 1994-2009